„Die geheimnisvolle Stadt Machu Picchu“

| 10. Juli 2001

Peru-Expedition-1

Es hört sich vielleicht komisch an, aber der Kopf will nicht richtig frei werden – seit mehreren Wochen sitze ich hier vor dem Computer und versuche, „ein paar Zeilen“ zu Papier bzw. auf den Bildschirm zu bringen. Doch der Redaktionsschluß der Bergpostille naht, und irgendwie gelingt es mir nur schwer, dieses phantastische Reiseerlebnis Peru zu verarbeiten. Vielleicht liegt es daran, daß man für eine solche Reise vor, während und nachher Ruhe braucht. Leider läßt sich dies in unserer immer hektischer werdenden Zeit nicht immer realisieren. Und so hänge ich meinen Gedanken hinterher, schaue ab und zu auf Dias und Aufzeichnungen und bin dann immer wieder sehr überrascht, daß ich Teilnehmer dieser Tour war und solch tolle Eindrücke von Peru auf meinen Bildern habe festhalten können. Deswegen möchte ich Ihnen hier keine langatmige chronologische Reisebeschreibung vorlegen, gespickt mit vielen, nur schwer aussprechbaren Namen der Inka-Kultur. Nein, vielmehr möchte ich Sie lieber an meinen persönlichen „Highlights“ teilnehmen lassen, die diese Tour so werden ließen, wie sie für mich war: ein ganz besonderes Erlebnis.

Peru, die Anden, Südamerika – irgendwie ein weißer Fleck auf meiner „persönlichen Erlebnisweltkarte“. Dabei ist Peru mit fast 1,3 Mio km? drittgrößtes Land Lateinamerikas. Die Cordillera Blanca im Norden des Landes ist das höchste und am stärksten vergletscherte Gebirge der Tropen. Ihr höchster Berg, der Huascarán ist mit 6.768 m zugleich der höchste Berg Perus, nur fünf Berge auf dem gesamten amerikanischen Kontinent sind höher.

Daher bedurfte es auch keiner langen Überlegung als Norbert Dötsch und Friedhelm Hulley mich fragten, ob ich Lust hätte, an dieser außereuropäischen Bergfahrt teilzunehmen. Und so begann sich wieder das Rad der langen und intensiven Vorbereitungen zu drehen. Sei es das persönliche Training, aber auch unsere gemeinsamen Vorbereitungswochenenden, die unwahrscheinlich viel Spaß gemacht haben. Vor allem die „Ostertour“ ist in bleibender Erinnerung geblieben: Von Mülheim-Kärlich bis zur Teufelsley und dann weiter bis an die Ahr in drei Tagen. Zu den schmerzenden Beinen und Füßen gesellte sich ein Muskelkater in der Bauchgegend, hervorgerufen durch die nicht aufhörende Flut von blöden Kommentaren, Sprüchen und Witzen aller Teilnehmer, die dann immer wieder zu einem herz- und danach schmerzhaften und andauernden Lachen führte. Besonders unsere Kochabenteuer in der mitgeführten Jurte waren oft so komisch, daß wir uns nur schwer entscheiden konnten, was schlimmer bzw. schöner war: tränende Augen infolge der Rauchentwicklung („Denn nur ein weißer Mann macht Feuer, das qualmt.“) oder Nobbi`s spätabendliche Telefonversuche. Alles in allem war ich mir sicher, daß es uns mit dieser Gruppe nicht langweilig werden würde auf unserer langen Tour.

Und so startete das „Unternehmen Peru“ und die Besteigung des Huascaráns für Norbert Dötsch, Friedhelm Hulley, Rolf Müller, Wolfgang Krahmer, Klaus und Vera Dillenberger, Heike Schuster, Thomas Brog, Heribert Müller-Leyh und Guido Kaspari nach intensiven Vorbereitungen am 14. Juni 2001 vom Koblenzer Busbahnhof. Von Frankfurt ging es nach Madrid. Nach einem kurzen Zwischenstopp startete die Maschine der Fluggesellschaft Iberia über den Atlantik, überquerte den Amazonas und flog schließlich über die Anden zur Wes-tküste Südamerikas, nach Lima, der Hauptstadt Perus. Gebannt starrten wir beim Anflug auf die angezeigten Flugdaten. Welche Temperaturen erwarten uns auf fast 7.000 Meter Höhe? Mit 6.878 m kommt der höchste Berg Perus recht nahe an diese imposante Höhe. So konnten wir schon im Flugzeug sehen, was uns später temperaturmäßig erwarten würde…

In Lima angekommen, wurden wir von unserem Veranstalter Trek-Peru in Empfang genommen. Auf dem Begrüßungsschild stand „MÜKUNI“. Außer Norbert konnte wohl keiner genaueres damit anfangen. Aber irgendwie hatte er den richtigen Riecher, denn diese Abkürzung bedeutete nichts anders als Mülheim Kärlich, Juni. Da soll mal einer drauf kommen! Amüsiert habe ich mir die Gesichter des Empfangskomitees angeschaut, als diese unser Gepäck in Empfang nahmen. Rund 500 kg, darunter auch die schweren Tonnen, beladen mit der gesamten Eisausrüstung, Seilen und Zelten. Die Organisation des Veranstalters war aber während der gesamten Reise ausgezeichnet und jederzeit wieder empfehlenswert. Problemlos wurden (fast immer) alle Formalitäten erledigt sowie unser „leichtes“ Gepäck mit weiterhin ungläubigen Augen verladen.

