Zugspitz-Solo

| 13. August 2005

Ein Bericht von Peter May über die Besteigung der Zugspitze vom 11./12.8.05.

Wie so oft standen im Jahr 2005 die bergsteigerischen Wünsche einerseits und deren Verwirklichung andererseits in krassem Missverhältnis. Eigentlich wollte ich mal den Jubiläumsgrat im Wetterstein versuchen, eine lange, ausgesetzte, hochalpine Gratüberschreitung. Um schnell zu sein und in der Terminauswahl flexibel zu bleiben, wollte ich die Tour solo machen. Da ich außerdem zuvor durchs Höllental zur Zugspitze aufsteigen wollte, musste ich zwei Tage stabiles Wetter haben. Am besten unter der Woche, um dem Massenbetrieb im Höllental und im Münchener Haus zu entgehen. Eine längerfristige Hochdrucklage wollte sich aber einfach nicht einstellen. Im Winter und Frühjahr gab es in den Nordalpen zudem erhebliche Schneemengen, die nur langsam wegtauten. So zögerte und zauderte ich, bis Anfang August ein Kälteeinbruch 25 cm Neuschnee auf der Zugspitze ablud. Ich sah meine Pläne für diesen Bergsommer schon endgültig entschwinden.

Was tun? Die Tour trotz nicht optimaler Verhältnisse trotzdem probieren? Bei der Länge und dem Anspruch der Tour, zumal allein und auf unbekanntem Weg, ein schwer verantwortbares Risiko. Weiter auf bessere Verhältnisse hoffen oder sogar das Ganze aufs nächste Jahr verschieben? Wollte ich auch nicht, da ich in diesem Sommer noch nicht ein einziges mal in den Bergen war und mich schon lange auf die Zugspitztour eingestellt hatte.

Also musste ein „Plan B“ her. Der sah so aus: für zwei Tage (11./12. August 2005) war für das Wettersteingebiet passables Bergwetter gemeldet, niedriges Niederschlags- und kein Gewitterrisiko, möglicherweise ein paar Wolken. Die Webcams auf der Zugspitze und ein Telefonat mit dem Hüttenwart vom Münchner Haus bestätigten, dass der Neuschnee vom Wochenende weitgehend weggetaut war. Für den Jubiläumsgrat zu wenig, aber für einen der klassischen Aufstiege zur Zugspitze sollte es doch reichen! Ich rechnete mir folgenden Ablauf aus: Donnerstag früh Abfahrt in Koblenz, Auto in Hammersbach abstellen, Aufstieg durch das Höllental auf die Zugspitze. Dort Übernachtung im Münchner Haus. Am nächsten Morgen Abstieg durchs Reintal nach Garmisch und Rückmarsch zum Auto, anschließend Rückfahrt nach Koblenz. Klettertechnisch keine besondere Schwierigkeit, aber konditionell ein Schlauch: 2.200 Höhenmeter Aufstieg, ebenso viele im Abstieg, insgesamt 38 km Gehstrecke und dazu 12 Stunden Alleinfahrt auf der Autobahn. Inspiriert hat mich zu dieser Tour unter anderem der bekannte Bergsteiger und Journalist Hermann Magerer, der in seinen besten Tagen den Höllentalanstieg und Jubiläumsgrat in 12 Stunden (!) von München aus hin und zurück gemacht hat.

Mittwochnachmittags war der Entschluss gefasst. Abends ging es aber erst noch mal mit der Klettergruppe in die Steinbrüche bei Mayen, wie immer mittwochs. Den Freunden erzählte ich noch nichts von meinem Vorhaben. Ich wollte mich keinem, wie auch immer gearteten, Leistungs- und Erfolgsdruck aussetzen (außer dem eigenen!). Nur mir selbst gegenüber verantwortlich sein und die volle Freiheit behalten, jederzeit abzubrechen oder umzudisponieren. Die Klamotten schnell gepackt, kurz noch aufs Ohr gehauen und am Donnerstag früh um 2.45 Uhr gings los.

Gleich auf der Hinfahrt erlebe ich auf der Autobahn den brenzligsten Augenblick der ganzen Tour (was wieder einmal zeigt, dass die alltäglichen Risiken oft viel größer sind als das vermeintlich gefährliche Bergsteigen): kurz vor mir schwenkt ein – offensichtlich eingeschlafener – LKW-Fahrer in vollem Tempo quer über die ganze Fahrbahn auf den linken Seitenrabatt und kracht ums Haar in die Mittelleitplanke. Kurz bevor es kracht wacht unser übermüdeter Kapitän der Landstraße aus seinem Sekundenschlaf auf. Eine dicke Staubwolke wirbelt auf, der 20-Tonner schlingert direkt vor mir wild über die Straße – aber Gott sei dank ist nix passiert. Ich stelle mir lieber nicht vor, was passiert wäre, wenn ich mich gerade beim Überholen neben dem Brummi befunden hätte…

Nächste Hürde: Am Touristen-Parkplatz in Hammersbach will ein Straßenräuber namens Parkscheinautomat stolze 7,- Euro für zwei Tage Parken haben, in Kleingeld und abgezählt. Hab ich natürlich nicht passend dabei. Nach einigem Betteln bei anderen Überfallenen krieg ich aber die Münzen getauscht und um 10.00 Uhr kann es endlich los gehen.

