Wanderung auf dem Moselsteig von Traben-Trarbach nach Ediger-Eller

| 17. März 2016 | Keine Kommentare

Familienväter und –mütter wissen, wie schwer es ist, jedes Jahr aufs Neue die Oster-, Sommer-, Herbst- und Weihnachtsferien mit sinnvoller Beschäftigung für ihren Nachwuchs zu füllen. In den Großen Ferien 2015 hieß es bei der Familie May (unter anderem): Wandern auf dem Moselsteig! Als Koblenzer hatten meine Frau, mein Sohn und ich schon verschiedene, nah gelegene Abschnitte des Fernwanderwegs abgelaufen. Jetzt wollten wir erstmals eine mehrtägige Wanderung an der Mittelmosel machen, mit Bahnanreise und auswärtiger Übernachtung. Nachdem ich mich mit Wanderkarten und Infomaterial versorgt hatte, das Bahnticket und passende Pensionen gebucht waren, kann es am Montag, dem 27. Juli 2015 los gehen.

Mit dem Taxi geht es zum Koblenzer Hauptbahnhof, mit der Bundesbahn nach Bullay, mit der Regionalbahn nach Traben-Trarbach, dem Startpunkt unserer Etappenwanderung. Das Wetter ist leider nicht so toll. In einem Regenschauer marschieren wir los. Jeder trägt seinen eigenen, mehr oder weniger großen Rucksack, auch unser Neunjähriger. Das fängt ja gut an! Bald hört der Regen auf, es bleibt aber weiterhin stürmisch. Auf beides sind wir kleidungsmäßig vorbereitet, also: no problem. Der markierte Weg führt uns vom Bahnhof gleich über die Mosel, dann steil aufwärts zur Ruine der Grevenburg, wo wir die Aussicht genießen und unsere erste Rucksackverpflegung vertilgen.

Dann geht es durch Wälder zum kleinen Ort Starkenburg, der malerisch und luftig zugleich direkt an der Hangkante hoch über dem Moseltal liegt. Hier legen wir im Weinhaus „Schöne Aussicht“ eine Kaffee- und Kuchenpause ein. Der Name des Hauses ist Programm, wir setzen uns an einen Tisch am Fenster und genießen den Anblick der Landschaft um Traben-Trarbach und der sturmgepeitschten Mosel tief unter uns. Kleinere Regengüsse und der stürmische Wind stören beim Weitermarsch nicht weiter. Über einen schönen Pfad folgen wir eine Weile dem schmalen Berggrat zwischen Mosel und Ahringsbach, dann steigen wir hinab nach Enkirch. Hier wollten wir eigentlich irgendwo zum Essen einkehren, aber enttäuscht müssen wir feststellen, dass alles (noch) geschlossen hat. Erstaunlich für eine Ferienregion, die wirtschaftlich auf den Fremdenverkehr angewiesen ist und sich gerne mit dem UNESCO-Titel „Weltkulturerbe“ schmücken würde. Wir gehen also weiter und verzehren in einer idyllischen Weinbergslaube ein weiteres Mal Köstlichkeiten aus unseren Rucksäcken. Wir haben den offiziellen Moselsteig verlassen und laufen jetzt, um die Tagesetappe etwas abzukürzen, auf der Moselerlebnisroute. Es geht noch ein Stück durch die Wingerte, dann kommen wir an einem Wassertretbecken vorbei. Natürlich gönnen wir uns das Vergnügen, die klobigen Wanderschuhe auszuziehen und die heiß gelaufenen Füße abzukühlen. Jetzt ist es nicht mehr weit, wenige Minuten später erreichen wir den „Heidehof“ bei Burg, ein Weinbaubetrieb mit modernen Gästezimmern mitten im Rebenmeer. Wir beziehen ein schnuckeliges Zimmer und stoßen mit einem Glas Wein auf die gelungene erste Tagesetappe an. Unser Jüngster und ich spazieren noch zu einer oberhalb gelegenen Kapelle mit toller Aussicht auf das Dorf Burg und das tief eingeschnittene Moseltal. Mittlerweile scheint auch wieder die Sonne, es ist ein richtig schönes Plätzchen hier oben inmitten der Weinberge. Nachdem wir uns alle in der Unterkunft frisch gemacht haben, gehen wir ein paar Schritte ins Dorf hinein, wo wir in einem gemütlichen Gasthaus unser wohl verdientes Abendessen genießen. Heute waren wir etwa sechseinhalb Stunden unterwegs (einschließlich Pausen) und sind eine Strecke von rund zehn Kilometern gelaufen – gerade das richtige Pensum zum Auftakt unserer kleinen Wanderwoche.

