Verwall – Auf wilden Wegen durchs Urgestein

| 17. Oktober 2016 | Keine Kommentare

Wannenjoch

Wannenjoch


Über sieben Hütten wollen wir gehen. Dazu noch über 12 Jöchlis. Wir, das sind Angelika, Conny, Ela, Elisabeth, Jutta, Norbert, Peter und Volker, die „Verwallgruppe“. Uns steht eine anspruchsvolle Woche im Hochgebirge bevor. Auch Gletscherquerungen haben wir vor uns – demgemäß ist unsere Ausrüstung. Die Verwallgruppe erstreckt sich über die Bundesländer Vorarlberg im Westen und Tirol im Osten.
15. Juli 2016 mit dem Nachtzug nach Zürich, 08:00Uhr Frühstück in der Schweiz. Weiter mit dem Railjet nach Langen am Arlberg und nonstop zur Kaltenberghütte, Ausgangspunkt unserer Tour und erste Übernachtung auf 2.100m. Der erste Aufstieg 700Hm. Es regnet ein wenig – Müllsack ersetzt Rucksackhülle, Jutta weiß sich zu helfen! Am Paul-Bantlin-Weg zieht der Himmel auf, die Sonne lässt sich sehen, um die Hütte herum liegt eine dünne Schneedecke.

Wir gehen am nächsten Tag auf dem Reutlinger Weg zur Konstanzer Hütte. Zwei Jöchli sind zu überqueren, das Krachenjoch auf 2.650m und das Gstansjoch auf 2.575m. Die Wettervorhersage verspricht für die nächsten Tage viel Sonne. Über Nacht hat der Schneefall angehalten – 30 cm Neuschnee. Wir stampfen durch eine geschlossene Schneedecke – Wegmarkierungen werden seltener sichtbar – Fußspuren erleichtern uns allerdings die Wegfindung . Zwei Spurmacher stehen plötzlich vor uns, sie haben den Weg verloren. Sie sind froh, sich uns anschließen zu können. Wir sind gerade mal auf 2.200m. Wegzeichen? Fehlansage! Angelika hat den Track gespeichert, GPS hilft uns bei der Standortbestimmung, die AV-Karte erklärt uns das Gebiet. Wir geben uns die Richtung vor und folgen dem Gelände. Hin und wieder sind auf Felsblöcken Wegzeichen zu erkennen – wir sind richtig. Die Sonne brennt erbarmungslos. Bei der Suche nach dem Weg geraten wir immer wieder ins Stocken. An unsere Gruppe haben sich inzwischen weitere 8 Verwall Geher angehängt! Der zugefrorene Kaltenbergsee lädt nicht zum Baden ein. (Bild 1) Nach der Durchquerung eines Quellgebietes erreichen wir im Schnee das zweite Joch. In grüner Umrahmung erscheint vor uns die Konstanzer Hütte – Erholung im Garten. Schön, dass wir von den anderen Tourgehern mit einem Freibier für unsere Führungsarbeit belohnt wurden. Die Sonne hat uns allen beträchtlich zugesetzt. Meine Ohren glühen, ich träume von weißen Jöchlis.

Auf dem Bruckmannweg wartet das Wannenjoch auf 2.633m mit einem traumhaften 360° Weitblick und der Wannensee auf uns. Wir gehen vorbei am Pattriol, dem formschönsten und gewaltigsten Berg der Verwallgruppe. An einen Aufstieg im Schnee ist leider nicht zu denken. Stattdessen springt uns ein wunderschöner Steinbock über den Weg. Die Querung der viel zu viel Wasser führenden Rosanna stellt uns vor Varianten: nasse Schuhe oder nasse Füße oder Umweg über eine Brücke. Wir genießen alle drei Möglichkeiten. Die Neue Heilbronner Hütte, an den Scheidseen gelegen, ist schon lange in Sicht, taucht aber immer wieder ab – der Weg zieht sich. Die neue Hütte, ein gastfreundliches Haus mit guter Gastronomie und entsprechend moderner technischer Ausstattung, wir fühlen uns wohl.

