Radtour zu den drei höchsten Bergen der Eifel

| 18. Dezember 2016 | Ein Kommentar

 Von Peter May, Koblenz

Ich fahre gerne Rad und ich gehe gerne in die Berge. Außerdem liebe ich meine alte Heimat, die Eifel. Was liegt also näher, als eine Radtour zu den drei höchsten Bergen der Eifel? Die wesentlichen Eckpunkte sind schnell abgesteckt: Start mit dem Rennrad in Prüm. Zunächst die Schnee-Eifel hinauf auf den Schwarzen Mann (697 m), dann Zwischenstopp und Stärkungspause in Auel bei Gerolstein. Danach zum Ernstberg (699 m) im Herzen der Vulkaneifel und zuletzt zur Hohen Acht (747 m) in der Hocheifel. Als Endpunkt peile ich zunächst Mayen in der Osteifel an. Macht Summa Summarum 116 Kilometer Strecke und 1.600 Höhenmeter – ein strammes Pensum, das ich mir als Spaß- und Freizeitradler gerade noch so zutraue. Dann schließt sich mein Schwager Kurt, ebenfalls ein begeisterter Radler und Bergsportler, mir an und erweitert den Tourenplan noch ein wenig: Weiterfahrt von Mayen bis nach Koblenz. Dort kann er mit der Bahn die Rückfahrt in seine Heimatstadt Siegburg antreten oder, wenn er noch fit genug ist, den Rhein abwärts bis nach Hause radeln. Für mich würde die Tour auf jeden Fall an meinem Wohnort in Koblenz enden. Ein Blick auf die Karte zeigt, was uns erwartet: die an sich Topf-ebene Hochfläche der Eifel wird zerteilt und gegliedert einerseits durch zahlreiche Flüsse und Bäche, die sich mit steilen Hängen in den Untergrund eingeschnitten haben und andererseits durch Höhenzüge und Vulkanbauten, die dem flachen Rumpfgebirge als markante Erhebungen aufgesetzt sind. So ergibt sich ein anspruchsvolles Streckenprofil, das durch ständig wechselnde Anstiege und Abfahrten charakterisiert ist. Auch landschaftlich ist die geplante Strecke abwechslungsreich und reizvoll. Während die klimatisch raue West- und Hocheifel durch Wald und Grünland geprägt ist, präsentieren sich das Maifeld und die Pellenz in der Osteifel mit ihren fruchtbaren Böden und dem milderen Klima als ackerbaulich intensiv genutztes Offenland. Geografisch beschreibt die Route eine von West nach Ost verlaufende Linie, die sich von der deutsch-belgischen Grenze quer durch die gesamte Eifel bis zum Neuwieder Becken erstreckt. Auf jeden Fall haben wir eine großzügige Strecke vor uns, die vielfältige Eindrücke verspricht, aber natürlich auch einigen körperlichen Einsatz verlangt.

Als sich im nassen Sommer 2016 endlich ein Sonntag mit trockenem und warmem Wetter ankündigt, setzen wir den Plan kurz entschlossen in die Tat um. Mit dem Auto und dem Velo im Kofferraum lassen wir uns zum vereinbarten Treffpunkt nach Prüm bringen, der kleinen Kreis- und Abteistadt in der Westeifel.

Gut gelaunt schwingen wir uns um 9.00 Uhr auf die Räder. Die Sonne scheint von einem blauen Himmel, die Temperaturen sind angenehm. Munter plaudernd geht es kurzweilig über Gondenbrett und Wascheid in den bewaldeten Höhenrücken der Schneifel. Hier endet die Teerstraße und wir müssen ein paar Kilometer über geschotterte Forstwege fahren. Glücklicherweise kommen wir mit den dünnen, harten Rennradreifen ohne Schaden durch. Weil wir noch frisch sind, spüren wir die anhaltende Steigung kaum. Unvermittelt erreichen wir die gut ausgebaute Straße auf dem langgestreckten Schneifel-Rücken, der bei der Wintersportanlage „Schwarzer Mann“ mit 697 Metern seinen höchsten Punkt erreicht. Einen richtigen Gipfel gibt es hier eigentlich nicht, nur der Höhenmesser zeigt an, dass wir ganz oben sind.

