Besteigung Pisang Peak (6.091 m)

| 15. Juni 2007

Der Pisang Peak wurde erstmals 1955 durch J. Wellenkamp im Alleingang während einer deutschen Annapurna Expedition bestiegen.

In die Schlagzeilen kam der Pisang Peak 1994, als eine ganze Gruppe des Summit Clubs (10 Bergsteiger mit ihrem Sherpaführer) im Abstieg nach der Gipfelbesteigung abstürzte – ein Denkmal in Pisang erinnert noch heute an dieses Drama.

Aufgrund seiner guten Erreichbarkeit von dem Talort Pisang aus, bietet er sich als Gipfelziel, „eingebaut“ in die Annapurna Runde, an. Zudem lässt sich die hierdurch erreichte Akklimatisation gut für die spätere Überschreitung des Thorong La Passes (5.416 m) nutzen (siehe hierzu separaten Bericht zur Annapurna Runde).

Am 26.10.2006 erreichten wir (Heike L., Frank, Claudio, Friedhelm und ich) Pisang (3.240 m). Nach einer langen Mani – Mauer mit zahlreichen Gebetsmühlen überquerten wir über eine Hängebrücke den Marsyangdi Fluss und bauten bei starkem Wind unser Zeltlager auf einem Stoppelfeld auf. Im Anschluss setzten wir uns erst einmal in die gemütliche Pisang Peak Lodge bei Bier und frischem Minz-Tee und wärmten uns auf.
“Unser“ Gipfel lag in den Wolken.

Unser Ziel am nächsten Tag war das Basislager auf 4.380 m. Hierbei durchquert man zunächst das 100 m höher gelegene „Upper Pisang“ mit deutlich traditionellerer Atmosphäre. Hier liegt auch das Kloster von Pisang, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die glitzernden Eiswände von Annapurna II und IV hat. Diese grandiose Aussicht sollte uns die nächsten Tage begleiten.

Hinter dem Kloster folgt man einem unscheinbaren Yak-Pfad an bereits vom Tal aus erkennbaren Chörten vorbei. Ein Hangweg führt bergauf bis man zuletzt steil auf einen Bergrücken hochsteigt.

Bisher war es nicht heiß, doch das Wetter änderte sich. Es blies nun ein eiskalter Wind, Wolken zogen auf. Über steile Grashänge erreichten wir schließlich am Nachmittag das Basislager, geschützt durch einen kleinen Felssporn, auf dem Gebetsfahnen flatterten.

Nachdem wir unser Basislager aufgebaut und Steinmauern um die Zelte errichtet hatten, setzte ein Schneesturm ein. Es wurde ein eher ungemütlicher, kalter Abend – wer hatte noch einmal gesagt, Oktober/November sei die beste Reisezeit und uns erwarte nur blauer Himmel?!

Am nächsten Tag beschlossen wir, entgegen der ursprünglichen Planung, aus Akklimatisationsgründen ein Hochlager I (4.850 m) zwischenzuschalten, bevor Hochlager II auf 5.400 m eingerichtet werden sollte.

Das Wetter hatte sich etwas beruhigt und Kekse und Tee schmeckten zur „Tea-Time“ immer noch allen – ein gutes Zeichen.

An diesem Nachmittag stiegen wir noch bis kurz unterhalb Hochlager II auf und deponierten Fixseile bevor wir nach einem wieder einmal leckeren Abendessen und wunderschöner Abendstimmung über den Annapurna – Gipfeln in unsere Schlafsäcke im Hochlager I krochen.

Leider zwingt nicht nur die Höhenkrankheit manchmal zur Umkehr. Heike L. musste mit fieberhafter Bronchitis absteigen, Frank begleitete sie. Heike erholte sich im Tal nach Antibiotika-Einnahme schnell und beide konnten vom Tal aus unseren Gipfelgang später von der Pisang Peak Lodge mit dem Fernglas begleiten.

PisangPeak05.jpgIm Hochlager II auf 5.400 m wurde es dann richtig ungemütlich. Es war eiskalt, der Appetit ließ nach, Kopfschmerzen und eine leichte permanente Übelkeit nahmen zu. Das Panorama der 7.000 er und 8.000 er Gipfel der Annapurna Gruppe uns gegenüber konnten wir nun gar nicht mehr so recht genießen – aber dafür kann man ja später seine Dias in Ruhe zu Hause auf der Couch betrachten.

Das Lager lag recht ausgesetzt auf einer Schulter des SW-Grates. Aufgrund des zwischengeschalteten Hochlagers waren Kerosin und somit auch Schmelzwasser knapp. Am nächsten Tag musste der Gipfel erreicht werden und anschließend der Abstieg ins Basislager erfolgen.

