Watzmanüberschreitung – Solo

| 15. August 2005

Ein Bericht von Delef Reimann.

Das Jahr 2005 hatte verhalten angefangen. Große Ziele hatte ich mir nicht vorgenommen. Eher war daran gedacht, kleine, aber genussvolle Wochenendtouren zu machen. Klettern ist ein sehr partnerorientierter Sport, der viel Vertrauen erfordert und fördert, und auch erst in der Gemeinschaft die Freude, den Spaß und die Entspannung hervorbringt. Bisher ging ich alle Touren in der Geborgenheit der Gemeinschaft.
Joe Simpson schrieb in seinem Buch „Im Banne des Giganten“: „Wenn ich einen Berg im Alleingang besteige, fühle ich mich einsam und vermisse die Gesellschaft eines Partners, mit dem ich das Abenteuer gemeinsam genießen könnte. Allein felszuklettern ist mir schlichtweg ein Graus.“ Ich kann das nachvollziehen.
Nach der Kletterwoche an der Costa Blanca und dem Großen Wiesbachhorn (3565m, Kaprun) – eine sehr schöne und kurzweilige Tour – ergab sich für dieses Jahr keine Gelegenheit mehr für gemeinsame Aktivitäten. So blieben Vorschläge für die Watzmannüberschreitung, die Watzmann Ostwand, Höllental mit Jubiläumsgrat oder das Matterhorn in diesem Stadium stecken. Letztlich entschied ich mich, die Watzmannüberschreitung selbst anzugehen. Das schien mir die machbarste Tour für einen ersten Alleingang und hatte den Vorteil, sich die Ostwand von oben anzuschauen und das Terrain für spätere Vorhaben zu sondieren. Auch die Vorbereitungen für diese Solotour hielten sich in Grenzen.
Während der Tourenplanung entschied ich mich, frühzeitig von der Wimbachbrücke aufzusteigen, die Überschreitung zu machen, über die Südwand wieder abzusteigen und zur Brücke zurückzugehen. Alles in allem 12 Stunden, so mein Gedanke. Der Watzmanngrat wurde als ausgesetzt und die Tour selbst als konditionell anstrengend beschrieben. Konditionell sah ich kein Problem. Im Gegenteil, die Tour konnte mich körperlich nicht genug fordern. Bedenken hatte ich wegen der mentalen Belastung. Was bedeutete die Ausgesetztheit? Insofern war ich sehr angespannt. Ein weiteres Risiko war das Wetter. Ich suchte einen Zeitraum mit relativ stabiler Wetterlage über zwei Tage. Der Juli bot nicht so sehr viele Möglichkeiten. Die Entscheidung fiel kurzfristig. Der Alleingang gab mir Flexibilität in meiner Zeitplanung.
Am Donnerstag, den 28. Juli, machte ich mich nach der Arbeit von Mainz aus mit dem Auto auf den Weg Richtung Berchtesgaden. Ganz sicher war das Wetter nicht.
Die Fahrt verlief sehr stockend, so dass ich den Parkplatz an der Wimbach Brücke (634m) erst gegen 02:00 Uhr erreichte. Ich kann mich Peters Ansicht (s. seine Wegbeschreibung zur Zugspitze) über die Gefahren der An- und Abreise nur anschließen und denke, dass auf dem Weg zum und von der Bergtour die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls für einen Bergfreund größer ist, als bei der Bergtour selbst. Die Anstrengung der Fahrt hatte jedoch den Vorteil, meine Anspannung völlig abzubauen. Was nun ablief, hatte eher den Eindruck der exakten Einhaltung eines Fahrplans.
Ich zog mich um und packte den Rucksack fertig. Nur 3 Liter Wasser lud ich ein, in der Hoffnung, am Watzmannhaus den ersten Flüssigkeitsbedarf zu decken. Dann legte ich mich zum Schlafen ins Auto. 03:45 piepste der Wecker im Telefon. Ich aß etwas und trank warmen Tee aus der Thermoskanne. Pünktlich um 04:00 Uhr mit der Stirnlampe bewaffnet zog ich los. Auf dem Forstweg wurde mir sehr schnell warm. Der Weg durch den Wald ist sehr schön. Ich genoss die Ruhe. Die Dunkelheit und meine Unerfahrenheit hatten ihre Tücke. Ich lief an dem Abzweig zum Watzmannhaus vorbei und zog zügig meinen Weg bergauf. Es dauerte eine Weile bis die Zweifel über den richtigen Weg so groß wurden, dass ich anhielt und eine exakte Standortbestimmung machte. Voll daneben. Unheimlich peinlich. Schlimmer noch, mein Zeitplan wankte. Für den späten Nachmittag war Gewitter angekündigt. Jetzt kam die Aufregung wieder. Ich entschied, zumindest zum Hocheck aufzusteigen. Dort wollte ich das weitere Vorgehen festlegen. Den Rückweg zum Ausgangspunkt machte ich fast im Laufschritt. Kurz nach 05:00 Uhr stand ich am Abzweig zum Watzmannhaus. Der Aufstieg konnte beginnen. Es dämmerte bereits. Zügig stieg ich über Stubenalm und Mitterkaseralm hinauf. Ich ließ mir unterwegs Zeit, ein paar Fotos vom aufgehenden Morgen zu machen. Der Morgen war phantastisch und da ich schnell vorankam, beruhigte ich mich wieder.