Dann haben wir auch schon den dritthöchsten der Eifeler Berge passiert, auf die Schnelle ist nicht mal ein Foto drin. Am Forsthaus Schneifel sind wir schon fast an der belgischen Grenze, es sind nur noch gut drei Kilometer bis dort hin. Wir halten uns nicht lange auf und fahren weiter über Knaufspesch hinab nach Olzheim und pulverisieren gleich wieder 200 der soeben erklommenen 250 Höhenmeter. Anschließend geht es relativ kurz, aber mit 13 % brutal steil den Berg hinauf. Oben angekommen muss ich erst mal nach Luft schnappen und kann nebenbei endlich mal ein paar Fotos machen. Der Anstieg hat mir ordentlich zugesetzt, die Beine werden den ganzen restlichen Tag nicht mehr locker. Gut, damit musste ich rechnen, ich habe für die geplante Radtour auch nicht extra trainiert. Da ist mein Partner Kurt schon besser unterwegs: er fährt täglich 90 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit und hat entsprechend gute Kondition. Das kommt mir wiederum zu Gute: ganz ohne schlechtes Gewissen hänge ich mich, wo es eben geht, in seinen Windschatten, um Kraft zu sparen und schneller voran zu kommen. Da unser unterschiedliches Leistungsniveau recht bald offensichtlich ist, herrscht schnell ein stillschweigendes Einverständnis darüber, dass das in Ordnung ist, ja, vielleicht sogar notwendig, um überhaupt die gesamte Strecke in vertretbarer Zeit zu bewältigen. Für mich gilt es, das anvisierte Ziel aus eigener Kraft zu erreichen – die Frage nach dem Wie stellt sich dabei erst mal nicht. Hinter Kleinlangenfeld geht es noch mal über eine langgezogene bewaldete Höhe, dann erreichen wir Steffeln und Auel, das Dorf meiner Kindheit. Hier besuchen wir meine Eltern und gönnen uns die einzige längere Pause während der Tour. Nachdem wir unsere Getränke- und Essenvorräte aufgefüllt haben, geht es weiter Richtung Osten, bei Oberbettingen ins Kylltal und dieses hinab über Niederbettingen und Bewingen nach Pelm. Jetzt geht es über 170 Höhenmeter wieder anhaltend bergauf, bis wir Kirchweiler und Hinterweiler am Fuß des Vulkans Ernstberg erreichen, mit 699 Meter der zweithöchste Berg in der Eifel. Nach dem obligaten Beweisfoto wenden wir uns nach Norden.

Flugs geht es über Dockweiler hinab nach Dreis und sofort wieder steil hinauf auf die bewaldete Höhe bei Boxberg. Dann wieder hinab nach Kelberg, wo wir einen Trink- und Essensstopp einlegen. Mittlerweile ist es Mittag geworden und die Hitze drückt in den sonnigen Aufstiegsstücken gnadenlos. Wir müssen viel trinken, um den Flüssigkeits- und Mineralverlust so gering wie möglich zu halten. Nun geht es in leichtem Auf und Ab über die abgelegenen Dörfer Hünerbach, Reimerath, Welcherath und Drees in die Hohe Eifel. Als auf der Döttinger Höhe von links die markante Nürburg (674 m) grüßt, haben wir die weltbekannte Rennstrecke, den Nürburgring erreicht. Gut, dass die jetzt befahrene Bundesstraße einen breiten Seitenstreifen hat, denn die vielen Freizeit-Rennfahrer drehen ihre Motoren auf, was das Zeug hält. Für uns Radler kein angenehmes Fahren. Und weiter geht es den Berg hinauf, langsam und mühsam. Längst kann ich die Anstiege nur noch im kleinsten Gang fahren und Kurt muss immer wieder auf mich warten. Aber wir bleiben in Bewegung und das zählt. Am Gasthaus „Hohe Acht“ erreichen wir mit 620 Metern den letzten „Höhepunkt“ unserer Strecke.