Die liebe Hauswirtin hat uns ein super leckeres Frühstück aufgetischt, wir stärken uns nach Herzenslust für den kommenden Wandertag. Immer noch weht ein kräftiger Wind, der Himmel zeigt sich heiter bis wolkig und es bleibt trocken – gutes Wanderwetter also. Wir nehmen wieder die Fährte des Moselsteigs auf, der uns über Burg und Reil aus dem Moseltal hinaus und bergan auf den Prinzenkopf mit dem mächtigen Aussichtsturm führt. Im stürmischen Wind summt das Metallgestänge des Turms wie eine gewaltige Harfe. Phänomenal ist die Aussicht von der Turmspitze auf die markante Flussschlinge. Die Windung des Moseltals ist hier extrem stark und pittoresk. Interessant anzuschauen ist auch die Bahnlinie, die als sogenannte „Kanonenbahn“ über einen vielbogigen Viadukt und durch einen Tunnel durch die schmalste Stelle der Landzunge führt. Wir kürzen die ausgeschilderte Moselsteigetappe jetzt kräftig ab, denn es ist inzwischen Mittag und Zeit für eine ausgiebige Esspause. Auf der nahe gelegenen Marienburg, die heute als Jugendbildungsstätte des Bistums Trier genutzt wird, können wir für ein geringes Entgelt an der Mittagsverpflegung der offiziellen Hausgäste teilnehmen. Wir sind dankbar für das großzügige, warmherzige Angebot – und ordentlich hungrig und durstig sowieso. Für mich persönlich ist die Marienburg zudem eine denkwürdige Erinnerung an meine Jugend: in meiner Schulzeit war ich während einer Klassenfahrt hier schon mal zu Besuch. Vierzig Jahre ist das mittlerweile her… Wir verlassen die markant auf dem Berggrat gelegene Marienburg und wenden uns gegen Süden, wandern weiter dem Moselsteig entlang. Gegenüber von dem Ort Briedel lassen wir uns oberhalb der Weinberge und hoch über dem Fluss auf einer Bank nieder. Die Aussicht ist wunderschön, ich wollte jetzt nirgendwo anders sein. Schauen, genießen, essen, fotografieren. Dann nehmen wir das letzte Wegstück zu unserem heutigen Etappenziel in Angriff, es geht durch Weinberge abwärts nach Zell, das wir am frühen Nachmittag erreichen. Bald haben wir auch den „Winzerhof“ im Ortsteil Kaimt gefunden, in der bereits ein Zimmer für uns reserviert ist. Das Haus liegt im alten Dorfkern und hat einen leicht angestaubten Charme, genau wie sein redlich bemühter Besitzer. Das Abendessen lassen wir uns auf der Terrasse eines gemütlichen Restaurants im Ort schmecken. Mit 13 Kilometern war die heutige Etappe etwas länger als die gestrige und wir haben sie wieder ohne größere Probleme oder Wehwehchen geschafft.