Dabei sah es zuerst gar nicht danach aus, dass der Gipfel für uns überhaupt machbar war.

PisangPeak06.jpgIn keiner Beschreibung der ohnehin raren Führerliteratur stand etwas von den geneigten, steil abfallenden Felsplatten. Diese mussten gequert werden, bevor man das Schotterfeld erreichte, welches zum Gipfelaufschwung führte. Die Passage über die Felsplatten war nach Schneefall sehr gefährlich. Zwei Tage zuvor stießen wir auf drei Bergsteiger, die gerade aus diesem Grund abbrechen mussten, da sie keine Felshaken oder andere Sicherungsmittel dabei hatten, um den Übergang über die verschneiten Platten abzusichern.

Doch die letzten zwei Tage hatte es nicht mehr geschneit und so waren die Platten, als wir Hochlager II erreichten, bereits schneefrei. Manchmal muss man eben Glück haben. Über die Nacht möchte ich eigentlich kein Wort verlieren, weil ich mich an dieses „Leid, was man sich selbst andeit“ nicht erinnern möchte. Schlaflosigkeit, Luftnot, Herzrasen, Kopfschmerzen sollen als Schlagworte genügen.

Wir starteten gegen 4:00 Uhr. Claudio versuchte sich an den ersten 100 Hm, doch die Höhenkrankheit zwang ihn zum Abbruch. Unser Sherpa Kasi begleitete ihn ins Hochlager und stieß später wieder zu uns.

Die geneigten Platten waren trocken und so konnten wir sie ohne Schwierigkeiten ungesichert überklettern. Nach dem Schotterfeld versicherten Kasi und Hakba die Kletterpassagen im II – III Schwierigkeitsgrad über mehrere Seillängen mit Fixseilen, wir folgten mit Steigklemmen. Als wir schließlich den Felsgrat erreichten kam die Sonne. Sie konnte allerdings die Zehen, die wir seit Stunden nicht mehr spürten, auch nicht erwärmen.

Im oberen Drittel erreichten wir die ca. 55° steile Schneeflanke. Die Harschdecke brach langsam ein und machte den Aufstieg im darunter liegenden Pulverschnee, in den wir knietief einsanken, nur noch anstrengender.
Kasi und Hakba leisteten unglaubliches durch Spurarbeit und das Anbringen von Fixseilen mit Firnankern, Seillänge um Seillänge. Viel zu spät, gegen 13:00 Uhr, erreichten wir keuchend den Gipfel – wir standen auf 6.091 m Höhe!

Doch das Glücksgefühl hielt nicht lange an, wir dachten nun an den unglaublich langen Abstieg – ein paar Gipfelfotos und ab ging’s. Jetzt bloß keine Lawine auslösen! Im Abstieg übernahmen Friedhelm und ich die Führung. Die Fixseil-Methode wäre zu langsam und im Fels aufgrund der Steilheit unbrauchbar gewesen. Kasi und Hakba lernten von uns begeistert das Abseilen – Fixpunkt einrichten, zwei Seile verknoten, welches muss abgezogen werden?

Nach 3-4-mal Abseilen hatten wir das Geröllfeld erreicht, welches uns wieder zu den schrägen Platten führte. Es begann bereits zu schneien und wir waren heilfroh, dass wir noch ohne Probleme die Passage queren konnten. In der Dämmerung erreichten wir das Hochlager und fielen uns in die Arme.

Krishna – der Zauberer der Kochtöpfe – hatte wieder ein Wahnsinns-Essen vorbereitet. Claudio ging’s deutlich besser. Nachdem alles zusammengepackt war begann der lange Abstieg ins Basislager, welches wir in völliger Dunkelheit und mit schmerzenden Beinen und Füssen erreichten.

Knapp 700 Hm Aufstieg und ca. 1.700 Hm Abstieg lagen hinter uns, als wir in unsere Schlafsäcke krochen und ohne Kopfschmerzen, Herzrasen und Übelkeit die ganze Nacht durchschliefen.

Zwei Tage lang konnten wir – nun wieder alle fünf vereint – noch auf unseren Gipfel hochblicken, dann schoben sich Chulu East und Chulu West davor.

Auch wenn nicht alle auf dem Gipfel stehen konnten, war es ein gemeinsamer Erfolg, zu dem alle beigetragen haben: unsere Sherpas, die uns geführt haben, unsere Küchenmannschaft, die uns super bekocht hat und unsere Hochträger, denen scheinbar nichts zu schwer war, sowie unsere Freunde, die uns die Daumen drückten. Allen auf diesem Weg noch einmal ein herzliches Dankeschön!!

Heike Schuster-Hulley

Kategorie: Hochtourengruppe

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