Mittenwalder Höhenweg & Co. – eine Bergwoche rund um Garmisch-Partenkirchen

| 28. Juli 2020 | Keine Kommentare

Von Peter May, Koblenz

Im Sommer 2020 hat die Corona-Pandemie unsere Urlaubspläne ordentlich durcheinander gewirbelt. So kam es, dass meine Familie und ich statt auf einem Kreuzfahrtschiff im Nordatlantik eine Ferienwoche in den deutschen und österreichischen Alpen verbrachte. Eine mehr als gute Alternative, wie sich zeigen sollte.

Am ersten Julisonntag starten meine Frau Bianca, unser 14-jähriger Sohn Benedict und ich bei sonnigem Urlaubswetter Richtung Tirol. In Ehrwald am Fuß der Zugspitze stellen wir das Auto ab und fahren mit der Seilbahn auf die Ehrwalder Alm. Zunächst über breite Forstwege, dann entlang des wunderschönen Seeben-Sees und zuletzt in steilen Serpentinen geht es kurzweilig hinauf zur Coburger Hütte des ÖAV (1.920 m) in den Miemiger Bergen. Trotz Corona ist die Hütte gut gefüllt und wir können froh sein, dass wir vorab drei Schlafplätze reserviert haben. Gleich hinter der Hütte liegt der Drachensee, der im warmen Abendlicht ein dankbares Fotomotiv bietet – genauso wie die Südwand der mächtigen Zugspitze, die majestätisch über dem Spiegel des Seeben-Sees thront.

Im Seeben-See spiegelt sich die Zuspitze

Nach einer bedingt erholsamen Nacht im Matrazenlager wollen wir am nächsten Morgen den nahe gelegenen Hinteren Tajakopf (2.408 m) über den Südgrat besteigen.

Der vordere (links) und der hintere (rechts) Taja-Kopf

Bis zur angekündigten Wetterverschlechterung müssen wir wieder im Tal sein. Also gehen wir zeitig nach dem Frühstück los und kommen auf dem gut markierten Weg auch schnell voran.

Die Coburger Hütte zwischen Drachen-See und Ehrwalder Sonn-Spitze

Kurz vor dem Gipfel steilt das Gelände aber auf und wir müssen durch brüchiges, abschüssiges Schrofengelände im I.-II. Grad kraxeln. Sicherungen: Fehlanzeige. Als wir kurz von der leichtesten Spur abkommen, befinden wir uns unvermittelt in heiklem Absturzgelände. Wenn hier ein Fuß abrutschen oder ein Tritt wegbrechen würde, wären die Folgen fatal. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl und kurzerhand entscheide ich, die Besteigung sofort abzubrechen und umzukehren. Den Gipfel, obwohl in greifbarer Nähe, lassen wir leichten Herzens sausen – er ist das Risiko einfach nicht wert. Zurück auf der Coburger Hütte gönnen wir uns noch einen leckeren Kaiserschmarrn, bevor wir wieder zur Ehrwalder Alm absteigen und nach Garmisch-Partenkirchen fahren, wo wir für die nächsten Tage in einem Viersternehotel unser Quartier beziehen und uns als Ausgleich zu den Mühen und Entbehrungen am Berg richtig verwöhnen lassen.

Nachdem nachts die Schlechtwetterfront durchgezogen ist und wir noch die Beine von den beiden Vortagen spüren, wollen wir am Dienstag nur eine leichte Talwanderung unternehmen. Mit dem Auto fahren wir an den malerischen Eibsee, der als einer der schönsten Seen der bayerischen Alpen gilt.

Der Eibsee unter der Zugspitze

Jetzt in der Ferienzeit und nach den ersten vorsichtigen Lockerungen der Corona- bedingten Einschränkungen ist der Seeuferweg rappelvoll. Nicht nur zahllose Wanderer und Spaziergänger wollen den türkis- und tintenblauen See sehen, sondern auch viele E-Biker und Badegäste. Auch wir umrunden den See auf dem sechs Kilometer langen, flachen Uferweg und bewundern den fotogenen See mit seinen hübschen kleinen Inseln vor der großartigen Kulisse des Zugspitzmassivs. Weil das Wetter so schön ist, wagen wir einen Sprung in das zugegebenermaßen noch etwas kühle Wasser. Aber es ist herrlich klar und erfrischend und wir genießen einen entspannten Badetag an dem traumhaft schönen Bergsee.