Unten im Ort machen mehrere Schilder aufmerksam: „Zugspitze nur mit Steigeisen“. Gemeint ist die Überquerung des Höllental-Ferners, der jetzt im Spätsommer stellenweise ausgeapert ist. Schon gestern haben mich die Hüttenleute auf der Zugspitze am Telefon darauf hingewiesen, und so hab ich welche eingepackt. Vorsorglich habe ich auch noch den Pickel dabei, falls im Blankeis Stufen geschlagen werden müssen oder der Altschnee im Klettersteig noch gefroren ist (was sich im Nachhinein aber als überflüssig erweisen sollte). Aufs Rucksackgewicht brauche ich – im Gegensatz zum Jubigrat – nicht so sehr zu achten, weil es sich überwiegend um Wandergelände handelt und weiter oben am Klettersteig durchgängig Seilsicherungen angebracht sein sollen, also keine frei zu kletternde Passagen zu bewältigen sind.

In der Höllentalklamm gibt es viel Wasser von oben und ebenso viele Touristen. Hinter der Höllentalangerhütte wirds dann schlagartig still und einsam. Hier sind um diese Uhrzeit kaum noch Leute unterwegs, eine Stunde lang höre und sehe ich keine Menschenseele. Auch sonst sind keine Geräusche mehr zu hören. Die Glocken vom Weidevieh sind weiter unten schon verhallt. Hier oben am Fuß des Gletschers herrscht eine eigenartige Stimmung. Die Sonne ist verschwunden. Die Zugspitze ist nicht zu sehen, oberhalb von etwa 2.500 Meter hängt eine dicke Wolkenschicht. Die Gedanken kreisen um das Ungewisse, das noch vor mir liegt: Gibt es Spalten auf dem Gletscher? Wie groß ist die Randkluft? Hält das Wetter? In diesem Moment empfinde ich die negative Seite eines Alleingangs. Du kannst mit niemandem deine Ängste und Mühen teilen. Aber auch deine Freude kannst du keinem Kameraden mitteilen. Und wenn du dich verletzt, verirrst oder einen Unfall hast, hast du ganz schlechte Karten. Um so eindrücklicher, ja fast erdrückend zeigt sich die ganze erhabene Größe der Bergwelt um mich herum. Ein tiefer, bleibender Eindruck.

Die Passage über den Höllentalferner mit Steigeisen und Wanderstöcken erweist sich dann aber als absolut unproblematisch. Die Randkluft zwischen Ferner und Felswand ist dank einer stabilen Schneebrücke schnell überwunden. Der nun folgende Klettersteig ist ebenfalls technisch einfach und durchgängig mit Drahtseilen versichert. Das mitgenommene Gurtzeug kann im Rucksack bleiben. Allerdings bringt der steile Schussanstieg mich doch an meine physische Leistungsgrenze, die vielen Höhenmeter fordern ihren Tribut. Ziemlich ausgepumpt und auf wackligen Beinen erreiche ich um halb fünf Uhr nachmittags den Gipfel der Zugspitze. 6 ½ Stunden hab ich gebraucht, ohne zu Hasten, das ist keine schlechte Zeit (laut Führer dauert der Anstieg im Schnitt 7 bis 8 Stunden). Obwohl im Wolkennebel, statte ich dem höchsten Punkt mit dem goldenen Strahlenkreuz einen kurzen Pflichtbesuch ab. Keine Aussicht, aber endlich oben! Für heute reicht´s mir vollkommen.

Zwei Weizenbier und ein Teller Nudeln päppeln mich im Münchner Haus wieder auf. Am Tisch sitzen noch zwei nette Jungs aus Holland und zwei Brüder aus Württemberg, mit denen ich mir die Zeit am Abend vertreibe. Um 21.00 Uhr liege ich schon im Matratzenlager, ich bin einfach nur müde. Die Alpenvereinshütte ist heute mit nur etwa 20 Gästen belegt, so dass ich einen regulären Schlafplatz bekomme. Nachts wird es doch noch eng, weil wir uns zu dritt zwei Matratzen teilen müssen. Allzu viel Schlaf habe ich nicht bekommen, dafür leiste ich mir den Luxus, als letzter im Lager erst um 6.30 Uhr aufzustehen.