Kurz vor 07:00 Uhr stand ich vor dem Watzmannhaus (1928m). Bis dahin war es recht einsam unterwegs. Nun strömten die Tourengeher aus dem Hotel. Der Weg zum Hocheck sah wie eine Ameisenstrasse aus. Das interessierte mich zu diesem Zeitpunkt wenig. Ich setzte mich in die Wirtsstube und trank zwei halbe Liter Wasser. Ich überdachte meine Zeitplanung und stellte fest, dass ich nahezu im vorgesehenen Zeitfenster lag. Aus diesem Grund ließ ich mir am Watzmannhaus etwas mehr Zeit. Zum einen, um etwas Atem zu schöpfen – 1200 Höhenmeter in zwei Stunden, und zum anderen, um etwas Abstand zur Massenflut zum Gipfel zu bekommen. Es war, als hätten sich Punkt 07:00 Uhr die Schleusen geöffnet.
Den Aufstieg zum Hocheck begann ich 07:30 Uhr, eine halbe Stunde nach dem ursprünglichen Zeitplan. Kurz nach 09:00 Uhr erreichte ich den ersten Gipfel. Um beim Vergleich zu bleiben, aufgrund der vielen Bergfreunde ein Ameisenhügel. Der Weg an diesem jungen Morgen war herrlich und hervorragend gekennzeichnet. Es gab kein Problem mit der Wegfindung. Mein Irrweg unten im Tal saß tief im Bewusstsein. Eine wichtige Erfahrung, die ich von der Tour mitnahm, allein noch aufmerksamer und permanent den Wegverlauf zu prüfen. Ich hatte unterwegs Zeit, einige Bilder vom kleinen Watzmann und den Watzmannkindern zu machen. Zudem dachte ich an die bisherigen Touren und vermisste die Gemeinschaft von Freunden. Genuss und Freude lässt sich durch Freunde steigern.
Mit etwas Mühe fand ich einen freien und sicheren Platz für die Pause. Nach einem Müsliriegel und einem kräftigen Schluck Wasser packte ich meinen Rucksack wieder auf den Rücken und machte mich auf den Weg. Die Hütte am Hocheck konnte ich kaum passieren. Viele Bergfreunde blockierten den Weg. Danach war ich fast allein. Nur wenige gingen vor mir auf dem Pfad zur Mittelspitze (2713m). Der Weg war trocken. So hatte die Ausgesetztheit des Weges wenig Anspannendes. Im Gegenteil es gab genügend Gelegenheit, sich die Gegend anzuschauen. Das Auf und Ab des Grates machte die Tour abwechslungsreich.
Auf der Mittelspitze tankte ich ein paar Kalorien und vor allem Flüssigkeit. Die Sonne brannte schon recht erbarmungslos von Südost. Es sollten über 30 Grad werden. Der zweite Teil der Überschreitung war wesentlich interessanter. Der Weg ist nach meinen Eindruck noch mehr mit Auf- und Abstiegen versehen, die teilweise bis zu 200 Höhenmeter wieder hinabführen. Das forderte die Kondition. Nun bekam man einen neuen Blick auf die Watzmannkinder, auf deren Nordhängen noch der Firn lag. Beeindruckend ist auch ein Blick hinunter nach St. Bartholomä. Zeit nahm ich mir, von oben in die Ostwand hineinzublicken. Der Brösel sah von hier oben erschreckend aus. Es gibt noch genügend Material für Steinschläge – versprochen. Die Biwakschachtel 300m tiefer und die Ausstiegskamine waren gut zu sehen. Die Unübersichtlichkeit der Wand ist beeindruckend. Ich nahm mir vor, die Begehung der Ostwand nur bei klarer Sicht bis zum Gipfel zu machen. Eine andere Chance sehe ich für eine erfolgreiche Erstbegehung nicht. Demut ist angebracht.
Um 11:00 Uhr stand ich auf dem Südgipfel, der Schönfeldspitze (2712m), und trug mich in das Gipfelbuch ein. Die Überschreitung widmete ich aus Dankbarkeit meiner bisherigen Seilschaft. Auf dem Gipfel traf ich einen Vater mit seinen beiden, fast erwachsenen Kindern. Wir genossen den wunderbaren Ausblick und verabredeten, den Abstieg gemeinsam zu machen. Das Wetter hielt, das war erfreulich. Nachteilig ist die direkte Sonneneinstrahlung in der Südwand, was an diesem Tag mehr als 30 Grad ausmachte. Meine Wasserreserven ließen nach. Es galt, sich zu beschränken.
