Viertäler – Eine Radtour zwischen Rheingold und Hunsrückhöhen

| 29. März 2020 | Keine Kommentare

Von Peter May, Koblenz

Bei der Suche nach einer Radrundfahrt, die auf ruhigen Landstraßen, gerne mit ein paar Höhenmetern gewürzt, durch eine attraktive Landschaft führen sollte und zudem schnell mit Auto oder Bahn zu erreichen sein, fiel mein Blick beim Kartenstudium auf eine Gegend mit dem vielversprechenden Namen „Viertäler“. Mit dieser historischen Bezeichnung ist eine Landschaft umrissen, die sich am Mittelrhein bei Bacharach zwischen dem tief eingeschnittenen Rheintal und dem westlich angrenzenden Hunsrück erstreckt. Die vier Täler sind kurze und deshalb auch ziemlich steile Bachtäler, die im Mittelgebirge auf etwa 500 Meter Meereshöhe entspringen und direkt dem 400 Meter tiefer liegenden Rhein zufließen. Wo Täler sind, sind auch Berge – oder zumindest Hügel. Beim näheren Hinschauen stellte ich fest, dass durch alle vier Täler Straßen führen, die sich auf der Höhe wieder treffen und zusammen mit dem linksrheinischen Radweg zu einer netten Rundfahrt mit knapp tausend Höhenmetern verbinden lassen. Da die Täler west-östlich ausgerichtet sind, haben sie zwei Gesichter, die verschiedener nicht sein könnten: während die sonnenbeschienenen Südhänge heitere Weinberge tragen, ist die gegenüberliegende Seite von dichten, schattigen Wäldern bewachsen. Die flache Hunsrückhöhe dagegen bietet wiederum ein gänzlich anderes Bild, sie ist durch offenes Acker- und Wiesenland geprägt. Schließlich stand der Plan: ich würde durch die vier Täler dreimal auf den Hunsrück und wieder hinunter Richtung Rhein fahren, was nicht nur abwechslungsreiche Landschaften versprach, sondern auch den sportlichen Ehrgeiz zufrieden stellen sollte.

An einem der letzten schönen Herbsttage Ende Oktober 2019 starte ich gegen Mittag im malerischen Städtchen Bacharach. Mit knapp 20 Grad ist die Luft noch erträglich mild. Die tief stehende Sonne gießt mit letzter Sommerkraft goldenes Licht über das Land und Heiterkeit ins Gemüt. Mit meinem roten Rennrad, dem treuen Gefährt(en) seit vielen Jahren, rolle ich über den Radweg am Rheinufer entlang Richtung Süden bis nach Niederheimbach. Hier biege ich rechts ab in das Tal des namengebenden Bachs und verfolge ein kurzes Stück die Landstraße bis nach Oberheimbach. Dann folgt ein steiler, aber sehr schöner und aussichtsreicher Weg durch die farbenfrohen Weinberge. Für die Augen ein Genuss, für Herz und Lunge die erste Arbeitseinheit.

In den Weinbergen bei Oberheimbach

Nach 200 Höhenmetern erreiche ich einen markanten Geländesattel. Unvermittelt geht es auf der anderen Seite des Bergrückens hinab ins Diebachtal. Der Wirtschaftsweg durch den Wald ist glücklicherweise asphaltiert, so dass es keine Probleme mit den Reifen gibt. An der Kirche in Oberdiebach biege ich linkerhand in die Rheingoldstraße (K 27) ab, die vom Rhein nach Rheinböllen hinauf führt. Als nächstes durchquere ich das Dorf Manubach. Es liegt so tief im Tal verborgen, dass sogar jetzt um die Mittagzeit kein Sonnenstrahl mehr die Häuser erreicht. Eine schauderhafte Vorstellung, dass den ganzen Winter lang kein Sonnenlicht ins Dorf kommt! Aber auch hier hat sich der Mensch gut eingerichtet, wie an den vielen alten Fachwerkhäusern mit ihren mehr oder weniger sinnreichen Sprüchen abzulesen ist. In gemütlichem Tempo geht es auf der Landstraße durch den stillen Herbstwald hinauf durch das Gailsbachtal, bis die Hochfläche auf 460 Meter Höhe erreicht ist. Dank der neuen Zahnradübersetzung macht es keine besondere Mühe, die rund 10 % Steigung hoch zu kommen. An der Einmündung in die L 224 biege ich rechts ab in Richtung Bacharach. Auf der gut ausgebauten Straße geht es eine ganze Weile lang in gleichmäßigem, nicht allzu steilen Gefälle bergab. Im Tal des Bieselbachs führt die Straße mal auf der linken, mal auf der rechten Talflanke entlang, mal ist es hell und warm, mal schattig und kühl. Die Straße ist aber überall trocken und das flotte Hinabrollen über lange Geraden und durch enge Kurven macht richtig Laune. Bald ist der Bacharacher Ortsteil Steeg, ein altes Winzerdorf, erreicht. Zeit für einen Trink- und Fotostopp. Von 120 Meter über NN geht es nun erneut aufwärts durch ein enges Bachtal, um ein letztes Mal den Hunsrück zu erklimmen. Unterhalb der Burgruine Stahlberg verfolge ich das Borbachtal in westlicher Richtung. Allmählich steiler werdend, windet sich die Straße durch den Wald hinauf nach Breitscheid, das auf einer weiten, sonnigen Hochfläche liegt.