Aus Zeit- und Kraftgründen verzichten wir darauf, bis auf den höchsten Punkt der Hohen Acht hinauf zu fahren; das wären noch mal 130 steile Extra-Höhenmeter gewesen. Uns genügt die Gewissheit, dass der Gipfel des höchsten aller Eifelberge gerade mal einen Kilometer Luftlinie entfernt von uns ist – und die Tatsache, dass wir noch ein ordentliches Wegstück vor uns haben. Ohne groß anzuhalten biegen wir rechts von der Bundesstraße ab und rauschen mit über sechzig Sachen ins Tal hinab, über Siebenbach ins das abgeschiedene Dorf Acht. Hier ist eine weitere Stärkungspause fällig. Dann geht es wieder steil bergan auf die Höhe nach Langenfeld. Zum Glück spendet bei dem schweißtreibenden Aufstieg der Wald uns Schatten. Auf der Höhe geht es weiter nach Kirchwald und anschließend gut zwei Kilometer steil bergab zum Schloss Bürresheim im Tal der Nette. Die kurvige Abfahrt nötigt uns nochmals volle Konzentration ab, einen Steuerfehler oder Verbremser darf man sich hier nicht leisten. Bei der rasanten Abfahrt spüre ich wieder diesen Kitzel, den Reiz, der mich beim Rennradfahren so fasziniert – die hautnah gefühlte Geschwindigkeit, das Spüren der elementaren Kurven-, Brems- und Beschleunigungskräfte. Ein toller Spaß, Adrenalin pur! Auf dem anschließenden flachen Stück nach Mayen gibt Kurt Gas und ich habe alle Mühe, den Windschatten nicht abreißen zu lassen und seinem Tempo zu folgen. Die Passage durch die Stadt Mayen selbst ist weniger schön. Viel Verkehr, umständliche Wegführung und ein weiterer mühsamer Aufstieg aus der Nette-Niederung hinaus auf die Eifelhochfläche. Hinter Hausen öffnet sich die Landschaft. Wir durchqueren eine weite Mulde mit endlosen Getreidefeldern, im Hintergrund die Laacher See-Vulkane, ein schöner Anblick. Zwischendurch immer wieder kurze, knackige Anstiege, die viel Kraft kosten. Vor Ochtendung senkt sich die Landstraße erneut ins tief eingeschnittene Nettetal hinab. Der folgende steile Anstieg bringt mich endgültig an meine Leistungsgrenze. Schmerzhafte Muskelkrämpfe in den Beinen zeigen mir überdeutlich, dass der Körper nicht mehr arbeiten will. Ich nötige meinen Partner zu einer letzten Ess- und Trinkpause am Marktplatz in Ochtendung. Jetzt könnte ich zuhause anrufen und mich abholen lassen – aber so kurz vor dem Ziel? Nach Koblenz sind es nur noch wenige Kilometer und es gibt nur noch ein paar kleinere Anstiege. Natürlich will ich mir auch keine Blöße geben und die Tour bis zum Ende fahren. Also verdrücke ich meinen letzten Gelbeutel, an einem Kiosk bekomme ich neues Trinkwasser. Die kurze Ruhepause hat mir gut getan. Ohne Schmerzen bringe ich auch noch den letzten Anstieg aus Bassenheim hinaus hinter mich. Dann stellen sich langsam Erleichterung und Glücksgefühle ein. Diesen Teil der Strecke kenne ich gut, jetzt geht es nur noch bergab. Nach dem Motto „Alles muss raus!“ haue ich die letzten Reserven in die Pedale, auf einmal fühlt sich alles leicht an. Das letzte Dorf, Rübenach, wird passiert, dann sind wir im Koblenzer Stadtteil Metternich, ich bin zuhause. Für mich ist hier Endstation, Gott sei Dank!

Während ich froh bin, dass alles vorbei ist, fühlt Kurt sich immer noch gut und will noch mit dem Rad nach Hause fahren. Den Rhein hinab bis nach Siegburg sind das für ihn noch mal weitere 70 Kilometer Strecke und 500 Höhenmeter. Nach einer kurzen Erfrischung aus dem Kühlschrank und dem Auftanken seines Trinksystems setzt er sich noch mal auf den Sattel. Respekt! Knapp drei Stunden später kommt auf dem Handy die Nachricht, dass auch er gut zuhause angekommen ist. Auf dem Zielfoto kann er immerhin noch lachen. Von neun Uhr am Morgen bis zur Ankunft in Koblenz um viertel vor fünf am Nachmittag bin ich heute knapp acht Stunden auf dem Rad unterwegs gewesen, eine gute Stunde Pausen eingerechnet. Ich bin ein wenig erstaunt darüber, dass ich außer den kurzzeitig verkrampften Beinen am Ende keine besonderen Ermüdungs- oder Verschleißerscheinungen hatte. Keine Druck- oder Scheuerstellen am Gesäß, keine eingeschlafenen Hände, keine Blasen an den Füßen, vor allem auch kein Muskelkater.

Am Ende des Tages zeigt mein Fahrradcomputer eine gefahrene Strecke von 133 Kilometern an. Wenn ich auf der Landkarte die im Aufstieg bewältigten Höhenmeter zusammen addiere, komme ich von Prüm nach Koblenz auf 1.740 Meter Höhendifferenz. Der Computer, der jede noch so kleine Höhenänderung registriert, zeigt dagegen gut 2.100 Höhenmeter an. Welche Zahl der Wirklichkeit näher kommt, ist letztlich gar nicht so entscheidend. Das Wesentliche und für mich Wichtige an dieser Radtour ist die eigene Idee, die Vorstellung der Tour im Kopf, die nach und nach zu einem konkreten Plan gereift und schlussendlich erlebte Wirklichkeit geworden ist. So gesehen kann Radfahren nicht nur sportlich, sondern durchaus auch kreativ sein.

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Kategorie: Klettergruppe

Kommentare (1)

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  1. Joachim Jakobi sagt:

    Schöner Bericht aus meiner neuen Heimat.
    Nachmachen wäre ein Idee…

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