Bergfahrt in die Ligurischen Alpen

| 27. September 2011 | Keine Kommentare

Auch im vergangenen Jahr hat es mich zu einer Bergfahrt in die italienischen Alpen gezogen. Diesmal habe ich Ligurien und die Ligurischen Alpen besucht.

Die Ligurischen Alpen

Ligurische Alpen – noch nie gehört!?! Folgt man dem Bogen der Alpen im Westen, sind sie in der Schweiz noch weitestgehend in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Anschließend beschreiben sie eine „Knick“ Richtung Süden zum Mittelmeer. Dieser Teil der Alpen befindet sich weitestgehend in Frankreich. An der Küste (Côte d’ Azur, bei Nizza und Monaco) treffen dann die Seealpen auf das Mittelmeer. Östlich davon gibt es eine weitere Berggruppe, die zu den Alpen gehört und im nördlichen Ligurien (Riviera) auf das Mittelmeer trifft: Die Ligurischen Alpen. Sie befinden grob in dem durch die Städte Cuneo (Piemont), Ventimiglia (italienisch-französische Grenze) und Savona gebildeten Dreieck. Richtung Genua schließt sich dann an die Ligurischen Alpen der Ligurische Apennin an. Dies ist der Start- bzw. Endpunkt, je nach Sichtweise, des Apennins, der sich über die gesamte italienische Halbinsel erstreckt. Die höchsten Berge der Ligurischen Alpen sind höher als 2600 m.

Die Exkursionen

Zunächst war ich dort als Individual-Tourist unterwegs. Aufgrund der limitierten Kenntnisse der örtlichen Gegebenheiten habe ich mich einer vor Ort angebotenen Exkursion „Von Cetta zum Kreuz von Cetta“ („Cetta“ ist ein Ort und „Kreuz von Cetta“ ein Berg in der Umgebung) angeschlossen. Cetta (749 m) liegt tief im Valle Argentina, einem Tal in dem der Fluß Argentina fließt. Da sich im Untergrund der Täler viel Jura-Gestein befindet und es im Sommer recht warm wird ist, ist dieser Fluß im Sommer fast versiegt, während er im Winter und im Frühjahr beträchtliche Wassermengen führt. Da es Ende September noch ziemlich warm war, war die Wanderung durch die Wälder recht angenehm. Am Kreuz von Cetta (1369 m) legten wir eine Rast ein. Dort hatten wir eine wunderbare Panorama-Aussicht in die Ligurischen Berge. Unterwegs kamen wir immer wieder an Gebäuden vorbei, die früher im Sommer während der Bewirtschaftung genutzt worden sind. Doch da die Landwirtschaft in den Bergen immer weiter zurück geht verfallen sie immer mehr. Auf dem Rückweg kamen wir dann schließlich noch durch einen Wald mit Eß-Kastanien. Diese Gelegenheit wurde von meinen italienischen Mitwanderern reichlich genutzt um Früchte für den eigenen Bedarf zu sammeln.

Später bin ich dann zu der Wandergruppe aus der Schweiz gestoßen, bei der ich mich ursprünglich angemeldet hatte. Unser Standort war Bordighera, das direkt an der Mittelmeerküste liegt. Von dort aus haben wir dann Tagesexkursionen unternommen.

Für die erste Wanderung ließen wir uns zu unserem Startpunkt nach Borghetto S. Nicolo bringen. Von dort aus ging es durch die zum Mittelmeer hin abfallenden Hänge der Ligurischen Alpen ins Landesinnere. Der Weg führte uns durch eine für Europäer von nördliche der Alpen völlig ungewohnte Vegetation. Wir sind entlang von Palmen und Kakteen, Pinien und Eßkastanien, unterschiedlichen Arten des Eukalyptus und der Mimose sowie an einigen Prachtexemplaren des Ficus vorbei gekommen. Weinreben und Olivenbäume nicht zu vergessen. – Das sind die Pflanzen die ich benennen kann. Darüber hinaus haben wir noch viel mehr Pflanzen gesehen, die bei uns gar nicht bekannt, bzw. mir von hier nicht vertraut sind. Unterwegs machten wir Rast an dem kleinen Kirchlein S. Giusto. Von dort aus war es dann nicht mehr weit zu unserem Ziel der Tageswanderung: Perinaldo.