Heute, am dritten Tag der kurzen Tourenwoche, steht sozusagen die „Königsetappe“ auf dem Programm. Weil wir noch Zeit haben und uns die Latscherei bisher so gut gefallen hat, haben wir kurzfristig entschieden, noch einen weiteren Wandertag dranzuhängen. Das heißt, wir werden heute nicht schon in Bullay den Zug für die Rückfahrt nach Hause besteigen, sondern bis nach Neef weitergehen. Hier können wir auf die Schnelle noch ein Zimmer in einem hübschen Hotel klarmachen, so dass wir uns um Abendessen und Schlafen keine Sorgen machen müssen. Dafür wird die Tagesstrecke unsere Kondition fordern: am Ende sind es 16 Kilometer geworden und acht Stunden Gehzeit. Aber wir sind mittlerweile „eingelaufen“ und gut unterwegs. Das Wetter passt ebenso, Sonne und Wolken wechseln, es weht ein angenehmer Wind. Nach dem Frühstück gegen neun Uhr verlassen wir unsere Unterkunft, der Abschied fällt uns nicht schwer. Über die Moselbrücke geht es nach Zell und anschließend steil durch die Weinberge hoch zum Collis-Turm. Unterwegs gibt es sogar ein paar Kraxelstellen, die mit Drahtseil und Eisenstiften klettersteigmäßig abgesichert sind (aber auch umgangen werden können). Wir nehmen die Felsen natürlich mit, besonders unser Jüngster hat Spaß an der Turnerei. Eine kurze, abdrängende Stelle ist richtig anspruchsvoll, zumal mit dem ungewohnten Rucksackgewicht hinten drauf. Vom Aussichtspunkt, dessen Drahtgeländer mit den mittlerweile allerorten anzutreffenden Liebesschlösschen geschmückt ist, bietet sich ein weiterer, toller Ausblick ins Moseltal und auf Zell. Die ebenso modern gewordenen Sinnesbänke laden zum längeren Verweilen ein, aber der Tag ist noch jung und wir müssen weiter. Der Moselsteig führt uns zunächst durch den Wald, dann an der Hangkante über den Weinbergen entlang in Richtung Merl, das wir aber mit einem Schlenker oberhalb umgehen. Ohne größere Pausen geht es dann mitten durch die weitläufigen, nicht enden wollenden Weinberge weiter. Da es unterwegs aber immer etwas zu entdecken gibt und wir uns mit Neckereien und Reden über Gott und die Welt unterhalten, wird es nicht langweilig. Kurz vor Bullay kommen wir an einer idyllischen Sitzgruppe vorbei, die mit Weinlaub überschattet ist und uns willkommenen Schutz vor der hoch stehenden Sonne bietet. Hier rasten wir und essen eine Kleinigkeit, ich nutze die Gelegenheit, um Fotos zu machen. Nicht mehr lange, dann erreichen wir Bullay. Der Mittag ist schon lange vorüber, wir spüren langsam die Müdigkeit und den Hunger. Kurz entschlossen kehren wir bei einem Restaurant mit internationaler Küche ein und lassen uns mit indisch-deutschen Leckereien verwöhnen. Wir lassen uns viel Zeit und die Ruhepause tut uns allen gut. Irgendwann müssen wir dann aber doch weiter, durch den Ortskern von Bullay, ein Stück an der Moseluferpromenade entlang, dann geht es wieder den Moselhang aufwärts durch Weinberge bis in den Wald hinein. Da der Moselsteig im weiteren Verlauf einen ziemlichen Umweg beschreibt, beschließe ich, die direktere und deutlich kürzere Moselerlebnisroute zu nehmen. Der Verlauf dieses Weges ist auf der Karte auch klar eingezeichnet, aber vor Ort im Wald gibt es plötzlich keinerlei Markierungen mehr. Lediglich ein schwach ausgetretener Pfad führt über alte, lange nicht mehr genutzte Forstwege. Vorsichtig tasten wir uns weiter, um uns nicht zu verlaufen. Immerhin stimmt die Topografie mit der Karte überein. Die vielen Wühlspuren von Wildschweinen geben uns aber zu denken. Zum Glück begegnen uns keine, dafür sehen wir recht nahe ein Reh davon springen. Der Weg ist voller Steine und Bewuchs, hier lässt die Unterhaltung und Markierung doch sehr zu wünschen übrig. Oder sind wir in dieser Hinsicht nur vom Moselsteig verwöhnt? Wir sind erleichtert, als wir wieder offenes Gelände mit Obstgärten und Weinbergen erreichen. Dieses Stück Weg war schon ein wenig abenteuerlich, insofern wird die Moselerlebnisroute ihrem Namen durchaus gerecht. Die Aussicht auf das nahe Etappenziel lässt keine Müdigkeit aufkommen, wir schlendern in das schmucke Winzerdörfchen Neef und haben auch schnell unser „Hotel Hübner“ direkt am Moselufer gefunden. Es ist schon fünf Uhr und wir haben wieder Glück mit der Unterkunft – ein schönes, gemütliches Zimmer mit Aussicht, superfreundliche Wirtsleute, ein reichhaltiges und wohlschmeckendes Menü zum Abendessen – was will man mehr! Wir schaffen noch einen kleinen Verdauungsspaziergang durch den alten Ortskern, dann fallen wir rechtschaffen müde in die Betten. An dieser Stelle muss ich einmal (auch wenn ich befangen bin) ein ausdrückliches Kompliment an meine beiden Mitwanderer machen: einen ganzen langen Tag ohne Klagen oder Verdruss auf den Beinen und das gleich dreimal hintereinander – das war nicht als selbstverständlich zu erwarten. Tolle Leistung!

