Auf alpinen Pfaden durchs Sellrain

| 2. November 2021 | Keine Kommentare

Über den Ausbruch aus gewohnten zur alpinen Komfortzone.

Zitat aus dem Internet:
„Die Komfortzone ist der Bereich, in dem Du Dich wohl fühlst. In dem es bequem ist und Du keinerlei Anstrengung brauchst, um etwas zu tun.“

Am Sonntag, den 5. September 2021 starteten ins Sellrain zu einer Bergtour Reinhard, Wolfram, Helga, Christine, Ulrich, Thomas und Antonia. Wegen eines Bahnstreiks klappte es nicht mit dem gemeinsamen Start und so stiegen wir in mehreren Gruppen im Fotscher Tal auf zur Potsdamer Hütte, 2020 Hm. Der Aufstieg bei sonnigem Wetter war anstrengend, ohne Pause ging’s vorbei am geschlossenen Bergheim Fotsch. Bei den fast 1000 Hm Aufstieg wurde klar, dass unsere Komfortzone, wie sie sich in unserer Mittelgebirgslandschaft anfühlt, an die veränderten Randbedingungen angepasst werden muss, um voller Genuss die Höhen und Tiefen der Alpenlandschaft erleben zu können. Die Hoffnungen ruhten auf Wanderleiter Wolfram, dass er die Verschiebung der Grenzen der Komfortzone verständnisvoll, behutsam, ohne größere Qualen unterstützt und begleitet. Voller Erwartungen und pünktlich zum Abendessen waren alle auf der Potsdamer Hütte, auf der wir freundlich empfangen wurden, wie auch bei allen anderen Unterkünften.

Gut ausgeruht und gefrühstückt starteten wir am Montag zur Königsetappe, zumindest was die Höhenmeter angeht. Auf dem ca. 860 Hm Aufstieg zum Roten Kogel suchte die Gruppe, die in dieser Zusammensetzung noch nie unterwegs war, ihren gemeinsamen Wander-Rhythmus. Man tauschte sich aus über die jeweilige aktuelle Gefühlslage und etwas mühsam, aber doch erfolgreich verständigten wir uns auf einen Rhythmus, der im Grenzbereich der jeweiligen aktuellen Komfortzone war. So genossen alle die großartige Aussicht und durch richtige Wahl und Wechsel der Kleidung wanderten wir auch bei unbeständigem Wetter voller Freude und unbeschwert durch die alpine Landschaft.  Nach einem langen Abstieg, 1200 Hm über steile Bergpfade erreichten wir das Sellrain Tal, gingen auf einer Brücke über den Melach und der kleine Gegenhang hinauf zum Gasthof tat mehr weh als der ganze Anstieg. In Praxmar, 1700 Hm sind wir in einem komfortablen Gasthof in Doppelzimmern bei guter Verpflegung untergebracht. Man merkte, dass die Sommersaison anstrengend und das Personal urlaubsreif war.

Nach den 2 anstrengenden Aufstiegen, war das Interesse gering weitere Gipfel zu erstürmen und so einigten wir uns auf eine gemütliche Tour zum Relaxen. Das Pflichtprogramm führte uns auf bequemen Fahrweg über Lüsens zum Talende, wo wir auf einen Bergpfad zum Westfalenhaus abbogen. Ab hier ging‘s 600 Hm gemütlich aufwärts, was dem einen oder anderen vom gestrigen Abstieg gestressten Bewegungsapparat guttat. Wir erreichten schon zur Mittagszeit das Westfalenhaus, 2773 Hm. Nachdem Wolfram in der Hütte keine Information bekam über die Schnee-/Eislage auf der Zischgenscharte, die wir erklimmen wollten, verschaffte er sich selbst einen Überblick über die Situation vor Ort. Reinhard, der als erfahrener Bergsteiger sich auch unterfordert fühlte, begleitete Wolfram ein Stück bergauf. Die anderen genossen die strahlende Sonne auf der Terrasse und bei einem kleinen Spaziergang talaufwärts Richtung Amberger Hütte.

Die Zischgenscharte war von der Hütte aus gut zu sehen. Der Aufstieg sah abschreckend und unbegehbar aus. Aber jetzt zeigte sich, dass die Gruppe zusammengefunden hatte, und wir kamen in guter Harmonie stetig aufwärts und erreichten in ca. 2 ½ Stunden die Zischgenscharte. Die letzten hundert Meter waren dabei von feinem Geröll geprägt und ließen nur behutsames Aufsteigen zu.

