Hochtourenwoche im Wallis/Schweiz 02.-10. August 2003

| 10. August 2003

Es begab sich zu einer Zeit im Jahre 2003, als man sich des holden Sommers strahlender Sonne allmählich nicht mehr ganz so sehr freute, dass sich die Pläne des Friedel endlich der Realität anheim fallen sollten. Dieser hatte nämlich einen ganz tollen Gedanken gehabt und meinte: Es wäre doch drin, in einer Woche ganze 8 Berge zu besteigen. Berge? Nein, es sollten gleich welche sein die in ihrer Vierstelligkeit ganz vorn die Vier haben sollten, mit Eis besetzt sind und dazu auch noch in der dünnen Luft des Monte-Rosa-Gebietes bzw. der Mischabelgruppe nahe des berühmten Zermatt in der kleinen Schweiz sich befänden. Also scharte dieser noch 12 mehr oder weniger wagemutige Gleichgesinnte um sich, um nun am 02.08. in aller Herrgottsfrühe per Automobil sich seinem Vorhaben zu nähern. Allerdings viel der Konvoi aus, so dass sich die Heerschar so allmählich und zerstreut am Zielort Randa einfand. Nach einigem Wühlen und Suchen begab sich nun endlich und heiß ersehnt der Trupp auf seinen anstrengenden Marsch.(Allerdings fehlten diesem Trupp der „Glücksuchenden 13“ drei Leute, da diese es vorzogen, noch eine kleine Tour-de-Suisse zum Zürichsee zu machen) Fest entschlossen stiefelten also Friedel (Friedhelm Hulley), Heike (Schuster), Gerhard, Birgitt (Thiele), Georg (Giesen), Erika (Chaari), Torsten (Selle), Ursula (Lindenlauf), Frank (Lindenlauf) und Stefan los.

Erstes Ziel sollte die Monte-Rosa-Hütte (2.795m) sein. Um sich einen kleinen Vorteil zu verschaffen, drängte sich die „Glücksuchende 13 (-3)“ zunächst in Zermatt in die Gornergratbahn und ließ erstmal die Technik schnaufen, bevor sie an der Station Rotenboden ihren wahren Startplatz erreichte. Leuchtende Augen erspähten das weithin sichtbare und weltberühmte Matterhorn.
Ein kurzer Abstieg brachte den Trupp zum Rande des Gornergletschers der für sie der Weg hinauf zur Hütte sein sollte. Heike wusste dem Eis auch gleich das Praktische abzugewinnen: Schokoriegel werden im Eis wieder bissfest (und noch fester). Für einige in den Reihen, war dies nun der erste Eiskontakt außerhalb von Gefrierschrank, Flachlandwinter und Eisdielen. Aber das konnte keinen der Helden in spe erschüttern und `Haste nich gesehen´ saßen alle (fast alle) mit einer Erfrischung aufm Holztisch vor der Monte-Rosa-Hütte. Gegenüber leuchteten strahlend weiß der Liskamm (4.479m) und die Zwillinge Castor (4.223m) und Pollux (4092m), ein wahrhaft grandioser Anblick. Dass ein Fachübungsleiter nun nicht gleich ein Heiliger ist, wurde Friedel brummend gewahr und schulterzuckend nahm er das von der Wirtin gequält herausgebrachte „Aspirant“ hin. In der Zwischenzeit trafen nun auch die weitgereisten drei Restmitglieder ein: Oliver (Spatzier), Stefanie und Thomas (Heinrich), die 13 war komplett und was wollte diese Ansammlung berg- und erlebnishungriger Leute nun noch erschüttern?