Der nächste Morgen begrüßt uns mit herrlichem Sonnenschein. Wir genießen unser letztes, wiederum sehr gutes Frühstück und marschieren guter Dinge los. Heute wird es nur eine kurze Etappe. Gleich hinter Neef überqueren wir die Mosel und sind bald schon in Bremm. Ohne nennenswerte Anstiege kommen wir flott voran. Hinter der Kirche von Bremm betreten wir den Calmont-Klettersteig. Im Vergleich zu den vorangegangenen Etappen ist selbiger ein eher harmloses Vergnügen, sowohl was die konditionellen als auch die klettertechnischen Anforderungen betrifft. Die wenigen Kraxelstellen sind bestens abgesichert, lediglich dort, wo der ungesicherte Pfad steile Hangbereiche quert, muss man ein wenig aufpassen, wohin man tritt. Der Calmont-Steig ist bekannt und beliebt, entsprechend viele Wanderer sind heute bei dem schönen Wetter unterwegs. Ein Schmankerl ist die Aussicht auf die malerische Klosterruine Stuiben, die mitten im weitläufigen Rebenmeer auf der anderen Seite des Flusses unter uns liegt. Zu schnell ist der schöne Weg vorbei, schon um die Mittagzeit erreichen wir den Ortsrand von Ediger-Eller. Am Bahnhof von Eller ziehen wir die Bahnkarten und sitzen bald im Zug, der uns gemütlich zurück nach Koblenz schaukelt. Hier beschließen wir unsere Familien-Wandertour in einem Biergarten an der Mosel. Klar, dass wir auch noch das letzte Stück nach Hause zu Fuß gehen, nach drei Stunden Gehzeit und sechs Kilometern Strecke fühlen wir uns noch nicht ganz ausgelastet.

Das Fazit unserer ersten mehrtägigen Familienwanderung fällt durchweg positiv aus: eine eindrucksvolle, bisweilen atemberaubend schöne Landschaft, eine erfolgreich bestandene körperliche Bewährungsprobe, nicht zuletzt eine intensiv erlebte Zeit mit geliebten Menschen – und das alles nicht weit weg, sondern sozusagen gleich vor der eigenen Haustür. Im Rückblick empfinde ich durchaus ein Gefühl der Dankbarkeit, dass ich diese schönen Tage erleben und mit meiner kleinen Familie teilen durfte.

 

Peter May

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Kategorie: Klettergruppe

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