Aiguille de Bionnassay – ein luftiges Abenteuer

| 14. Oktober 2006

Die Aiguille de Bionnassay (4.052m) ist bekannt durch ihre imposante, vergletscherte Nordwestwand und ihren messerscharfen, luftigen Nordostgrad – den berühmten „Bionnassay-Grat“. Bergsteiger wie Nichtbergsteiger sind vom Anblick dieses Berges fasziniert.

In nachfolgendem Bericht wird die Überschreitung der Aiguille de Bionnassay beschrieben.

Sommerbergfahrt Juli 2006 von Friedhelm Hulley, Heike Schuster-Hulley, Heike und Frank Lippmann.

Das erste Mal sah ich die Aiguille de Bionnassay von der Goûter-Hütte aus, als wir gerade einen drei Tage andauernden Höhensturm unterhalb des Mont Blanc im Biwak überlebt hatten. Die plötzliche Ruhe und die rotviolette Färbung der mächtigen Nordwestwand der Aiguille de Bionnassay im Sonnenuntergang hinterließen nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck.Aiguille de Bionnassay (4.052m)

Wir übernachteten in den letzten Jahren noch einige Male auf der Goûter-Hütte und immer zog dieser Berg zwischen Dôme de Miage und Mont Blanc alle Blicke der vor der Hütte stehenden Bergsteiger auf sich. Zusammen mit den Bildern und Berichten über seinen berühmten NO-Grat, den messerscharfen, luftigen „Bionnassay-Grat“ übt dieser Berg eine einzigartige Faszination aus und es wächst in uns ein Wunsch – die Überschreitung der Aiguille de Bionnassay.

Das Ziel der Sommerbergfahrt 2006 steht fest. Es war uns allen klar, dass dies eine anspruchsvolle Tour werden würde – denn schon der Zustieg zur Durier-Hütte , dem Ausgangspunkt für die eigentliche Gipfelbesteigung, ist ein Abenteuer für sich – egal ob man über den Dôme de Miage oder aus dem Val Montjoie kommt.

Wir entschlossen uns für den schwierigen, akklimatisationstechnisch aber günstigeren Aufstieg auf die Durier-Hütte über das Val Montjoie.

Chalet du Truc (1.750m)Nach der langen Fahrt nach Chamonix gönnten wir uns erst einmal ein leckeres Mittagessen, bevor es weiter über St. Gervais nach Contamines ging. Bei hochsommerlichen Temperaturen führte uns der größte Teil des Aufstieges durch schattigen Bergwald bis wir schließlich kurz vor dem einsetzenden Gewitter die idyllische Alm Chalet du Truc (1.750m) erreichten. Der Urlaub hatte begonnen – mit frischer Milch direkt von der glücklichen Almkuh, Preiselbeertörtchen und Blick auf „unseren“ Gipfel, der allerdings noch ein paar Tage weit entfernt von uns lag.

Der nächste Tag führte uns über die Almen an den Chalets de Miage vorbei in ein Flusstal. Durch eine grandiose Landschaft erfolgte der Aufstieg vorbei an Wasserfällen. Schließlich erreichten wir über Moränenrücken ansteigend das Refuge du Plan Glacier (2680m) – hoch über dem Gletscher und gegenüber dem glitzernden Eispanzer des Dôme de Miage mit seinen Hängegletschern traumhaft gelegen.
Refuge du Plan Glacier (2.680m)Die an den Felsen angeschmiegte kleine, frisch renovierte Hütte wird von Marie, einer zwanzigjährigen Studentin bewartet. In ihrer Nachbarschaft lebt eine zutrauliche fünfköpfige Steinbockfamilie, die Marie Gesellschaft leistet. Wir genossen das Abendessen sowie das Frühstück am nächsten Morgen auf der überdachten kleinen Terrasse, neben uns die Steinböcke, die die Steine ableckten und nach Pflänzchen suchten. Außer uns hatte Marie nur noch einen Übernachtungsgast – Rachel, die Freundin des Hüttenwirtes auf der Durier-Hütte. Sie wollte Olivier für ein paar Wochen auf der Durier-Hütte unterstützen und damit Olivier nicht absteigen musste, um Rachel abzuholen, boten wir kurzerhand unsere Unterstützung an. Das brachte uns noch einen Brotlaib pro Person an zusätzlichem Gepäck ein, denn das Brot musste auch hochtransportiert werden. So stand unser Motto für den Aufstieg fest: „Brot für die Durier“. Und dieser Aufstieg hatte es in sich II/PD. Zunächst kletterten wir über Blockgelände aufwärts, querten dann mehrere Schneefelder und kletterten dann hinunter auf den aperen Gletscher. Diesen querten wir, bis wir den Übergang auf die Felsrippe erreichten. Refuge de Durier (3.358m) Nun stiegen wir über Blockgelände und einige Kletterstellen 690 Hm zum Refuge de Durier (3.358m) auf, wo uns Olivier um 10:30 Uhr freundlich in Empfang nehmen konnte. Das Wetter blieb stabil und wir genossen den Rest des Tages bei Sonnenschein mit Blick auf Tré-la-Tête und den Grat des Dôme de Miage mit seinen vereinzelten schwarzen Punkten, die den Hüttengästen am Abend entsprachen. Mit etwas Glück und Spürsinn ließen sich im Gelände um die Hütte kleine Bergkristalle finden. Allein ein Sonnenuntergang auf diesem Adlerhorst mit Blick nach Frankreich im Westen und den Glacier de Bionnassay auf italienischer Seite im Osten lohnt den Weg hier herauf.

