Der Knabe im Moor – eine Radtour durch das Hohe Venn

| 21. Dezember 2020 | Keine Kommentare

von Peter May, Koblenz

 

Eigentlich wollte ich ja nur auf die Botrange hoch radeln, um den höchsten Berg der Ardennen (und gleichzeitig von ganz Belgien) aus eigener Kraft zu erreichen; damit hätte ich dann den fünften der sechs höchsten Berge im Rheinischen Schiefergebirge bzw. seiner sechs Teilgebirge mit dem Rad „bestiegen“. Da ich mir die eigentümliche Moor- und Heidelandschaft des Hohen Venns ohnehin näher anschauen und an der deutsch-belgischen Grenze los fahren wollte, ergab sich mit An- und Abreise eine tagesfüllende Rundfahrt. Start- und Zielpunkt sollte der Grenzort Losheimer Graben sein, die Zwischenziele zum einen die belgische Kleinstadt Eupen, zum anderen Monschau im Rurtal. Damit war das Venn-Massiv zweimal komplett zu überqueren, zuerst in westlicher und dann in östlicher Richtung. Als Mitte Juni 2020 die Corona-bedingte Reisebeschränkung nach Belgien aufgehoben und die Einreise für Touristen wieder erlaubt war, konnte es endlich losgehen. Mit dabei war mein Schwager Kurt, ein eingefleischter Berg- und Radsportler wie ich selbst.

Der Autor und sein Kompagnon vorm Start bei Losheim

Genau gesagt starten wir schon am Sonntagmorgen um 10 Uhr, also einen Tag vor der offiziellen Grenzöffnung. Auch wenn an der deutsch-belgischen Grenze nicht mehr kontrolliert wird, lassen wir das Auto auf der deutschen Seite an einem Wanderparkplatz bei Losheim stehen – sicher ist sicher. Auf der erst seit ein paar Jahren zum Radweg hergerichteten ehemaligen Eisenbahnstrecke Jünkerath-Losheim-Malmedy (Vennquerbahn) überqueren wir sogleich die grüne Staatsgrenze. Die Radroute nennt sich „RAVeL L45A“ und steht für Réseau Autonome de Voies Lentes, also „unabhängiges Netz langsamer Wege“ und führt von Losheim, wo ein Anschluss an den Kyll-Radweg besteht, bis nach Bütgenbach; hier trifft sie auf den gut ausgebauten Vennbahn-Radweg, auf dem man nach Norden bis nach Aachen, nach Süden bis zum luxemburgischen Troisvièrges fahren kann. Das Wetter ist heute Vormittag nicht gerade freundlich: es hat nur 14 Grad, am Himmel hängen schwarze Wolken und in der Eifel hat es schon kräftig geschauert. Während ich noch zweifle, stellt Kurt kurz und bündig fest: wir fahren! Also fahren wir. Immerhin bleibt es – zu unserem großen Glück – den ganzen Tag lang trocken. Die geschlossene Wolkendecke hat aber auch ihre gute Seite: Hitzestress und Sonnenbrand sind heute kein Thema, es ist eigentlich ganz brauchbares Tourenwetter. Munter plaudernd und mit frischen Beinen kommen wir auf der ersten Stunde flott voran. Über Büllingen und Bütgenbach fahren wir nach Weywertz, wo wir rechterhand auf die Vennbahn-Route abbiegen. Kurz danach verlassen wir bei Sourbrodt den Bahntrassen-Radweg. Auf der Nationalstraße geht es jetzt, langsam ansteigend, aufs Hohe Venn hinauf, wo schon lebhafter Ausflugsverkehr herrscht. Bald erreichen wir das erste Tagesziel, die 694 Meter hohe Botrange. Dieser Berg hat eine ganz spezielle Geschichte zu erzählen: vorzeiten hat der belgische General-Gouverneur Baltia verfügt, man möge auf dem flachen Bergrücken der Botrange einen Hügel aufschütten, auf dass die magischen 700 Meter erreicht würden. So geschah es und heute kann man tatsächlich auf ein paar Treppenstufen den höchsten Punkt Belgiens auf 700 Meter über dem Meeresspiegel besteigen.