Perinaldo ist ein unscheinbarer Ort im Küstenhinterland. Der bedeutendste Sohn des Ortes ist zweifellos Giovanni Domenico Cassini. Nach ihm und Galileo Galilei wurde eine Weltraummission zum Saturn benannt. Cassini wurde 1625 in Perinaldo geboren. Nach einer naturwissenschaftlichen Ausbildung hat er sich an den französischen Hof des Sonnenkönigs begeben, hat dort Karriere gemacht und ist französischer Staatsbürger geworden. Dort avancierte er zum Professor der Mathematik und Astronomie und errichtete und leitete u. a. die Sternwarte der Akademie der Wissenschaften von wo aus er besonders den Saturn beobachtete. Aber er war auch auf anderen Gebieten aktiv. So hat er sich an der Vermessung und Kartierung Frankreichs aktiv beteiligt. Diese topographische Aufnahme konnte er jedoch zu Lebzeiten nicht fertig stellen. Diese Aufgabe wurde von seinem Sohn und seinem Enkel fortgeführt und schließlich von seinem Urenkel, die ihm alle als Naturwissenschaftler nachfolgten, vollendet. Für uns im Rheinland ist das in sofern von Bedeutung, als daß mit der französischen Besetzung unter Napoleon die kartographische Erfassung unseres Gebietes nach dem zu der zeit aktuellen Stand der Technik durch den französischen Oberst Tranchot, von einigen Ausnahmen abgesehen, begann. Darauf wiederum gehen die topographischen Karten, die wir heute benutzen, letztlich zurück.

Die zweite Wanderung führte uns von San Biagio della Cima wider durch etliche Olivenhaine. Zur Mittagszeit kehrten wir in einem Landgasthaus (Agroturismo) ein und haben uns die lokalen Produkte schmecken lassen. Von dort aus ging es über einen wunderbaren Pfad hinab ins Tal der Nervia nach Dolceaqua. Dolceaqua kennen in Deutschland wahrscheinlich nur wenige. Aber von Andrea Doria hat man vielleicht schon mal gehört. Da gab es mal ein Kreuzfahrtschiff, das auf diesen Namen getauft war. Die Person nach der dieses Schiff jedoch benannt worden ist, war im 16. Jahrhundert ein wichtiger Admiral und Doge von Genua gewesen. Und der Stammsitz dieser Familie, die in Ligurien reich begütert war, ist Dolceaqua. Der nächste Tag bestand aus einer kleineren Küstenwanderung am Cap Ferrat (Franreich, Côte D’ Azur) und auf dem Rückweg einer Stippvisite in Monaco.

Am darauf folgenden Tag ließen wir uns zu unserem Startpunkt, mehr oder minder in der freien Landschaft bringen, von wo aus wir ein Stück auf dem AVLM, dem Alta Via dei Monte Ligurie (Höhenweg der Ligurischen Berge; startet in Ventimiglia an der italienisch-französischen Grenze und führt in Schichtweite des Mittelmeeres schließlich auch ein Stück durch die Apenninen bis nach La Spezia) gewandert. Unterwegs sind wir wieder in einem Agroturismo eingekehrt. Diesmal haben wir unsere mitgebrachten Speisen verzehrt und nahmen an der für uns organisierten Weinprobe (einschließlich Grappa) teil. Anschließend ging es weiter zu unserem Tagesziel Camporosso. Auch auf dieser Wanderung ist es wieder deutlich geworden: Für Wanderer ist es dringend zu empfehlen auf den bestehenden Wegen zu bleiben. Überall, wo das Gelände nicht wirtschaftlich genutzt wind kommt die Natur zurück. Das bedeutet es entsteht ein mehr oder minder undurchdringlicher Buschwald – die Macchia. Undurchdringlich deshalb, weil die sich ausbreitenden Pflanzen gerne mit nicht zu vernachlässigenden Dornen bestückt sind. (Ohne Machete kommt man dort nicht weiter.)