Die Nacht war kurz. Als wir um 2:30 Uhr beim Frühstück saßen traf die erste Gruppe mit einem blutüberströmten aber zum Glück nur leichtverletzten Mitglied wieder in der Hütte ein. Der bayrische Bergsteiger war 15 min von der Hütte entfernt 8m abgestürzt. Zwei Tage zuvor musste der Hubschrauber zweimal landen – jetzt der dritte Einsatz in drei Tagen.

Gegen 3:00 Uhr starteten wir. Vor uns lag eine kombinierte AD-Tour mit Kletterei im III° und Firn- und Eisflanken bis 55°. Von der Hütte ging es über den kombinierten Südgrat bis zur ersten Firnschulter, vom oberen Ende des darauf folgenden Felsgrates leitete ein waagerechter Schneegrat zum Fuß des großen Felsaufschwunges mit seinen Kaminen. Im Licht der Stirnlampe auf dem Südgrat der Aig. de BionassayLaut Führer klettert man hier rechts der Gratkante „an herzhaft steilen Platten und Rissen“ 5 bis 6 Seillängen sehr ausgesetzt in brüchigem Fels bis zum Gipfeleisfeld. In 55° steilem Firn und Eis erreicht man schließlich den ausgesprochen luftigen Gipfel (4.052m). Von diesem Ausblick, Einblick und Tiefblick bleibt einem dann nicht nur wegen der dünnen Luft „die Luft weg“. Das war er, der Bionnassay Grat – der ganze NO-Grat lag messerscharf vor uns. Der rechte Fuß stand in Italien, der linke in Frankreich und zu beiden Seiten ging es 1000 m in die Tiefe. Es war ein unglaubliches Gefühl auf diesem Grat zu stehen. Wochenlang während der Vorbereitung, beim Lesen von Berichten und Betrachten von Bildern, wurde der Grat in unseren Köpfen immer schmaler, zuletzt in manchen (Alp-) Träumen vor der Tour sogar unbegehbar. Und jetzt standen wir hier und es war einfach nur phantastisch.

Wir hatten uns zuvor viele Gedanken darüber gemacht, wie wir den Grat begehen sollten – jeder für sich und somit ungesichert oder jeweils in einer Zweierseilschaft mit der Chance, dass der Sturz vom Partner gehalten werden kann, indem dieser auf die andere Seite des Grates herunterspringt. Reagiert der Partner falsch oder zu spät würden dann allerdings beide stürzen. Wir hatten uns bereits vor Antritt der Tour einstimmig für die letztere Methode entschieden und folgten nun konzentriert dem NO-Grat über den Col de Bionnassay (3.888m) zum Piton des Italiens (4.002m). Heike auf dem Gipfel der Aiguille de Bionassay (4.052m)Kleine Felspassagen unterbrachen den Firngrat immer wieder, bis wir nach 1,5 km Gratlänge wieder festeren oder sagen wir breiteren Boden unter den Füßen hatten. Doch während der Boden nun wieder mehr Sicherheit bot, schossen um uns herum die Wolkentürme in die Höhe und es galt sich zu beeilen. Nach Erreichen der Mulde auf etwa 4.200m Höhe unterhalb des Dôme de Goûter querten wir dessen Westflanke bis wir den Normalweg zum Mont Blanc erreichten. Bei Donnergrollen und tiefschwarzem Himmel über dem Gipfel des Mont Blanc erreichten wir trocken die Goûter-Hütte .

Leider spielte das Wetter nun nicht mehr mit. Am Folgetag gingen schon in den Morgenstunden Gewitter nieder, so dass wir beschlossen abzusteigen. Unseren ursprünglichen Plan der anschließenden Mont-Blanc-Überschreitung mussten wir auf ein nächstes Mal zu verschieben.

Dadurch hatten wir im Abstieg allerdings noch einmal eine herrliche Aussicht auf „unseren“ Berg und noch ein paar Ruhetage in Chamonix, die wir nach diesem Erfolg umso mehr genossen.

Heike Schuster-Hulley

Kategorie: Hochtourengruppe

Kommentare sind geschlossen.