Serpentinenstraße bei Breitscheid

Durch Wiesen und Felder geht es immer weiter bergan, bis der ausgedehnte Wald auf der Höhe erreicht ist. Am Waldrand halte ich an und genieße ich den endlosen Blick nach Osten. Diese Weite, welch ein Kontrast zu den engen Tälern! Vor mir erstrecken sich die Höhen von Soonwald und Binger Wald, jenseits des Rheingrabens das Rheingau-Gebirge, der dunkle Taunusrücken und im Nordosten der weite, flache Einrich, der bis zur Lahn reicht. Ganz weit weg am Horizont kann ich schemenhaft die höchste Erhebung des Taunus und des gesamten Rheinischen Schiefergebirges erahnen, den Großen Feldberg (878 m). Das sind 70 Kilometer Luftlinie von hier aus – wow, was für eine Fernsicht! Ein Ziel für künftige Radtouren…? Wer weiß!

Blick Richtung Taunus

Auf der flachen Höhe geht es jetzt wieder auf der Rheingoldstraße durch den Wald, wo ich mit 495 Metern über Normalnull den höchsten Punkt meiner Rundfahrt erreiche. Jetzt geht es nur noch bergab, ohne Aufenthalt komme ich schnell voran. Die Kreisstraße führt mich durch offenes Gelände nach Perscheid und zügig weiter nach Langscheid. Gleich danach beginnt der dramatisch steile Abstieg ins Rheintal. Im Dorf Henschhausen hat die Straße 17 % Gefälle und ich muss kräftig in die Bremsen greifen. Hinter dem Ort fällt die Straße ab in das kurze und extrem steile Tal des Leimbachs. Die Straße ist mit mehreren Spitzkehren so eng gewunden, dass sie den großen Alpenpässen in nichts nachsteht – ok, abgesehen von der Länge und der absoluten Höhe natürlich. Ich bin begeistert, so viel Berg-Ambiente in meiner Heimat vorzufinden. Viel zu schnell ist der Spaß vorbei und ich bin wieder ganz unten im Rheintal. Schon will ich mich aufrichten und entspannen, da kommt zum Schluss noch das „dicke Ende“: Kopfsteinpflaster à la Paris-Roubaix! Im Jahr 2019! Knapp einen Kilometer lang schüttelt es mich und meine Rennmaschine auf der alten B 9 noch mal ordentlich durch. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet! Aber sind es nicht gerade solche Erlebnisse, die haften beiben?

Kopfsteinpflaster auf der alten B 9 bei Bacharach

Kurz nach vier Uhr am Nachmittag, drei Stunden nach meinem Start, bin ich wieder in Bacharach angekommen. Mein Tourenbuch notiert -nur- 43 Kilometer Strecke und -immerhin- 950 Höhenmeter. Ich gönne mir noch eine letzte Pause auf einer Sinnesbank am Ufer des großen Stroms, bevor ich das Rad wieder ins Auto lade und nach Hause fahre. Nach meiner heutigen Rundfahrt kann ich gut nachvollziehen, weshalb die UNESCO das obere Mittelrheintal als Weltkulturerbe anerkannt hat. Die Landschaft des mächtigen Canyons ist, zumal an einem sonnigen Herbsttag wie heute, voller Kontraste und dank ihrer gewaltigen Höhenunterschiede als absolut spektakulär zu bezeichnen. Wie schön, dass ich hier unterwegs sein konnte!

Am Rheinufer bei Bacharach

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Kategorie: Albatros, Allgemein, Klettergruppe, Klettergruppe Albatros

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