Die Botrange (700 m), höchster Berg Belgiens

Nach dem obligatorischen Gipfelfoto radeln wir sogleich weiter, vorbei am Mont Rigi, der geschichtsträchtigen Baraque Michel und dem Belle Croix. Leider versperren Bäume und Büsche am Straßenrand die Sicht auf das weitläufige Moor, so dass die herbe Schönheit der Landschaft uns weitgehend verschlossen bleibt. Kein Erlkönig zu sehen, kein Schimmelreiter und keine Geister am Mummelsee. Die beiden „Knaben im Moor“ bleiben heute alleine. Nein, unheimlich ist es nicht im Hohen Venn. Unheimlich sind allenfalls einige rücksichtslose Autofahrer, die mit minimalem Seitenabstand und maximaler Geschwindigkeit an uns vorbei rasen. Aber das ist man als Straßenradfahrer ja – leider – gewöhnt. Mit abnehmender Höhe und ansteigendem Tempo fliegen wir mit sechzig Klamotten auf der gut ausgebauten Straße hinab nach Eupen, das im Tal der Weser auf 270 Metern Meereshöhe liegt. Es läutet gerade zu Mittag, als wir in einem Park in der Ortsmitte eine kleine Pause einlegen, um Kalorien und Flüssigkeit zu uns zu nehmen. Zeit zum Schauen. Wie es aussieht, ist Belgien ein radsportverrücktes Land: an dem zentralen Knotenpunkt in Eupen, dem Verkehrskreisel vor der Kirche, kommen ständig andere Rennradler vorbei. Vielleicht genießen sie aber auch nur, wie wir, die zurückerlangte Freiheit nach drei Monaten Lockdown.

Mittagpause in Eupen

Nachdem wir uns ein paar Minuten ausgeruht haben, geht es auf der Nationalstraße 67 (Monschauer Straße) wieder hinauf auf die Hochfläche des Venns, das hier durch ausgedehnte Waldbestände geprägt ist. Der Anstieg ist zum Glück nicht besonders steil und erlaubt leichtfüßiges Weiterkommen. Mein einziges Handicap ist es, dass sich meine Schaltung, eine Shimano Sora 2-/9-fach, verstellt hat und ich nur mit einiger Mühe und Fummelei die Kette auf das große Blatt umwerfen kann. Das ist ärgerlich, aber hindert nicht unsere Weiterfahrt. Als wir den höchsten Punkt der zweiten Venn-Überquerung auf 620 Meter Meereshöhe erreicht haben, übertreten wir unvermittelt wieder die Grenze nach Deutschland.

Das Hohe Venn bei Monschau-Mützenich

Mit genüsslichem Gefälle geht es jetzt immer bergab, bis wir hinter Monschau-Mützenich auf den Vennbahn-Radweg treffen und erneut belgisches Territorium erreichen. Hier wenden wir uns nach Süden in Richtung Kalterherberg, Bütgenbach und die RAVeL-Route von heute Vormittag. Auf den glatt asphaltierten Radwegen machen wir jetzt Strecke. Kurt gibt Gas und ich hänge mich in seinen Windschatten. Kein Wunder, seine Waden sind ja auch doppelt so dick wie meine! So geht es eine ganze Weile lang, immer zwischen 30 und 40 Sachen flott, bis meine Beine komplett leer gefahren sind. Bei dem Tempo und meiner bescheidenen Kondition können auch nur 2 Prozent Steigung auf der alten Eisenbahntrasse richtig wehtun. Das Beutelchen Energiegel kann da nur Schadensbegrenzung leisten und am Ende muss ich abreißen lassen. Ich signalisiere meinem Partner, etwas langsamer zu machen oder schon alleine voraus zu fahren. Unsere Fahrgemeinschaft erweist sich aber als solidarisch und radelt nun in etwas gemäßigterem Tempo, aber immer noch zügig, weiterhin zusammen. Jetzt sind wir schon bald vier Stunden auf dem Sattel und gegen Ende der Rundfahrt drückt es am Gesäß schon recht unangenehm. Allein, es nützt nichts, wir müssen weiter, keine Pause. Es ist ja nicht mehr weit! Bei solch einer langen Strecke gehören Schmerzen am Allerwertesten einfach dazu und mit dem baldigen Ziel vor Augen lassen sie sich leidlich ertragen.

Auf dem Vennbahn-Radweg zwischen Monschau und Bütgenbach

Um viertel vor drei, knapp fünf Stunden nach dem Start, kommen wir wieder am Autoparkplatz an – müde, aber rundum zufrieden. Am Ende beträgt die gefahrene Strecke 108 Kilometer und der bewältigte Höhenunterschied 820 Aufstiegsmeter. Für mich ein ordentliches Pensum, zumal ich eine Zeit von sechs Stunden und ein gemütliches Reisetempo einkalkuliert hatte. Kurt hat sich aber noch nicht genug ausgepowert und hängt auf dem Kyll-Radweg noch weitere 25 Kilometer dran. Kurt ist ein Tier! Mir selbst genügen der erreichte Gipfel, die großzügige Route, die herb-schöne Landschaft der Ardennen und das Wetterglück heute vollauf.

Nach der Tour ist vor der Tour. Wenn ich jetzt noch den Kahlen Asten (842 m) im Sauerland hinauf radle, habe ich alle sechs Gipfel des Rheinischen Schiefergebirges in der Tasche. „Schau´n mer mal…“

Empfehlenswerte Karte: Radwanderkarte Vennbahn 1 : 100 000, Hrsg. Tourismusagentur Ostbelgien, 2014.

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Kategorie: Allgemein, Klettergruppe, Klettergruppe Albatros, Sonstige Touren

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