Zwischen Riesling rauf und runter

| 4. Juli 2001 | Keine Kommentare

Mitglieder des Alpenvereins Koblenz machten einzigartigen Klettersteig an Mosel begehbar – Fünf Wochen schwierige Arbeit

Der Blick vom Gipfel ist atemberaubend. Glitzernd mäandriert die Mosel tief unter uns in ihrem Millionen Jahre alten Bett. Wir haben es geschafft! Mehr als fünf Kilometer ist die kleine Gruppe durch den steilsten Weinberg Europas gekraxelt, auf einem Klettersteig mit teils alpinem Charakter. Mitglieder des Deutschen Alpenvereins, Sektion Koblenz, haben den einzigartigen Weg durch den Calmont zwischen den Weinorten Ediger-Eller und Bremm angelegt und gesichert. Jetzt kann jeder Schwindelfreie den Steig begehen.

Von Axel Müller

KOBLENZ/EDIGER-ELLER. Sonne, Schiefer, Riesling – das sind die Merkmale des Calmont-Weines. Im optimalen Neigungswinkel zur Sonne gedeiht der Moseltropfen unter günstigen klimatischen Bedingungen. Doch die extreme Steillage ist nicht nur Nährboden für die Reben, sondern auch Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten. Sma~ragdeidechse und Schlingnatter, Apollofalter und Zippammer teilen sich den ungewöhnlichen Lebensraum mit Hauswurz und Weinrose, Goldaster und Buchsbaum.

Vom Fuße der Eisenbahnbrücke bei Eller sind wir aufgestiegen, haben uns in Serpentinen bis zur Galgenlay oberhalb des Bahnhofs hochgearbeitet, bevor wir in den eigentlichen Klettersteig einsteigen. Ein großes Schild warnt noch einmal eindringlich: Wanderer sollten trittsicher und schwindelfrei sein. Wir marschieren weiter . . .

Was 70 Prozent Steigung bedeuten, wird einem klar, wenn man von 300 Metern Höhe zur Mosel hinabschaut. Die „Blaue Donau“, ein Schweizer Flusskreuzfahrtschiff, schiebt sich dort unten langsam flussaufwärts, und die Ferngläser, der auf dem Sonnendeck bruzzelnden Passagiere, sind auf uns dort oben im Berg gerichtet. Finger zeigen, Köpfe schütteln, ein zaghaftes Winken – wie sind die bloß dahingekommen?

Udo Schmidt vom Deutschen Alpenverein, Sektion Koblenz, weiß es, denn zusammen mit seinem Bergfreund Kurt Müller hat er in fünfwöchiger Arbeit den Klettersteig begehbar gemacht. Mit teils schwerem Gerät und unter gefährlichen Bedingungen wurde der Steig gesichert und ein Höhenweg geschaffen, der nördlich der Alpen seinesgleichen sucht. Bei 160 Bohrungen, die in den Schiefer eingebracht wurden, habe man sich nur einmal vertan, berichtet Schmidt stolz, während wir uns an einem Stahlseil und über Trittkrampen den Fels hinunterhangeln.

Ein leichteres Stück zwischen Rebstöcken hindurch lässt uns verschnaufen und die Aussicht genießen. Die Sonne, deren Kraft und güldene Farbe später aus den weingefüllten Römerkelchen in den Weinlokalen strahlt, kennt mit den Wanderern keine Gnade. Doch auch wenn das Herz wummert, die Lunge pfeift und die Wadenmuskeln sich melden – das Panorama ist jeden Tropfen Schweiß wert.

Käferklein liegen die Sonnenanbeter am Moselstrand, wenige Meter daneben ragt das gotische Skelett des Klosters Stuben empor, und hoch über uns auf dem Schlemmerkopf winkt das Gipfelkreuz. Dort wollen wir hin! Nahe Bremm verlassen wir den schwierigen Steig und stapfen auf „normalen“ Wanderwegen hinauf zum Startplatz der Gleitschirmflieger am Kreuz.

Für den gesamten Calmont-Rundweg sollte man mindestens vier Stunden einplanen. Wer längere Pausen einlegen möchte, kann aber auch durchaus den Tag im Berg verbringen. Ediger-Eller, Bremm und Neef liegen an der Bahnstrecke Koblenz-Trier und sind gut zu erreichen. Zum Abschluss locken die Weinlokale in den drei Moselorten und vielleicht eine „Kalte Ente“: Das gekühlte Gemisch aus Weißwein mit Zitrone, Sekt und einem Schuss Mineralwasser erfrischt.

Rhein-Zeitung vom 04.07.2001

Kategorie: Presse

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