Auf und Ab am Haardtrand – eine Radtour über Schlösser und Berge des Pfälzer Waldes

| 29. März 2020 | Keine Kommentare

von Peter May, Koblenz

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und immer weitere Kreise zieht, so ergibt auch eine Reise oder eine Radtour oftmals neue Pläne, um die besuchte Gegend näher kennen zu lernen. So bei mir geschehen im Jahr 2017, als ich den Radweg „Deutsche Weinstraße“ gefahren bin. Seinerzeit konnte ich bei einer Pause in Alsterweiler bei Neustadt an der Weinstraße etliche Rennradler beobachten, die die steile Kalmit-Höhenstraße auf den höchsten Gipfel des Pfälzer Waldes hinauf gefahren sind. Das könnte man doch auch mal versuchen, dachte ich mir damals. Nicht nur die sportlichen Anforderungen waren für mich interessant – auf der anhaltend steilen Strecke mit bis zu 14 % Steigung sind auf sieben Kilometern 460 Höhenmeter zu überwinden –, sondern auch die exponierte Lage des Berges am Rande des Pfälzer Waldes direkt über der weiten Rheinebene hat einen besonderen landschaftlichen Reiz. Hinzu kamen noch zwei andere Ziele in der Nähe der Kalmit, die ich mir immer schon anschauen wollte: zum einen das Hambacher Schloss, Schauplatz des Hambacher Festes von 1832 und eine Wiege der Deutschen Demokratie, zum anderen die Villa Ludwigshöhe, ehemaliger Sommersitz des Bayernkönigs Ludwig I., die der Region den klangvollen Beinamen „Toskana der Pfalz“ verschafft hat. Optional könnte ich bei ausreichender Kondition noch eine Schleife durch den Pfälzer Wald mit einer Pass-Überfahrt dran hängen, damit sich eine tagesfüllende Gesamtstrecke ergibt. Die Pläne lagen also schon fertig in der Schublade, als im August 2019 Wetter und freie Zeit passten, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Zuvor hatte ich aber noch eine kleine, aber entscheidende Änderung an meiner bewährten Rennmaschine vorgenommen: eine geänderte Übersetzung mit kleinerem Kettenblatt vorne und größerem Ritzel hinten (34/32 Zähne) sollte dafür sorgen, dass ich den schweren Anstieg auf die Kalmit mit meinen begrenzten Kräften überhaupt schaffe. Meine Sorge war nicht ohne Grund: vor ein paar Wochen war ich mit der alten, großen Übersetzung (39/25 Zähne) im Saargau unterwegs und hatte mir in dem steilen Anstieg von der Saar nach Kastel-Staadt hinauf die Beine derart zugefahren, dass der Rest der Tour zu einer ziemlich leidvollen Angelegenheit geworden ist. Außerdem war ich zwecks Erkundung schon mal mit dem Auto die Kalmit-Höhenstraße hinauf gefahren und beeindruckt, um nicht zu sagen eingeschüchtert, von der anhaltenden Steilheit der Serpentinenstraße.

Also, ich war gewappnet, als ich an einem Samstagmorgen um halb zehn Uhr bei schönstem Spätsommerwetter in Rhodt unter Rietburg losfahre. Die Luft ist noch angenehm kühl und ich rolle auf der leicht welligen Weinstraße über Edenkoben, Maikammer und Diedesfeld zügig nach Hambach. Unvermittelt geht es hier linkerhand steil hinauf zum Schloss.

Haardtrand mit dem Hambacher Schloss

Da ich ein ordentliches Tagespensum vor mir habe, aber auch alle Zeit der Welt, schalte ich gleich auf den kleinsten Gang zurück und komme so die 200 Höhenmeter zum Schloss hoch, ohne ernsthaft außer Puste zu geraten. Wow, was die paar Zähne Unterschied doch ausmachen! Es ist ein unglaublich gutes Gefühl, dass ich auch die steilsten Stellen noch gut im Sitzen und mit rundem Tritt fahren kann. Jetzt traue ich mir alles zu: Kalmit, ich komme! Zuvor mache ich freilich noch ein paar Fotos vom Hambacher Schloss aus und genieße den weiten Blick auf den Rheingraben, wobei derselbe aber durch den Dunst und die gleißende Morgensonne leider etwas eingeschränkt ist. Erst durch den Wald, dann durch eine steile Wohnstraße geht es wieder hinunter nach Hambach und, nach einem kurzen „Verhauer“, wieder nach Diedesfeld. Hier in dem schönen Winzerdorf hatte ich bei meiner Tour vor zwei Jahren mein Nachtquartier bezogen, hier hatte ich vor vielen Jahren eine lustige Woche in einem Tagungshotel direkt unter dem Hambacher Schloss verbracht. Weiter geht es durch sonnig-heitere Weinberge nach Alsterweiler an den Beginn der Kalmithöhenstraße, wo ich vor zwei Jahren gesessen habe und wo die Idee zu meiner heutigen Tour entstanden ist. Kreise schließen sich – neue Herausforderungen warten. Am Stoppomat will ich mir eine Zeitnahme-Karte ziehen und abstempeln lassen, aber leider ist der Automat außer Betrieb. Macht nichts, es wäre ohnehin nicht mehr gewesen als ein Souvenir. Die nächste Dreiviertelstunde kurbele ich mich in gemütlichem Tempo und gleichmäßigen Rhythmus die Straße hoch. Es ist wenig Betrieb und zum Glück spenden die Bäume Schatten. Es geht also ohne Probleme und viel leichter als erwartet den Berg hinauf. Am Straßenrand stehen kleine grüne Schilder und zeigen die Höhe an: 200 Meter, 300, 400, 500, 600 Meter. Das letzte Wegstück ist nur noch geschottert und recht steil, aber ich fahre komplett bis zum Gipfel der Kalmit hoch. Kurz vor Mittag erreiche ich den höchsten Punkt auf 673 Metern über dem Meeresspiegel.