Bei den meisten schnarchte das eine Auge noch, aber dennoch: Am neuen Tag ging’s auf in noch höhere Regionen und das in aller Herrgottsfrühe, um halb drei. Stirnlampe angebabbt und los ging es. Etwa 2 km Seitenmoräne gehen und alsbald wurden allesamt von den 3 „Großen“ (Friedel, Heike u. Gerhard) an die Leine genommen, denn fortan marschierte der Trupp stets auf dem Eis des Grenzgletschers. Sicher ist sicher. Spalten über Spalten gähnten von unten her und so manchem war nun das Seil ein treuer und liebgewordener Freund. Der Tag brach herein und allmählich wurde den 13 die Herrlichkeit dieser Eiswelt bewusst: Es hieß nun durch den wilden Gletscherbruch den Weg zu finden und heil hindurch zu kommen. Da der Gletscher ziemlich ausgeapert war, hatten sie eine Gefahr weniger. Doch gab es genug Stellen, wo sich manch einer arg überwinden musste, entweder durch herzhafte Sprünge, durch kleine Rolleinlagen oder einfach durch Seilziehen. „Wat sin mir doch Kerle!“ Der kernige Leitspruch ertönte, als die 13 endlich den Bruch hinter sich hatten. Leider forderte die Höhe und die Sonne auch ihren Tribut: die arme Ursel sah aus wie Braunbier mit Spucke, doch wacker kämpfte sie sich weiter, auch Georg lief schon lang nicht mehr auf Hochtouren.
Unterhalb des Lisjochs (4151m) zeigte das Thermometer glatte 30°C! Allen war die erste Anstrengung anzumerken, aber irgendwie erreichten dann alle doch die italienische Seite und nach etwa 500 m Abstieg über den Lisgletscher auch die Gnifettihütte (3647m). Hier gaben sich die Glücksuchenden der (sagen wir: anders aufgefassten Hütten)ordnung hin. Die Probleme wegen der verschlampten Anmeldung waren vergessen, als man sich in den schlangestehenden Pulk hungriger Bergsteigerbäuche begab. Was soll es, wer ein paar Vierer machen will, nimmt so was breit grinsend hin. Da man aber etwas später dran war (14-16 Std. Tour!!!) ging alles recht glimpflich ab und jeder mümmelte dann doch recht zufrieden an seinem Abendessen.
Der folgende Tag sollte nun das ganz große Bergesglück für die 13 bringen. Auf dem Gipfelfahrplan standen zunächst 3 „leichte“ Viertausender. Leider wurde aus der 13 kurzfristig eine 12, da Georg schon abgesagt hatte. Warum man sich erst 500 m den Gletscher runtermüht, um Nächstentags wieder denselben Weg hochzusteigen? So oder so ähnlich wird es einigen durch den Kopf gegangen sein, als es Richtung Vinzenzpyramide wieder den steilen Weg übers Eis des Lisgletschers aufwärts ging. Doch vergessen war alles Schnaufen und Mühen, als die Sonne auf den letzten Metern kurz vor dem Gipfel dem Trupp einmal den Rücken wärmte und zum zweiten eine wundervollen Weitblick bis hinüber zum Mt. Blanc bot. Oben angekommen lagen sich die Leutchen der „Glücksuchenden“ dann in den Armen: Sie waren fündig auf der Suche und fanden einen kleinen Teil Glück am Gipfel der Vinzenzpyramide auf 4.215 m, für die meisten der erste Viertausender ihres Lebens.
Das nächste Ziel winkte schon herüber: Das Balmenhorn, eher unscheinbar, aber immerhin ein Viertausender! Ohne größere Probleme (trotz der kleinen Klettereinlage mit Steigeisen) erreichten auch alle 12 den kleinen Gipfel. Für ein paar der Truppe war die Berges-Glückssuche hier freiwillig beendet, denn die hier vorhandene kleine Schutzhütte und die prima Aussicht waren ihnen der genügende Lohn ihrer Anstrengung. So stiegen nunmehr 9 weiter hinauf zum nahe gelegenen Schwarzhorn (4.321m). An dessen Nordflanke ging es etwas steiler zu und das Glück musste nun mit Pickel- und Frontalzackentechnik erarbeitet werden. Heike indes gab sich noch nicht zufrieden. Sie brauchte die vor der Nase liegende Ludwigshöhe noch für ihr Gipfelalbum. Gesagt, getan: Aus 9 wurde 6. In knapp einer halben Stunde wurde dann auch dieser 4341 m hohe Gipfel erstiegen. Gemeinsam ging es dann wieder auf gleichem, nun aber aufgrund der recht aktiven Sonne, ziemlich sulzigen Weg zurück zur mehr oder weniger geliebten Gnifetti-Hütte.
Dort gab es wieder den recht inbrünstigen Kampf in der allabendlichen Riesenschlange vor der Essensausgabe. Doch auch diese konnte die Glückssuchenden nicht davon abbringen, sich gegenseitig lachend auf die Schultern zu klopfen mit der Bestätigung „Wat sin mir doch Kerle!“
Tag Nummer 4 begann mit einem romantischem Frühstück in aller dunklen Frühe: Zwischen Einwegverpackungen und lauwarmen teurem Kaffee blendeten sich die Gipfelhelden gegenseitig mit ihren Stirnlampen ihr verschlafenes Augenlicht. Das bedeutete aber, dass es nur besser werden konnte und das wurde es auch. Leider gab Georg auf und stieg mit einem anderen Bergführer ab. Der restliche 12er-Trupp setzte seine Glückssuche fort, zunächst wieder über den altbekannten Lisgletscher hinauf zum Lisjoch (4.151m). Dort kämpfte sich gerade die Sonne im Osten auf ihrem Weg aufwärts und mit einem recht tollem Auftritt bescherte sie auch allmählich den 12 Wärme, denn es war über Nacht doch recht kalt geworden. Unterhalb der Parrotspitzen ging es am Seserjoch (4.296m) vorbei hinauf zum Colle Gnifetti (4.452m).