Am Morgen bietet sich ein völlig anderes Bild: strahlender Sonnenschein an einem fast wolkenlosen Himmel. Die Zugspitze wirft einen unendlichen, dreieckigen Schatten auf das erleuchtete Gebirge, ein wirklich schönes Bild von hier oben. Endlich kann ich auch die grandiose Aussicht vom höchstem Punkt Deutschlands genießen: die schneebedeckten Bergketten des Alpenhauptkamms, eine gleißende Sonne über dunstverhangenen Tälern, tief unten der nachtblaue Eibsee. Nach einem gemütlichen Frühstück mit extra Kaffe gratis mache ich mich um kurz nach sieben an den Abstieg ins Reintal. Nachts hat es gefroren und die wenigen Altschneereste auf dem Weg nach unten sind gefährlich glatt. Hier gilt es aufzupassen. Ansonsten gibt es keine Schwierigkeiten. Der etwas grobschlächtige, aber liebenswerte Wirt des Münchner Hauses, Hansjörg Barth, hat mir extra noch mal die Abstiegsroute erklärt. Die erste Stunde bin ich allein unterwegs und genieße die Sonne und die Stille auf dem weiten Zugspitzplatt. Links oberhalb von mir zieht der markante Jubiläumsgrat entlang. Auf ihm entdecke ich plötzlich einen einzelnen Bergsteiger. Es geht also doch! Eine Zeit lang beobachte ich, wie er die Gratzacken auf- und absteigt, immer ganz oben auf der ausgesetzen Kante. Sicher ein guter, erfahrener Alpinist, denke ich. Dennoch bereue ich nicht meine Entscheidung, auf den Jubiläumsgrat zu verzichten. Eine Vierergruppe, die heute morgen früh von der Hütte zur Gratüberschreitung aufgebrochen war, ist eine halbe Stunde später wieder umgekehrt, offensichtlich wegen der schwierigen Verhältnisse. Ich erfreue mich am Augenblick, dem schönen Wetter und der Bergwelt, alles passt.

Weiter unten auf der Knorrhütte ist schon ordentlich was los, offenbar wollen viele Wanderer und Bergsteiger das gute Wetter ausnützen. Die erste Pause lege ich an der Reintalangerhütte ein. Hier hat Charly Wehrle das Sagen, der vielen Kletterern als Buchautor und Wirt der Oberreintalhütte bekannt sein dürfte. Ich lasse mir ein Weizenbier schmecken und trotte anschließend leichtfüßig weiter. Im Talgrund der Partnach sind die Steilstücke des Abstiegs überwunden und der kleine Fluss ist von nun an ständiger Begleiter auf dem Rückweg nach Garmisch. Eine weitere kurze Rast nebst Radler gibt es an der Bockhütte. Es ist schon über Mittag und die inzwischen breite Forststraße will einfach kein Ende nehmen. Jetzt ist Ausdauer gefragt. Den Weg durch die enge Partnachklamm empfinde ich nicht mehr als Wunderwerk der Natur. Eher als störendes Hindernis für meinen Gehrhythmus, ebenso wie die sich stauenden Menschen dort. Nur noch die restlichen Kilometer ablatschen und dann ab nach Hause! Am Ausgang des Reintals in Garmisch ist die Tour aber leider noch nicht zu Ende. Von hier aus bis zum Auto in Hammersbach geht es zwar topfeben, aber noch mal eine gute Stunde über Asphaltwege weiter. Der sportliche Ehrgeiz lässt mich auf die Eisenbahn verzichten, ich will meine große Runde per pedes vollenden. Das letzte Stück bis zum Parkplatz ist hart. Neun Stunden war ich heute zu Fuß unterwegs, 29 km gelaufen und 2.200 Höhenmeter in den Beinen. Dennoch bin ich am Ende froh und zufrieden. Froh über das Erreichen des selbst gesteckten Ziels. Und auch stolz auf die eigene Leistung. Noch nie habe ich so viele Höhenmeter am Stück gemacht. Noch mal 6 Stunden relativ entspannte Autobahnfahrt, um 22.00 Uhr bin ich wieder zuhause in Koblenz.

Jetzt, wo ich diesen Bericht verfasse, bin ich doppelt dankbar für die zwei schönen Tage im Wetterstein. Die Gegend um Garmisch-Partenkirchen, wo ich vor zwei Wochen meine Bergtour gemacht habe, versinkt derzeit in Dauerregen, Hochwasser und Gerölllawinen, es herrscht Katastrophenalarm. So großartig und erhaben wie die Natur ist, ebenso unbarmherzig und zerstörerisch kann sie sein. Mir hat sie sich diesmal gnädig gezeigt.

Peter May

Kategorie: Klettergruppe

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