Wanderfreunde auf dem Vormarsch

| 9. August 2016 | Keine Kommentare

Vorsitzende der Sektion Koblenz des Alpenvereins über Trends und über den Konflikt zwischen Tourismus und Natur
Westerwald. Auch wenn das unbeständige Wetter in diesem Sommer nicht immer zum Wandern einlädt: Leidenschaftliche Naturliebhaber schnüren dennoch regelmäßig ihre Schuhe. Norbert Dötsch und Klaus Roos leiten die Koblenzer Sektion des Deutschen Alpenvereins und erklären im Interview mit der unserer Zeitung, warum das Wandern mittlerweile auch für junge Leute attraktiv geworden ist, was den Reiz ausmacht, sich an Kletterwänden an farbigen Steinen hochzuziehen, und welchen Stellenwert die Traumpfade einnehmen.

Herr Dötsch, Herr Roos, fahren Sie als Mitglieder des Alpenvereins zum Wandern immer in die Alpen?

Norbert Dötsch: Fahren wir auch, aber man ist auch viel in heimischen Gebieten unterwegs.

Welche Umgebung ist bei den Mitgliedern beliebter: Bleiben sie in der Region, oder wollen sie eher in die Ferne?

Dötsch: Natürlich ist das Regionale sehr beliebt. Zum einen ist das eine Möglichkeit, sich Kondition anzueignen: für die größeren und schwierigeren Touren, die man in den Alpen macht. Wo es um einige Höhenmeter geht – von Hütte zu Hütte oder von Gipfel zu Gipfel. Da ist das regionale Wandern hier zu Hause sehr gut, um körperliche Fitness zu erlangen und um beispielsweise das Wandern mit dem Rucksack zu trainieren. Höhenmeter kann man hier in der Region prinzipiell auch genügend machen: Wenn man an der Mosel oder am Rhein einen Steig macht, kommen etliche zusammen. Was bei den Leuten am beliebtesten ist, ist allerdings schwierig zu sagen.

Klaus Roos: Die Alpen sind 600, 700 Kilometer weit weg, muss man bedenken. Die näheren Regionen werden bevorzugt, weil man hier das ganze Jahr aktiv sein kann. Die weite Strecke in die Alpen fährt man höchstens ein-, zweimal im Jahr.

Welche Umgebung bevorzugen die Kletterer?

Dötsch: Es gibt zwei Arten von Kletterern. Die einen gehen lieber ins Gebirge. Den anderen sind die Alpen zu weit weg. Wenn man nur das reine Sportklettern machen möchte, kann man das auch hier tun: In den Hallen, die es im Umkreis von 70 bis 100 Kilometern gibt – Koblenz, Andernach, Mainz, Bonn, Gießen.

Würden Sie die Menschen in der Region grundsätzlich als wander- und kletterfreudig beschreiben?

Dötsch: Ja, man sieht es am Zulauf zu unserem Verein. Wir haben einen Mitgliederzuwachs von 7 bis 8 Prozent im Jahr – kontinuierlich. Obwohl man vom Bundesverband erwartet hat, dass das Wachstum zurückgeht. Aber unser Mitgliederzuwachs ist bereits seit mehreren Jahren auf einem gleich hohen Level.

Was machen Sie richtig – im Vergleich zu anderen Vereinen, die einen Mitgliederschwund beklagen?

Dötsch: Ich gehe davon aus, dass es die Bandbreite ist, die unser Verein bietet. Von Mountainbiking übers Wandern und Klettern bis hin zu Hochtouren, Skitouren, Angeboten für Familiengruppen mit Kindern – bei uns ist jeder zu Hause. Das ist wahrscheinlich das Erfolgsrezept.

Roos: Und die Naturverbundenheit. Der Alpenverein ist ja nicht nur ein Bergsportverein, er ist auch ein Naturschutzverband. Sie sehen es am Wandern oder an den Traumpfaden: Die Leute wollen Natur erleben. Das dürfte das ausschlaggebende Moment sein.

Dötsch: Gerade bei jungen Menschen und Familien ist das Naturerleben und Rausgehen ein wichtiger Faktor. Weil man im Berufsalltag immer mehr im Büro und sitzend tätig ist.

Welche neuen Trends sind denn in den vergangenen Jahren aufgekommen, die das Wandern bei jungen Menschen attraktiv gemacht haben? Früher galt das ja als uncool.