Die Luft wurde hier nun auch merklich dünner, sodass wiederum 4 auf den Aufstieg zur Zumsteinspitze verzichteten. Den Aufstiegsweg über den Ostgrat bevölkerten inzwischen eine ganze Reihe Menschen. Nach einiger Wartezeit ging es dann hinauf auf den fünfthöchsten Berg der Alpen und dem höchsten Punkt der Tour. Oben am Gipfel der Zumsteinspitze auf 4.563 m war dann so eine Art Höhepunkt der Glückssuche. Es gab eine tolle Aussicht über das gesamte Wallis und dem Aostatal bis hin zum Mt. Blanc und Grand Paradiso. Zum Greifen nahe lag ehrfurchtsvoll die Dufourspitze und die grauweiße Eiswelt unter einem blauen Himmel ließ das Gefühl aufkommen, einen Teil Glück gefunden zu haben, zumindest ihm ganz nah zu sein. Der Gipfelobstler war da ein minimaler, aber doch prächtiger Lohn. Allein über der berühmten Monte-Rosa-Nordwand gab es ein unheimliches Wolkengebrodel. Vielleicht nervten die Natur die ständigen Hubschrauberattacken, denn dort oben ging es zu, wie auf einer Autobahn, da der Forschungsstützpunkt auf der Margheritahütte neu versorgt wurde.

Die Übernachtung in der Margheritahütte , Europas höchstgelegener Hütte auf dem Gipfel der Signalkuppe/Punta Gnifetti auf 4.554m, war allerdings ein ganz besonderes Erlebnis. Betten-, Möbel- und Inventarrücken, Kistentransport für die hehre Wissenschaft und lachend lange Gesichter am Essenstisch machten den Aufenthalt recht interessant. Während die Blicke der 12 bedröppelt auf die dünne Scheibe Kochschinken mit Brot vor ihnen fielen, wanderten diese glücksuchend hinüber zum Festschmaus der Medizinmänner. Doch alles Brummeln und Schnuppern nutzte nix, die ließen nichts übrig. Aber die 12 konnte das nicht wirklich erschüttern, schließlich waren sie doch Kerle!
Der kommende Morgen war einer aus dem Bilderbuch: Glasklare Luft und ein traumhafter Sonnenaufgang, zunächst Idealbedingungen für einen langen Tag. Von der Signalkuppe ging es wieder abwärts bis zum Seserjoch. Zwischenziel war für einen Teil der Truppe an diesem Abstiegstag die Parrotspitzen. Vom Depot am Seserjoch führte der Aufstiegsweg unproblematisch über den Nordostgrat hinauf zum Gipfel auf 4.432m. Der Lohn für diesen kurzen Abstecher war eine wundervolle Aussicht. Im morgendlichen Dunst lag unter blauem Himmel eine kleine Traumwelt zu Füßen der beiden Seilschaften, allein weit hinten im südöstlichen Alta Val Sesia zuckten aus riesigen Cumuluswolken grelle Blitze. Nun hieß es sich doch ein wenig ranhalten. Es galt den Gletscherbruch des Grenzgletschers bis Mittag zu durchsteigen, damit es weniger mühsam sein würde. Die Glücksuchenden 12 waren guter Stimmung und frohen Mutes, waren sie doch hier im Monte-Rosa-Massiv jeder für sich fündig geworden. Das beflügelte den Durchstieg, wobei der/die eine oder andere dies zwischen den großen Spalten etwas zu wörtlich nahm. Doch mit gemeinsamer Anstrengung wurden auspendelnde Seilschaftsmitglieder ohne Probleme wieder „gerettet“. An der Monte-Rosa-Hütte (2.795m) fanden sich alle wieder zusammen und genossen den herrlichen Sonnentag, allerdings mit einem kleinen Wermutstropfen. Stefanie hatte sich einen dicken Knöchel geholt nachdem sie ungeknickt war. Doch Wunder geschehen öfter als man meint. Torsten reichte ihr ein paar Schmerztabletten und diese müssen auf Stefanie wie ein Zauber gewirkt haben, wie alle später bei der Dombesteigung feststellen konnten, sie flog fortan nur so über Stock und Stein! Glücklich und zum Teil etwas ausgelaugt vom ziemlich heftigen Abstieg erreichten dann alle 12 die Station Rotenboden der Gornergratbahn. Doch alle saugten zufrieden und wirklich beseelt den Blick zurück auf das imposante Monte- (Dom, 4.545 m; Normalweg ü. Nordflanke) Rosa-Massiv auf, bevor es mit der Bahn hinunter nach Zermatt ging.