Auf dem Weg vom Flugplatz zu unserem Hotel im Nobelvorort Villaflores konnten wir erste südamerikanische Eindrücke sammeln. Die Straße verlief u.a. direkt am Pazifik, entlang der Transamericana. Wieder ein ganz neues Flair. Neben den bekannten Eindrücken, bestehend aus Staub, Dreck und Müll einer Millionenstadt, Chaos auf den Straßen, gesellte sich ein kolonialer Baustil, der dem Gesamten oftmals eine besondere Note gab.

Ein Wort zum Wetter. Im „Winter“ ist die Küstenregion in einen permanenten Hochnebelschleier gehüllt. Die Temperaturen liegen etwa bei 16 °C. Alles ist feucht und sieht grau und trist aus. „Hier sollen wir jetzt die nächsten vier Wochen verbringen!“, war einer meiner ersten Gedanken. Wann geht der nächste Flieger zurück! Aber lange sollten wir nicht in dieser „Wettersuppe“ bleiben.

Schon am nächsten Morgen mußten wir sehr früh wieder am Flughafen sein. Recht übermüdet (auch durch die Zeitumstellung) standen zehn Gestalten am Flughafen und dachten in diesem Moment wohl auch, wie schön ein erholsamer Urlaub am Strand wäre, ohne Gepäck zu schleppen und schon wieder am Flughafen zu stehen.

Ziel des kurzen Inlandfluges war Cuzco, für das Volk der Inkas „der Nabel der Welt“ und das Zentrum ihres riesigen Reiches. In der Blütezeit dehnte sich das Inkareich von Südkolumbien im Norden bis nach Mittelchile im Süden aus. Als der Spanier Francisco Pizarro im November 1533 kampflos in Cuzco einzog, war er überwältigt von den Schätzen der Stadt. Und so ging es nicht nur dem Spanier, auch so manchem von uns gingen die Augen über.

Vielleicht ist es die Mischung aus Inkakultur und kolonialer Architektur, die der Stadt etwas ganz besonders gibt. Cuzco ist heute ein Touristenmagnet, der jährlich Tausende von Touristen anzieht. In manchen Büchern vergleicht man sogar die Stadt mit Kathmandu in Nepal. So, jetzt ist auch bei mir endlich der Groschen gefallen, warum mir diese Stadt so gefallen hat und warum ich letztendlich gerne noch ein paar Tage länger dort verbracht hätte. Nepal, … o.k. weiter geht es mit Peru – keine Abschweifungen mehr.

Neben den phantastischen Sehenswürdigkeiten der Stadt ist die Umgebung Cuzcos übersät von steinernen Zeugnissen der Vergangenheit. Besonders die Ruinen von Sacsayhumán, eine
ehemalige Festungsanlage, braucht den Vergleich mit den ägyptischen Pyramiden nicht zu scheuen.
30.000 Arbeiter schufteten rund 70 Jahre lang und schleppten ohne Hilfe von Lasttieren, Rädern oder Rollen die gigantischen Steinblöcke von den Kilometer entfernten Steinbrüchen auf den Bergsattel 250 m oberhalb Cuzcos.

Der größte Stein hat etwa die Abmessungen 9 m x 5 m x 4 m und wiegt schätzungsweise 350 t. Begleitet wurden wir hier von unserem Guide Eddie. Einen besseren und fachkundigeren Führer hätten wir uns nicht vorstellen können, dies sollte sich in den nachfolgenden Tagen herausstellen.

Unser ehrgeiziges Programm ließ aber leider nur einen kompletten Besuchstag zu, bevor wir von Cuzco aus auf den historischen Inka Trail gingen, der beliebteste und am meisten begangene Wanderweg Südamerikas, nicht zuletzt einer der bekanntesten Trekking-Wege der Welt. Leider konnten wir dies an der Anzahl der sich teilweise darüber schleppenden Gestalten/Touristen selbst feststellen. Wer schon einmal in Nepal unterwegs war (nein, ich meine nicht den Everest-Trekk – dort sieht es wohl genauso aus), der wird von der un-glaublichen Menschenmenge erschrocken sein. Aber was beklage ich mich hier eigentlich. Waren wir mit unserer Gruppe nicht auch nur Touristen, die den Weg vollstopften?

