„Aus aller Welt zieht es Alpinisten nach Arolla. Warum wohl …?“

| 26. Januar 2020 | Keine Kommentare

Im plaisir ALPIN Führer von Jürg von Känel liest man „Aus aller Welt zieht es Alpinisten nach Arolla. Warum wohl, vielleicht weil Arolla sich von den großen und mondänen Kurorten wie Zermatt oder Saas Fee unterscheidet und seine urtümliche Art bewahrt hat? Oder weil man sich hier unter Bergsteigern fühlt?…Seit jeher gilt die Aiguille de la Tsa als besonderes Ziel der meisten Bergsteiger, die nach Arolla kommen. Der kühne Zapfen bildet das Matterhorn direkt über Arolla. Seine Besteigung ist denn auch nicht ganz einfach….“

Nach Jahren der Schweizabstinenz, die wir in den österreichischen und italienischen Alpen verbrachten, zog es uns doch wieder ins Wallis mit seiner mächtigen Bergwelt. Wir kannten das Gebiet rund um Arolla noch nicht, hatten aber schon viel über die einsame und wilde Landschaft, lange alpine Zustiege und luftig gelegene Hütten gehört. Als uns dann auch noch unser Freund Didi von der Gegend vorschwärmte, stand unser Ziel für den Bergsommer 2019 fest.

Beschäftigt man sich dann mit diesen Touren, so zeigt sich, dass alle Hütten über 3000m Höhe liegen- eine Akklimatisationstour musste also her und da wir unser Basislager in der Nähe von Martigny aufgeschlagen hatten, bot sich die Aiguille du Tour (3540m) an, die man wunderbar über die Cabane d’Orny (2826m) erreichen und von der aus man einen grandiosen Ausblick ins gesamte Mont-Blanc-Gebiet genießen kann, so wird sie auch im Führer Walliser Alpen  von Daniel Silbernagel als „Aussichtsberg der Extraklasse“ bezeichnet. Nach einer Nacht auf der Cabane du Trient (3170 m) ging es am nächsten Tag kletternd über den Ostsporn auf die Tete Blanche (3421m) und nach Querung des Col Blanc über die vereiste Nordflanke und den Westgrat auf die Petite Fourche (3470m).

Der mächtige Gipfel der Pigne d`Arolla baut sich über Arolla auf, fällt bereits vom Parkplatz ins Auge und sollte unser erstes Ziel im Gebiet sein. Die Wettervorhersage versprach nicht so stabiles Wetter, wie wir es uns gewünscht hätten, so war immer ab Nachmittag mit Gewittern zu rechnen.

Nach 1170 Höhenmetern Aufstieg über begrünte Moränenrücken, felsige versicherte Kletterpassagen und schließlich ein unangenehmer Gletscheranstieg mit zum Ende hin aufsteilendem Blankeis führte uns zur ausgesetzt an einer steil abfallenden Felswand angelehnten Vignettes-Hütte (3157m). Einsam standen wir am Morgen des nächsten Tages auf dem Gipfel der Pigne d´Arolla (3790m) und genossen den Blick auf die Gipfelrunde der Walliser 4000er. Nach Ausaperung der eigentlich einfachen Firnflanke ist die SO-Wand nun eine Eisflanke und findet von dieser Seite nur noch wenig Begeher…

Der Blick von der Cabane Vignettes fällt direkt auf den Bischof- die l`Eveque, die sich aus dem gigantischen spaltenreichen Gletscherplateau des Glacier de Mont Collon erhebt.

Die Wettervorhersage war für den geplanten Besteigungstag mehr als deprimierend. Laut DAV Wetterbericht sollte das Wetter dermaßen schlecht und unbeständig werden, dass man von Bergtouren abriet und empfahl, diesen Tag besser in der Kletterhalle zu verbringen. Als wir dies dem Hüttenwirt mitteilten, sah uns dieser ungläubig an und sagte, ihr macht morgen die l`Eveque- nach dem Schweizer Bericht wird das Wetter gut, Gewitter werden erst für den Abend gemeldet.

Wir starteten also nach einem leckeren Frühstück um 4 Uhr etwas unsicher bezüglich der Wetterentwicklung mit den anderen Hüttengästen, die die nächste Etappe der Haute Route angingen. Auf dem Gletscherplateau verließen wir die Haute Route und suchten uns einen geeigneten Weg durch das Spaltengewirr ostwärts Richtung Südgrat des Mont Collon. Der weitere Aufstieg führt über die mit riesigen verschneiten Querspalten durchsetzte Nordflanke der l´Eveque bis man über den steiler werdenden Gletscher die Scharte zwischen Mitre de l`Eveque und dem Gipfel erreicht. Hier sollten wir in Absprache mit dem Hüttenwirt nochmal das Wetter beurteilen, denn ab dieser Stelle brauche man mindestens nochmal zwei Stunden zum Gipfel. Das Wetter zeigte sich stabil und so gingen wir die etwa 150 Höhenmeter  45° Eisflanke an, bevor wir dann den Einstieg in den NO-Grat erreichten, der uns in schöner Kletterei zum einsamen Gipfel der l`Eveque (3716m) führte. Als wir am Nachmittag unser Bierchen auf den Stufen vor der Hütte im Sonnenschein tranken, waren wir froh, den Tag nicht in der Kletterhalle verbracht zu haben.

…und dann…die Aiguille de la Tsa… „Inbegriff einer kühnen Felsnadel im Mittelwallis“ schreibt Daniel Silbernagel in seinem Führer Walliser Alpen. Zunächst steht einem ein schwieriger und langer Zustieg zu einer der exponiertesten Schutzhütten des SAC bevor, die Cabane Bertol ( 3311m). Der Weg zur Hütte ist schon ein Abenteuer für sich und gipfelt schließlich in ausgesetzten nebeneinander und übereinander angebrachten Leitern die ausgesprochen luftig zu diesem Adlerhorst führen. Der Ausblick auf die Weite des Gletschermeeres, die Dent Blanche, das Matterhorn und die Dent d`Herens verschlägt einem den Atem. Immerhin waren wir sieben Gäste an diesem wunderbaren Abend, die einen rosapinkorangelilanen Sonnenuntergang über den Eisriesen bei einer leckeren Lasagne genießen konnten.

Der nächste Tag war der reine Genuss, nach überklettern einer Felsrippe erreichten wir den Glacier de l`Aiguilles und vom Col de la Tsa stiegen wir zum Einstieg in die Ostflanke der Aiguille de la Tsa (3668m). Wir genossen die ausgesetzte Kletterei in festem Fels und den atemberaubenden Tiefblick von der Spitze der Nadel hinunter ins Tal. Nach 1700 Hm  Abstieg erreichten wir Arolla…

„Aus aller Welt zieht Alpinisten nach Arolla, warum wohl…“ …wir wissen es jetzt…

Heike Schuster-Hulley & Friedhelm Hulley

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Kategorie: Aktuell, Allgemein, Gruppen, Hochtourengruppe

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