Vom Talort Randa (1.409m) aus ging es am 6. Tag zunächst über Wiesen und Weiden, später dann durch lichten Lärchenwald aufwärts Richtung Domhütte. Dies sollte das „große Finale“ bzw. das Glückserlebnis schlechthin werden. Es war ja allgemein bekannt, dass Dombesteigungen meist eine Wetterfrage sind. Doch hierfür gab es bisher Traumbedingungen und diese sollten vorerst auch bleiben. Der Aufstieg war weniger schwierig, dafür aber doch sehr abwechslungsreich und interessant. Größte „Schwierigkeit“ war der versicherte Steig an der Festiflüe. Oben in der herrlich gelegenen, schmucken kleinen Domhütte auf 2940 m wurden alle persönlich von der netten und engagierten Hüttenwirtin persönlich begrüßt. Die Besteigung des Doms wurde von den übrig gebliebenen 9 Bergglückssucher in aller Frühe in Angriff genommen. Wie bei einen Großmarathon starteten mehrere Seilschaften und manche eilten förmlich, um ihren Berg zu erobern, natürlich vor allen anderen. Über den Gletscherbruch des Festigletschers, weiter mit leichten Klettereinlagen am Festigrat und über den oberen Hobärggletscher erreichten die Neun den „finalen“ Aufstiegsweg, die Nordflanke des Doms. Hier ging es für die beiden Seilschaften ans Eingemachte. Der Normalweg hinauf zum Gipfel überwindet auf einer Horizontalen von 1km knapp 700 Höhenmeter und dieses fordert in dünner Luft eine recht gute Kondition und Akklimatisation. Aber was soll’s, vor dem Erfolg, sprich vor dem Glück haben die Götter eben den Schweiß gesetzt. Doch letztlich haben es dann doch alle irgendwie geschafft und am Gipfel auf dem höchsten Berg der Schweiz (höchster, der sich vollkommen auf Schweizer Territorium befindet) fielen sich alle Neune glücklich in die Arme. Sie hatten es geschafft und alles ohne größere Probleme! Ihnen stand die Freude und das gefundene Gipfelglück förmlich ins Gesicht geschrieben.
Einzig die recht steife kalte Brise auf 4.545m Höhe ließ die Glücksfündigen den Abstieg auch gleich wieder in Angriff nehmen.
Der letzte Tag brachte dann den Abstieg zurück nach Randa über den bekannten Aufstiegsweg. Dieser wurde dann am Ende doch noch zu einer kleinen Prüfung. Weniger vom bergtechnischen, als für das Erträglichkeitsmaß der einzelnen Leute. Die Sonne schob Überstunden und je weiter der Abstieg die 9 nach unten brachte, umso mehr setzte die ungewöhnliche Hitze allen zu, die sowieso schon recht geschafft die Pension unten im Mattertal herbeisehnten. Doch alles ging relativ glatt und ohne größere Verluste fanden sich alle im Ziel ein. Am Abend wurde die vergangene Hochtourenwoche noch mit einem tollen gemeinsamen Abschlussessen im nobligen Zermatt gefeiert. Alle 12 Glücksuchenden waren sich einig, dass es eine wirklich traumhafte Woche war. Trotz der vorhandenen Unterschiede in der Gruppe hat es nie wirklich Probleme gegeben und die Stimmung war (bis auf kleine Ausnahmen) stets blendend. Wichtig war vor allem, dass alles gut ausgegangen ist und keiner Schaden davongetragen hat. Jeder der 12 hat für sich sein eigenes Glück gesucht und auch gefunden, jeder für sich und jeder auf seine eigene Weise, doch (und das war das Besondere) immer gemeinsam. Als Fazit bleibt, dass jeder was Tolles erlebt hat, wunderschöne Erinnerungen im Kopf sind und im Prinzip auch jeder was gelernt hat, sei es das Gefühl, sich in ausgesetzten Regionen zu bewegen oder auch nur, dass man sich an Salatbars bedienen kann. Doch die größte Erkenntnis dieser Woche bleibt, dass auch die Frauen mit Recht sagen können: „ Man, wat sin mir doch Kerle!“

Torsten Selle

Kategorie: Hochtourengruppe

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