Ein Teil der Gruppe strebte nach Höherem. Ohne Rucksack wurde mühelos die Schöntalspitze erklommen, um am Gipfel glücklich die herrliche Aussicht zu genießen. Zu Beginn des Abstiegs erreichten wir eine kurze seilversicherte Passage, die in eine mit Schutt gefüllte Rinne hinunterführte. Die geübteren unter uns liefen mit Hilfe der Seile den Rand der Rinne hinunter, die anderen nutzten Seil und Hosenboden um die Passage etwas würdelos, aber unterhaltsam zu bewältigen. Nach Durchquerung eines Geröllfeldes folgte ein bequemer Weg entlang eines Baches, vorbei an einem Wasserfall zur Hinteren Gleirschalm und ein kurzer Aufstieg zur Hütte. An die Pforzheimer Hütte, 2308 Hm angekommen, nahmen einige noch ein Sonnenbad in den Hängematten oder stärkten sich auf der Sonnenterrasse und abends nach dem Essen spielten wir einige Runden „6-nimmt!“, das Christine dabeihatte. Thomas und Antonia boten an „Ganz schön CLEVER“ zu spielen; das Würfelspiel zu lernen lag allerdings nach den anstrengenden Bergtouren außerhalb unserer Komfortzone.

Ein wieder entspanntes Tagesprogramm begann mit einem Blick zurück auf die Pforzheimer Hütte.

Es warteten unschwierige und überschaubare Auf- und Abstiege. Beim Aufstieg zum Gleirschjöchl, 2713 Hm fragten wir uns, was der Unterschied zwischen einer Scharte (gestern) und einem Joch (heute) ist. Unterwegs fand sich keine befriedigende Lösung, auch weil kein Netz vorhanden war. Nachträglich stellte sich heraus, dass beide Bezeichnungen für eine Einkerbung zwischen zwei Gipfeln oder Bergstöcken stehen. Anders als die Scharte ist das Joch oft auch eine Bezeichnung für historische Übergänge.

Auf dem Joch trennte sich die Gruppe und die Unermüdlichen stiegen noch wenige Höhenmeter auf einem einfachen Gradweg zum Gleirscher Rosskogl, 2994 Hm auf. Die Schweinfurter Hütte, 2028 Hm liegt sehr schön am Knick eines Seitentals des Ötztals und ist über einen Fahrweg erreichbar, was für viele Tagesgäste sorgt.

Am Freitag, zu Beginn dieses Abschlusstages ist das Frühstücksbuffet der Schweinfurter Hütte positiv hervorzuheben; es gab u.a. Saft und einen sehr leckeren Thunfischsalat, auf den Ulrich seine an diesem Tag (endlich) richtig guten Beine zurückführte. So gestärkt nahmen wir den Aufstieg zur Finstertaler Scharte, 2777 Hm in Angriff und erreichten diese in ca. 2 1/2 Stunden. Auch heute hat sich wieder gezeigt, dass die auf den Wegschildern angegebenen Gehzeiten eine passende Orientierung für unsere Gruppe waren. Von der Scharte war die Sicht fantastisch. Sorgenvoll betrachteten Helga, Christine und Ulrich einige Wolken und wollten lieber schnell zu Tal gehen.  Die in Sichtweiter beim Joch gelegene Kraspesspitze sollte nach Meinung von Ulrich in Würdigung der lokalen Spezialität in Kaspress-Spitze umbenannt werden. Wolfram sah, dass es einen einfachen Kletterweg auf den Schartenkopf, 2854 Hm gab, für den sich Antonia sofort begeistern ließ. Auch hatte sich die Komfortzone von Thomas zwischenzeitlich voll an die alpinen Gegebenheiten angepasst. So erklommen wir zusammen mit Reinhard den Gipfel und wurden mit herrlicher Aussicht auf den Stausee und die umliegende Bergwelt belohnt. Im Höhenrausch flog Thomas förmlich wieder vom Gipfel herunter unter den skeptischen Blicken seiner Tochter Antonia.

Beim Abstieg von der Finstertaler Scharte hieß es für einige wenige Minuten Stöcke wegpacken und die Hände zu Hilfe nehmen. Aber da es keine ausgesetzten Stellen gab, war auch diese Kletterpassage unproblematisch. Nach kurzer Zeit öffnete sich ein schöner Blick auf den Finstertaler Speichersee, der, wie der Name verrät bei der regenerativen Energiegewinnung hilft. Der Weg zum Ziel führte später entlang des Ufers.  An der Staumauer angekommen, sah der Abstieg zur Dortmunder Hütte nicht einladend aus. Es fiel daher Ulrich leicht uns zu überreden einen Umweg zu nehmen und das schöne Wetter auf der Sonnentrasse der Drei-Seen-Hütte, bei Tiroler Köstlichkeiten zu genießen. Keiner bereute diesen Abstecher und als Wolfram in Nähe der Hütte einen Sessellift sah, war klar, dass damit Knie schonend zu Tale geschwebt wird. Reinhard legte auch die letzte Wegstrecke zu Fuß zurück und konnte niemanden begeistern mit ihm abzusteigen. Der Ort im Tal ist Kühtai, eher eine Skistation als ein Dorf, die Dortmunder Hütte liegt am Ortsrand auf 2000 Hm. Hier sind wir in hochmodernen Vierbettzimmern untergebracht und genießen bei guter Verpflegung und ebensolchen Getränken den Abschlussabend.

Ulrich und Wolfram

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Kategorie: Allgemein, Ausbildung, Ausbildungsberichte

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