Dötsch: Vor 10, 20 Jahren fing es an, dass Wandern beliebter wurde. Bei jüngeren Leuten ging das mit dem Hüttenwandern los. Irgendwann kamen die Premiumwanderwege hinzu: Rheinsteig, Traumpfade, Traumschleifen. Die haben die jungen Leute für sich entdeckt. Heute nutzt man auch die modernen Medien, das ist ein großer Trend. Die Leute nehmen alles auf oder posten es. Und durch Apps, wie beispielsweise die Traumpfade-App, sind die Wanderwege immer präsent. Auf Facebook bekommt man immer wieder Meldungen von Leuten, mit denen man befreundet ist, und sieht, dass sie diese oder jene Tour gemacht haben. Das erhöht bei den Jungen die Motivation zu sagen: „Oh, das ist toll, das machen wir auch.“

Wie möchten Sie denn den Trend zu mehr sozialen Medien im Verein aufgreifen und widerspiegeln?

Dötsch: Wir sind dort bereits sehr aktiv. Wir haben einen guten Webmaster, der die Webseite pflegt und Facebook und Twitter bedient. Da wollen wir weiterhin dranbleiben.

Wandern, bergsteigen oder in der Halle ohne Seil klettern (bouldern): Was macht Ihrer Meinung nach den Reiz aus?

Dötsch: Die eigenen Grenzen ausloten. Beim Klettern kann man über die Sturzgrenze hinausgehen. Man fällt dann eben ins Seil, das einen auffängt. Bei der Besteigung von einem Berg stellt man sich Fragen wie: „Schafft man die Höhe? Hat man die Kondition? Schafft man die technischen Schwierigkeiten? Bin ich den Anforderungen gewachsen?“

Roos: Beim Bouldern und beim Klettern sind Wettkämpfe beliebter geworden. In einem Wettkampf werden Routen vorgegeben, man klettert nach Farben und nach Zeitvorgaben. Wer als Erster die Route bewältigt hat, gewinnt.

Dötsch: Man denkt: „Mensch, mit so sechs, sieben Griffen, wie kann man da Spannung reinbringen?“ Aber das ist Wahnsinn, was da an Spannung bei so einem Wettkampffinale da ist.

Ihre Sektion organisiert ab 10. August im Löhr-Center eine Ausstellung zum Thema Nachhaltigkeit: Warum ist Ihnen das Thema wichtig?

Roos: Die Ausstellung hat der Bundesverband in München als Wanderausstellung konzipiert und den verschiedenen Sektionen angeboten. Da haben wir gedacht: Das könnten wir in Koblenz auch zeigen. In der Ausstellung werden Erschließungsprojekte in den Alpen gezeigt, von Wasserwirtschaft bis Tourismus, bei denen wir als Naturschutzverein die Gefahr sehen, dass unsere Natur mehr und mehr zerstört wird. Durch diese Projekte, die entweder bereits laufen oder geplant sind, wird massiv in die Natur eingegriffen. Die Ausstellung soll die Bevölkerung auf dieses Dilemma aufmerksam machen: Auf der einen Seite wollen die Leute den Tourismus haben und auch erneuerbare Energien wie Wasserkraft nutzen – auf der anderen Seite geht das Ganze aber zulasten der Natur.

Wie kann man dieses Dilemma auflösen? Was ist für Sie das Ideal von Nachhaltigkeit?

Dötsch: Wir sind für sanften Tourismus. Das, was da ist, soll erhalten, modernisiert und umweltfreundlicher gemacht werden, aber es soll keine neuen Erschließungen geben.

Roos: Der Alpenverein steckt viele Millionen Euro jährlich in die Hüttensanierung. Es werden aber keine neuen Hütten mehr gebaut.

Wird das in Zukunft wichtiger werden: Der Kampf oder das Austarieren zwischen Tourismus, Erholung, Natur, Energiewirtschaft?

Roos: Das wird noch ein großes Thema werden. Die Tourismusindustrie hat beispielsweise vor, alpine Gletscher- und Skigebiete mit kilometerlangen Seilbahnen zu verbinden. Der Bundesverband hatte zuletzt gegen ein solches Seilbahnprojekt (Skischaukel am Riedberger Horn) geklagt – aber leider verloren. Die Sache ist jetzt zu einem Politikum geworden. Oder nehmen Sie mal das Beschneien der Anlagen. Im vergangenen Winter hat es bis Januar gedauert, bis der erste Schnee gefallen ist. Man muss mittlerweile immer höher gehen. Das kann zu einem Problem werden. Wir als Naturschutzverein haben großes Interesse daran, solche Sachen in so großem Umfang nicht mitzumachen.

 

Das Gespräch führte Agatha Mazur
Westerwälder Zeitung vom Montag, 8. August 2016, Seite 11

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Kategorie: Presse

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