Am nächsten Tag, Mittwoch, wollen wir endlich ein altes Projekt von mir realisieren: die Begehung des Mittenwalder Höhenwegs. Dieser „Weg“ führt von der Bergstation der Karwendel-Seilbahn in südlicher Richtung immer über einen felsigen Grat hinweg, überwindet auf drei Kilometern Länge fünf Gipfel um die 2.300 Meter und ist auf weite Strecken mit Drahtseilen und Leitern versichert; die technischen Schwierigkeiten des Klettersteigs bewegen sich im Bereich „A“ und „B“, sind also für uns gut beherrschbar. An den Klettersteig schließt sich noch ein längerer Talabstieg über eine bewirtschaftete Hütte an, bevor man wieder den Ausgangspunkt an der Seilbahn erreicht. Mit der Karwendel-Seilbahn in Mittenwald bringen wir rasch die 1.300 Höhenmeter bis zur Bergstation hinter uns. Wir sputen uns auf dem kurzen Wegstück zum Einstieg des Klettersteigs, denn bei dem „Kaiserwetter“ wollen heute viele Bergsteiger den Höhenweg machen. Schnell das Set angelegt, den Helm auf und los geht´s!

Am Beginn des Mittenwalder Höhenwegs

Der Weg ist durchgängig markiert und nicht zu verfehlen

Unterwegs auf dem Mittenwalder Höhenweg

Es folgt ein stetes Auf und Ab über Flanken und schmale Grate, gewürzt mit Leitern und einer originellen Stelle, an der ein schmales Holzbrett das Weiterkommen an einer senkrechten Felswand ermöglicht. Die Aussicht nach links ins Karwendel-Gebirge und nach rechts in den Wetterstein ist gigantisch. So hab ich mir das vorgestellt!

Immer auf dem aussichtsreichen Grat entlang

Irgendwann laufen wir auf eine langsamere Gruppe auf, die leicht überfordert ist und uns erst nach einer halben Stunde überholen lässt. Gegen Ende des Klettersteigs müssen wir uns noch mal konzentrieren, als eine steile Schuttrinne ohne Sicherung gequert werden muss. Nach vier anregenden Stunden auf dem Klettersteig erreichen wir das Wiesengelände am Brunnstein-Anger, wo wir das Gurtzeug ablegen können und eine kurze Rast machen. Nun folgt ein mühsamer, gut einstündiger Abstieg durch Geröllhalden und Latschenfelder bis zur schön gelegenen Brunnstein-Hütte. Hier gibt es endlich das ersehnte kühle Getränk zur Erfrischung und als Belohnung für den erfolgreich gemeisterten Klettersteig. Wir lassen uns Zeit, weil die Sonne nach wie vor von einem echt bayerischen weiß-blauen Himmel lacht. Irgendwann müssen wir aber doch unsere müden Glieder erheben und den restlichen Weg ins Tal angehen, der uns noch mal anderthalb Stunden lang durch steilen Bergwald und flache Talwiesen zurück zur Seilbahn-Talstation führt.

Geschafft! Über den Felsgrat im Hintergrund  verläuft der Klettersteig

Insgesamt ist der Mittenwalder Höhenweg mit etwa sieben Stunden Dauer und 1.800 Metern Höhendifferenz eine ordentlich lange, aber gutmütige Tour mit toller Aussicht, die bei passenden Bedingungen uneingeschränkt empfehlenswert ist.

Nach unserer gestrigen Heldentat auf dem Klettersteig haben wir uns am Donnerstag einen weiteren „Ruhetag“ verdient. Das heißt keine längeren Auf- oder Abstiege und keine nervenaufreibenden Bergabenteuer. Die zahlreichen Bergbahnen um Garmisch-Partenkirchen bieten hierfür vielfältige Möglichkeiten. Wir wählen die Kreuzeck-Bahn, die uns ohne Anstrengung auf 1.650 Meter befördert. Von hier aus bummeln wir schauend und fotografierend auf das 400 Meter höher gelegene Kreuzeck, das direkt unter der Nordwand der elegant geformten Pyramide der Alpspitze liegt.