Am Gipfel der Kalmit

Neben verschiedenen Funkanlagen steht hier oben auch eine bewirtschaftete Hütte und ich gönne mir zur Belohnung ein kühles Bier. Nach einer kurzen Pause geht es auf der anderen Seite des Berges auf der Totenkopf-Höhenstraße steil hinab ins Tal bis nach St. Martin. Hier verlasse ich die Landstraße und fahre durch die hügligen Weinberge bis zur Straße, die oberhalb von Edenkoben zur Villa Ludwigshöhe führt. Ein kurzer Anstieg von nur 100 Höhenmetern bringt mich rasch zu dem Schloss. Das durch seine hohe Säulenreihe auffallende, von weither sichtbare Bauwerk aus der Zeit des Klassizismus steht genau am Übergang der Rebhänge zu den bewaldeten Haardtbergen.

Villa Ludwigshöhe

Ursprünglich vom bayerischen König Ludwig erbaut, wird die Villa heute für kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt. Ich genieße kurz die Aussicht von der Säulenterrasse auf die tiefer gelegenen Dörfer und Weinberge, dann mache ich mich wieder aus der inzwischen merklich drückenden Sonne. Als ich wieder unten in Rhodt bin, ist es erst ein Uhr mittags und meine Beine fühlen sich noch einigermaßen frisch an. Das Wetter ist so schön und die Landschaft so toll, dass es zu schade wäre, jetzt schon nach Hause zu fahren. Ich hänge also noch ein letztes Teilstück dran. Oberhalb von Rhodt quere ich hinüber nach Weyher, wo ich am schattigen Glockenbrunnen eine letzte kurze Ess- und Trinkpause einlege. Jetzt geht es in das stille Modenbachtal, das in moderater Steigung nochmals über 320 Höhenmeter zum Forsthaus Heldenstein und weiter bis zur „Lolos-Ruhe“ auf 573 Meter über Normal Null hinaufführt. Wie zuvor fahre ich den Berg im Schongang hoch, genieße den würzigen Duft der Kiefern und die wohltuende Einsamkeit des Waldes. Der Atem strömt gleichmäßig, ich fühle mich stark und auch die anfänglichen Knieschmerzen sind verschwunden. Herrlich, so muss es sein! Nach einem kurzen Fotostopp auf der Passhöhe geht es schließlich in rasanter Fahrt hinab durch das Edenkobener Tal. Ich muss mich noch mal gut konzentrieren, weil die Straße ziemlich uneben ist und viele Schlaglöcher hat. Einen Sturz mit knapp 60 Sachen will ich mir lieber nicht ausmalen. Immer wieder schüttelt es das Rad und mich durch, aber alles geht gut. Bald bin ich wieder aus dem Wald heraus und in der weiten Rebflur angelangt. Ein letztes Mal quere den Hang unterhalb der Haardtberge in Richtung Rhodt, wo mein Auto steht. Hier komme ich um halb drei Uhr am frühen Nachmittag an, fünf Stunden nach meinem Start. Der Tacho zeigt 63 Kilometer gefahrene Strecke an und auf der Landkarte addieren sich die vier Anstiege auf über 1.200 Höhenmeter – genug für einen Tag. Auf der Heimfahrt über die Autobahn nach Koblenz stellt sich dann doch eine gewisse Müdigkeit ein. Ein letzter Blick zurück zum Haardt-Rand mit seinen imposanten Bergen und den reizvollen Schlössern gibt mir das gute Gefühl, eine wirklich schöne Ecke unseres Landes gesehen zu haben und das alles aus eigener Kraft geschafft zu haben, ohne den Körper zu überfordern. Mit dieser Erfahrung freue ich mich schon auf die nächste Radtour zu neuen, unbekannten Zielen – gerne auch mit einem knackigen Berg!

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Kategorie: Albatros, Allgemein, Klettergruppe, Klettergruppe Albatros

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