Eine traumhafte und teilweise abenteuerliche Busfahrt brachte uns von Cuzco aus zum Ausgangspunkt unseres Trekks, dem sogenannten „Kilometer 82“. Hier, an dem Punkt, wo die meisten Gruppen den etwa 52 km langen Inka Trail starten, konnten auch wir endlich unsere Rucksäcke aufschnallen. Vergessen waren die bisherigen Reisestrapazen, unsere Reise hatte erst jetzt richtig begonnen. Die nächsten fünf Tage auf dem Inka Trail, verbunden mit einem zusätzlichen Besichtigungstag in Machu Picchu, sollten für viele von uns zu einem absoluten Höhepunkt der Tour werden, auch wenn für den ein oder anderen eigentlich nur das Bergerlebnis – der Huascarán – vorrangig war und im nachhinein leider auch nur noch davon gesprochen wird.

Über unzählige Steinstufen und gepflasterte Wege, die zu einem großen Teil noch im Originalzustand sind, führte uns der Weg über drei Pässe, von denen der höchste fast 4.200 m hoch ist, hinunter zur sagenumwobenen Inkastadt Machu Picchu, die erst im Jahre 1911 vom Amerikaner Hiram Bingham entdeckt wurde, nachdem sie fast zwei Jahrhunderte dem Dornröschenschlaf gleich vom Urwald überwuchert wurde und so für die neue Welt gänzlich im Verborgenen blieb.

Von km 82 ging es am ersten Tag nach Llactapata, buchstäblich eine leichte Eingehtour, nur wenige Kilometer zu absolvieren. Es erwartete uns ein fertig aufgebautes Camp, das wirklich keine Wünsche offen ließ. An dieser Stelle ein kurzer Satz zur Organisation: Die Begleitmannschaft bemühte sich während der gesamten Tour um einen reibungslosen Ablauf, war immer freundlich und hilfsbereit, kurz gesagt, es hätte einfach nicht besser sein können.

Die nächsten beiden Tage sollten etwas anstrengender werden. Von Camp 2 auf 3.800 m ging es über den 4.198 m hohen Warmiwañusca-Paß hinunter nach Pacaymayu und dann nochmals hinauf zu den Ruinen von Runkuraqay, das etwas unterhalb vom Runkuraqay-Paß (3.998 m) liegt.
Abends konnten wir hinunter auf die „Zeltstadt“ Pacaymayu blicken. Jeder freie und einigermaßen ebene Platz war mit einem Zelt belegt!

Das Ziel des vierten Tages war Phuyupatamarca, die „Stadt über den Wolken“, die ebenfalls von Bingham entdeckt wurde.

Auf dem Weg dorthin passierten wir die Ruinenstadt von Sayacmarca, was soviel bedeutet wie „Unzugängliche Stadt“.

Ein Name, der nicht treffender hätte sein können. Vermutlich war dieser Ort ein Kontrollpunkt auf dem Inka Trail in Richtung Machu Picchu. Die „Stadt über den Wolken“ machte ihrem Namen keine Ehre. Wolken hatten die gesamte Umgebung eingehüllt, die Nacht war feucht und kalt und auch der von Eddie versprochene tolle Sonnenaufgang fiel buchstäblich ins Wasser bzw. in den morgendlichen Nebel.

Am fünften Tag war es endlich so weit. Heute sollten wir zum ersten Mal Machu Picchu sehen können, irgendwie herrschte eine positive Spannung. Sogar die wunderschönen Ruinen von Wiñay Wayna waren nicht schnell genug besichtigt. Auf dem weiteren Weg erwartete man, hinter jeder Ecke einen Blick auf Machu Picchu werfen zu können, aber … Es dauerte doch noch eine Weile, bis man dann endlich die Inkamauern des berühmten Sonnentores Intipuntu erreichte und von dort aus das Panorama von Machu Picchu bestaunen konnte.

Machu Picchu muß man selbst gesehen und gespürt haben. Von diesem Ort, der lange Zeit vom Urwald bedeckt war, geht etwas ganz besonderes aus, das ich auch im nachhinein nur schwer beschreiben kann. Selbst die Masse der Touristen kann diesem Monument nicht seinen geheimnisvollen und mystischen Charakter nehmen. Jeder Schritt, jeder Blick bringt ein neues Motiv in den Sucher der Kamera. Daher habe ich mich auch nicht gewundert, daß ich von Machu Picchu mehr als nur ein Bild gemacht habe …
Am Abend ging es dann von Aguas Calientes, dem Endpunkt unseres Trekks, zurück mit dem Zug nach Cuzco. Der erste Teil unserer langen Reise war damit beendet, hier endet auch mein Reisebericht.

Guido Kaspari

Kategorie: Hochtourengruppe

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