Die elegante Alpspitze über Garmisch-Partenkirchen. über die Plattenfluchten im rechten Teil verläuft die Nordwand-Ferrata

Hier haben wir Drei im Sommer 2017 die Alpspitz-Ferrata gemacht, eine beachtliche Leistung für unseren damals Elfjährigen. Heute begnügen wir uns mit einer kulinarischen Erkundung der Gastronomie an der Seilbahn-Bergstation.

Das Restaurant an der Alpspitzbahn-Bergstation

Gegen Nachmittag gondeln wir mit der Alpspitz-Seilbahn wieder gemütlich hinab ins Tal. Genuss muss keine Sünde sein!

Blick hinunter nach Garmisch

Am Freitag ist das gute Bergwetter aufgebraucht. Weil für den Abend ein Wettersturz gemeldet ist, habe ich den Plan, in zwei Tagen die Zugspitze durch das Reintal zu besteigen, aufgegeben und die reservierten Schlafplätze in der Knorrhütte storniert. Stattdessen wollen wir am Vormittag eine kürzere Wanderung unternehmen, die uns noch mal in die wilde Bergwelt des Karwendels führt. Ausgehend von der Bergstation der Karwendel-Seilbahn (2.243 m) marschieren wir durch das steile Dammkar auf einem gut bezeichneten Weg der Kategorie „Rot“ hinab ins Tal.

Im wilden Dammkar

Das Wetter hält vorerst noch und wir genießen die Stille des tief eingeschnittenen, weltabgeschiedenen Hochtals. Auf dem allgegenwärtigen Kalkschotter sind wir froh über die hilfreichen Wanderstöcke, stellenweise können wir sogar im weichen Geröll kraftsparend und knieschonend „abfahren“. Weil wir früh gestartet sind, erlauben wir uns noch eine ausgiebige Trink- und Fotopause an der kleinen Dammkar-Hütte (1.667 m). Die Hütte steht oberhalb des Latschengürtels und bietet eine tolle Aussicht auf das Mittenwalder Tal und das gegenüber liegende Wetterstein- und Ammergebirge.

Trinkpause an der Dammkar-Hütte

Die zweite Hälfte unserer Wanderung ist noch eine letzte Fleißaufgabe. Durch Latschen und Wald stolpern wir übers „Bankerl“ hinab nach Mittenwald, wo wir nach insgesamt drei Stunden und 1.300 Abstiegsmetern in der Hitze des Mittags am Parkplatz der Seilbahn-Talstation ankommen. Gegen Nachmittag quellen die Wolken mächtig auf und am frühen Abend zieht die angekündigte Wetterfront mit Blitz, Donner und Starkregen durch. Wir genießen das Schauspiel der Elemente gut geschützt vom Balkon unseres Hotels aus. Wie gut, dass wir jetzt nicht in der Knorr-Hütte festsitzen oder sogar unterwegs vom Gewitter erwischt wurden! Alles richtig gemacht.

Wettersturz im Wetterstein

Nach einer weiteren Nacht in unserem Wohlfühl-Hotel mit exzellentem Abendessen und üppigem Frühstück verbringen wir noch einen halben Tag in Garmisch mit Shoppen und Bummeln, bevor es wieder Richtung Heimat geht. Nach sechs erlebnisreichen Tagen mit tollen Wander- und Klettersteigtouren bei bestem Bergwetter stelle ich fest, dass die „Notlösung Bergwandern“ in Bayern und Tirol nicht nur ein Ersatz, sondern ein vollwertiger und superschöner Urlaub war, der uns in guter Erinnerung bleiben wird. Ich will aber auch nicht verschweigen, dass wir viel Glück hatten mit dem Wetter, den Unterkünften und den ausgewählten Bergtouren. Die negativen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie, besonders der häufig beklagte „Over-Tourism“ am Meer und in den Bergen, sind weitgehend an uns vorüber gegangen. Die Situation bleibt dennoch fragil – auch und gerade in den heimischen Alpen.

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Kategorie: Allgemein, Klettergruppe Albatros

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