Gegen halb 12 Uhr begannen wir den Abstieg. Im Nachhinein war das für mich die größte Herausforderung. Immerhin lagen schon etwas mehr als 7 Stunden Weg hinter mir. Die 1400m Höhenmeter bis in das Wimbachgries sind sehr Kräfte zehrend. Zunächst ist der Weg noch einfach. Ein alpiner Abstieg bis zur zweiten Scharte, der teilweise gut versichert ist. Dann führte der Weg über einen Schotterhang in das Schönfeld. Das Surfen im Geröll strengt sehr die Unterschenkel an. Ich weiß nicht, wie man das in der Vorbereitung auf eine Bergtour trainieren kann. Das Schotterfeld ging an meine körperlichen Reserven.
Irgendwann erreichten wir die Baumgrenze. Es war trocken am 29. Juli. Bei Nässe kann meines Erachtens dieser Weg durch die Latschen sehr rutschig und gefährlich werden. Dann ist das Risiko für eine Schussfahrt ins Tal sehr hoch. Witzig sind die Eisenketten zur Versicherung des Weges. Wir hatten trotz der bisherigen Anstrengung gut Lachen und wollten schon aufgrund der Ketten auf die Zahnradbahn warten. Wir einigten uns darauf, doch weiter zu Fuß abzusteigen, da nirgends ein Fahrplan hing. Ich denke, dass unsere kleine 4er-Gruppe der fröhlichste Trupp an diesem Tag in der Südwand war.
Irgendwann erreichten wir den Boden des Wimbachgries und ich den Boden in meiner Trinkflasche. Und noch gut 2 ½ oder 3 Stunden bis zur Wimbachbrücke. Wir kamen zügig voran. Die Rettung wartete an der Wimbachgrieshütte (1327m). Das Hemd wurde im Bachwasser „gewaschen“ und naß übergezogen. Ich füllte die Wasserflasche auf. Dann wiesen 2 Mass Russn (Weißbier und Limonade) den Durst in die Grenzen. Noch besser: Der Schmerz in den Unterschenkel verließ mich. Ein wahres Lebenselixier. Fröhlich passierten wir dann das Wimbachschloß. Kurz nach 16:00 stand ich am Auto. Es war geschafft. Nach Plan, 12 Stunden und trotz der Anfangsschlappe. Gleich überlegte ich, was ich hätte besser machen können. Aufgrund der Gewitterwarnung zu späten Nachmittag hin, hatte ich den Rucksack voll mit Steigeisen, Handschuhen, Mütze, Goretex-Jacke und –Hose gepackt. Letztlich würde ich mich bei dieser Wettervorhersage wieder für die Mitnahme dieser Sachen entscheiden. Auch über die Strecke dachte ich nach. 1 Stunde Zeitverlust durch den Verhauer beim Abmarsch und die ausgiebigen Pausen. Ich denke, dass die gesamte Tour in 10 bis 10 ½ Stunden machbar ist. Kritisch ist der Abstieg zu bewerten, der bei schlechteren Witterungsverhältnissen, vor allem bei Nässe, eine noch größere Herausforderung darstellt.
Es war nicht ganz einfach, sich frisch zu machen. Ich entschied mich, in den Wimbach zu steigen. Aber wo, ohne öffentlich Ärgernis zu erregen? Endlich fand ich einen geeigneten Patz. Das eiskalte Wasser tat gut. Aber lange hielt ich es darin nicht aus.
Sauber gebadet suchte ich den nächsten Biergarten auf. Zwei Radler sorgten nun auch von innen für genügend Erfrischung. Über mir zogen Wolken auf. Das Gewitter kündigte sich machtvoll an. Langsam fuhr ich Richtung Autobahn. Ich genoss die Natur links und rechts der Landstraße. In der vergangenen Nacht hatte ich nichts davon mitbekommen.
In Gedanken plante ich schon die Begehung der Ostwand. Es schien mir eine geeignete Vorbereitung für das Matterhorn zu sein. Der Jubiläumsgrat reizte mich auch noch. Um so mehr freute ich mich, dass sich später Norbert dafür begeistern ließ, mit mir die Ostwand zu machen. Die Planung war fertig. Leider machten uns Verletzung und Wetter einen Strich durch die Rechnung. Einen späteren Versuch eines Alleinganges brach ich ab. Das Wetter ließ es nicht zu, die komplette Wand zu sehen und das Risiko vernünftig zu bewerten. Die Entscheidung war richtig, wenn man die Ereignisse der Berchtesgadener Bergwacht vom August 2005 auswertet. Ich bestieg dann alternativ den Nordgrat der Fleischbank im Wilden Kaiser. Das ist aber eine andere Geschichte wie auch die mehrtägige Tour im Wallis.
Auf dem Weg gen Norden verdunkelte sich der Himmel zusehends. Fast schwarz wie die Nacht brach das Unwetter auf der Höhe Holzkirchen herein. Hinter mir lag das sehr sonnige Soloereignis des Watzmann, ein notwendiger Neubeginn in meiner „Bergkarriere“. Vor mir lag düster und in der Dunkelheit drohend die Stadt München.

Kategorie: Klettergruppe

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