Für die vorletzte Wanderung haben wir die Ligurischen Alpen verlassen und sind mit der Tenderbahn in die benachbarten Seealpen gefahren. Ausgangsort der Wanderung war Breil-sur-Roya in Frankreich. Die wunderschöne Wanderung führte uns entlang des Fußes Roya (F)/Roia (I) nach Airole (Italien). Man könnte meinen hierbei handelt es sich um eine Talwanderung. Aber weit gefehlt. Auch dieses Gebiet gehört noch zu den Alpen und ist von seinem Grundcharakter her sehr felsig. Dem entsprechend ist das Tal sehr eng und es geht am Hang auf und ab – und dies in einem deutlich engeren Tal, als wir von Rhein, Mosel oder Lahn her kennen.

Den Abschluß bildete eine leichte Wanderung zum Fürstentum Seborga. Was, noch nie vom Fürstentum Seborga gehört? Ich vorher auch nicht! Seborga selber ist nicht weiter spektakulär. Wie in vielen anderen Bergorten auch sind im Laufe der Zeit viele Menschen zur Küste gewandert, weil es dort besser Verdienstmöglichkeiten gibt, als im Landesinneren. Vor einiger Zeit hat dann ein eifriger Lokalhistoriker herausgefunden, daß dieser Ort lange Zeit einem Kloster gehört hat und das dessen Abt es geschafft hat dafür den Titel eines Fürsten zu bekommen. Außerdem hat sich in der Vergangenheit dort ein Ritterorden, der diese Besitzung geschützt hat, angesiedelt. Bei der Einigung Italiens scheint nicht alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Jedenfalls ist dieses Fürstentum wohl in den Verträgen nicht richtig berücksichtigt worden. Nicht zuletzt aus touristischen Gründen hat man dieses Fürstentum wiederbelebt. Der Lokalhistoriker wurde zum ersten Fürsten der Neuzeit (20. Jahrhundert) – Fürst Giorgio I. – gewählt. In dieser Funktion hat er die Unabhängigkeit gegenüber der Republik Italien proklamiert. Es ist eine eigene Regierung mit eigener Währung, eigenem Paß, Flagge und Hymne sowie eigenen Briefmarken und Münzen etabliert worden. Der erste Fürst ist in der Zwischenzeit kinderlos verstorben. So wurde ein zweiter Fürst gewählt: Es handelt sich um Fürst Marcello I., der in Latium geboren ist und als Bauunternehmer in der Schweiz „etwas Geld verdient hat“. Er ist verheiratet mit einer Deutschen aus dem Allgäu und die Einwohner des Fürstentums sind glücklich. Das große Vorbild zur Entwicklung des Fürstentums ist Monaco.

Schließlich haben wir noch einen botanischen Garten, genauer gesagt einen Kakteengarten, der unter nationalen Schutz steht, besucht. Hier kam es zu dem einzigen kleinen Unfall der ganzen Reise: Jemand hatte sich ungeschickt bewegt und sich prompt ein paar Kaktusstachel eingefangen. Hier hat sich deutlich gezeigt: In unserem Alpinen Grundkurs lernen wir viel über Erste Hilfe in den Bergen (in Eis und Fels). Aber diese Situation ist noch nicht im Lehrplan berücksichtigt. Aber dank unserer Reiseleiterin konnten wir auch diese Situation meistern. Das führt mich direkt zu meiner letzten Bemerkung. Wenn man sich in Italien nicht auskennt und sich nicht italienisch verständigen kann ist es unbedingt zu empfehlen mit einer Reisegruppe die Berge in dieser Region zu erwandern. Es gibt markierte Wege und es gibt Wanderkarten, sogar im Maßstab 1: 25 000. Aber das Kartenbild ist so ungünstig, daß nur eine grobe Orientierung möglich ist. Nichts desto trotz war dies eine gelungene und erlebnisreich Reise in einen Teil der Alpen, der alles andere als touristisch überlaufen ist.

Dietmar Raschke

Februar/März 2012

Kategorie: Sonstige Touren

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