Bergführer warnt: Kein Gipfel ist wirklich leicht

| 5. Juli 2012 | Keine Kommentare

Der Vorsitzende der Koblenzer Sektion des Alpenvereins DAV über Gefahren alpiner Touren

Koblenz. Der Bergunfall am Lagginhorn in den Walliser Alpen gibt auch Experten Rätsel auf. Gerade vermeintlich „einfache“ Berge wie der 4010 Meter hohe Gipfel würden oft unterschätzt, sagt der Vorsitzende der Koblenzer Sektion des Alpenvereins, Norbert Dötsch, im Interview. Der Deutsche Alpenverein (DAV) ist nach eigenen Angaben der weltgrößte Bergsportverband. Der Dachverband und seine Untergruppen bieten unter anderem Kurse im Bergsteigen und Bergwandern an.

Die Koblenzer Sektion des Alpenvereins hat mehr als 4000 Mitglieder, deutschlandweit sind es fast eine Million. Was fasziniert die Menschen so sehr am Bergsteigen?

Ich glaube, es ist das Erlebnis, die Weite, die man auf dem Gipfel spürt. Für viele geht es aber auch darum zu wissen, ob sie körperlich in der Lage sind, einen Aufstieg zu schaffen.

Liegt darin vielleicht auch die Gefahr? Man will seine Kräfte austesten und übernimmt sich dann?

Ja, die Gefahr, sich zu überschätzen, ist groß. Deshalb sage ich unseren Mitgliedern auch, sie sollen sich nicht von den Beschreibungen in Bergführern täuschen lassen und vor jedem Berg Respekt haben. Ich empfehle außerdem jedem, ein bis zwei Stufen unter dem eigenen Leistungsvermögen zu bleiben. Wen man in der Gruppe geht, ist dabei immer das schwächste Gruppenmitglied entscheidend. An seinem Leistungsniveau muss sich die ganze Tour ausrichten.

Kennen Sie denn das Lagginhorn?

Ja. Ich habe dort vor mehr als 20 Jahren meine erste Tour als Tourenführer gemacht. Deswegen war ich sehr erschüttert, als ich von dem Unglück gehört habe. Das Lagginhorn wird oft als „leichter Viertausender“ beschrieben. Aber kein Viertausender ist wirklich leicht. Bei guten Verhältnissen vielleicht. Aber die können sich schnell ändern.

Also spielt das Wetter eine entscheidende Rolle?

Auf jeden Fall. Routen, die bei Sonne leicht zu begehen sind, können bei Schnee oder Nebel problematisch werden. Am Lagginhorn gibt es zum Beispiel ein sehr steiles Stück zum Gipfel hin. Da muss es nur ein bisschen schneien, und schon wird es gefährlich.

Was sind die Grundvoraussetzungen, um einen 4000er wie das Lagginhorn zu besteigen? Was muss man wissen, was können?

Die Kondition sollte stimmen. Man sollte schon in der Lage sein, acht bis zehn Stunden auch in schwierigem Gelände unterwegs zu sein. Außerdem ist die mentale Fitness wichtig. Wer sehr ängstlich ist, kann nicht auf einen Viertausender steigen. Und der Betreffende sollte schon einige Touren gemacht haben. Als ich meinen ersten Viertausender bestiegen habe, hatte ich schon einige kleinere Berge hinter mir. Ich habe mit 1700ern angefangen und mich dann langsam gesteigert.

Welche Ausrüstung gehört zu einer hochalpinen Tour?

Eine ganze Menge: Steigeisen und ein Eispickel, ein Seil und der entsprechende Anseilgurt, ein Steinschlaghelm, Eisschrauben zum Sichern und Karabiner. Wind- und wasserfeste Kleidung sowie Mütze und Handschuhe sind wichtig, weil es zu plötzlichen Wetter- und Temperaturstürzen kommen kann. Warme Unterwäsche, wie sie auch beim Skifahren getragen wird, gehört in den Rucksack. Und eine Biwak-Ausrüstung, denn es kann immer mal sein, dass die Gruppe nicht weiterkommt und irgendwo ihr Lager aufschlagen muss. So ein Rucksack für eine hochalpine Tour kann schon 14 bis 18 Kilogramm wiegen. Entscheidend ist aber, dass Alpinisten ihre Ausrüstung auch benutzen können. Lernen kann man das zum Beispiel im Alpenverein. Wir vermitteln in Kursen das nötige Basiswissen.

Wann ist die Unfallgefahr am größten, beim Auf- oder beim Abstieg?

Auf jeden Fall beim Abstieg. Denn dann lassen Kraft und Konzentration nach. Man muss sie sich für den Hin- und den Rückweg gut einteilen. Deswegen sagen wir Bergsteiger auch: Die Tour ist erst im Tal zu Ende.

Die Fragen stellte Angela Kauer

Mehr Informationen unter www.ku-rz.de/bergwacht

RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Donnerstag, 5. Juli 2012, Seite 10

Kategorie: Presse

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