Das Muttenjoch auf 2.620m ist unsere nächste Herausforderung. Doch zuvor geht es über den Friedrichshafener Weg durch das Quellgebiet der Rosanna. Vom Joch aus geht es zum Gipfel der Gaisspitze auf 2.779m inklusive leichter Kletterei. Belohnung: ein atemberaubender Blick in das Paznauntal mit Galtür und Ischgl und auf die Perle der Silvretta, der Jamtalhütte. Jutta gerät ins Schwärmen: ihr Wintersportgebiet! (Bild 2) Der Abstieg ab Joch gestaltet sich als herrliche Abfahrt im Schnee. (Bild 3) In der bezaubernd an einem kleinen See liegenden Friedrichshafener Hütte werden wir vom Hüttenwirt freundlich empfangen. Die Ruhe und Einsamkeit lässt uns die bisherigen Anstrengungen schnell vergessen und Kraft sammeln für den nächsten Tag. Die Härtesten unter uns erfrischen sich im eiskalten Gletschersee. Auch hier wieder Panoramablick: die Silvretta mit dem mächtigen Fluchthorn. Wir bereiten uns auf den 5. Tag vor, der wohl schwierigsten Etappe. Auf der Terrasse studieren wir die Karte, befragen den Hüttenwirt nach Wegverhältnissen und Wetter: die Etappe ist machbar, die Wetterlage bleibt stabil. Der Ludwig-Dürr-Weg zur Darmstädter Hütte, ein anspruchsvoller landschaftlich sehr schöner Steig mit mehrfacher leichter Kletterei steht uns bevor (6,5Std. Gehzeit lt. AV-Führer und Verwallflyer). Aus Erfahrung bereiten wir uns auf 8,5 Std. Gehzeit vor.

Wir brechen früh auf. Schließlich wollen wir heute zwei Gletscher und vier Jöchlis überqueren. Von der Hütte allmählich ansteigend bis zum Lumpenscheidsee auf 2.500m kommen wir gut voran: 400Hm in einer Stunde. Das Matnaljoch mit 2.670m liegt steil vor uns. Wir arbeiten uns im Schnee mühsam Schritt für Schritt empor, wechseln uns bei der Führung ab. Es wird Zeit unsere Steigeisen bzw. Grödel anzulegen. Keine Spur, wenig Wegzeichen – wir sind heute die Einzigen, die diesen Weg genommen haben. Auf dem Joch genießen wir bei einer kurzen Rast den herrlichen Ausblick. Weiter geht es durch drei Karmulden. Die ausgedehnten Geröllfelder sind durchweg mit Altschnee und mind. 30 cm Neuschnee bedeckt, der infolge der hohen Temperaturen nass und rutschig ist. Unsere Tritte halten auf der nassen Schneeschicht nicht. Jeder von uns muss Rutschpartien durchstehen. Auch die Zeit schmilzt dahin. Es geht über den Madleinferner in vielen Kehren hinauf zum Schönpleisjoch auf 2.870m. (Bild 4) Nach einer weiteren Mulde schließt sich der Zwischengrat mit 2.770 m an. 17:00 Uhr: es wird Zeit Andreas den Hüttenwirt der Darmstädter Hütte anzurufen: wir kommen noch, wir schaffen das! Die Hütte ist noch nicht in Sicht, dafür aber bereits das 4. Joch auf dieser Etappe. Wieder Abstieg mit Klettereinlage und anschließend Aufstieg zum Rautejoch mit 2.752m. Von hier aus sehen wir endlich die Hütte. Bis zum Großen Küchelferner muss dann lediglich noch eine sehr steile Felspassage hinabgeklettert werden. Die Randkluft macht uns keine Probleme, die Spalten sind gut erkennbar, Peter bahnt uns den Weg über den Gletscher. (Bild 5) Vor uns befindet sich eine riesige Steinmoräne die noch zu überqueren ist. Wir müssen den Weg suchen. Endlich die Hütte! Andreas empfängt uns mit 8 Schnäpsli; zwei für jedes heute geschaffte Jöchli. Auf unserem Weg ab der Friedrichshafener Hütte überboten wir ganz locker die veranschlagten 6,5 Std. und kommen nach 11,5 Std. ziemlich geschafft an. Wir werden mit den allerbesten Tiroler Knödeln verwöhnt. Andis hausgemachte Knödelvarianten nach einem Rezept seiner Mutter Elfriede sind einfach super!

Noch etwas müde vom gestrigen Tag entscheiden wir uns für den Sepp-Jöchler-Weg mit nur einem Jöchli, dem Seßladjoch auf 2.749m, einer Alternative zum geplanten Hoppe-Seyler-Weg mit zwei Jöchli, beide über 2.800m. Wie richtig unsere Entscheidung war erfahren wir am Abend auf der Niederelbehütte. Drei junge Männer benötigten 10 Std. für den mit 5 bis 6Std. Gehzeit ausgeschriebenen Weg. Vor dem Anstieg zum Joch erlaubten wir uns am Moostal-Stausee bei blauem Himmel aber noch eine ausgiebige Pause. (Bild 6) Vom Joch aus war die Hütte umgeben von zwei Gebirgsseen nicht mehr weit. Nur ein kurzer steiler Abstieg im Geröll und anschließend ein entspannter Pfad durch bunte Wiesen, auf denen wir Orchideen, Enzian, Grasblatt-Rapunzel und viele Heilpflanzen fanden trennten uns noch. Kappl an der Trisanna im Paznauntal liegt etwa 1.100m unter uns.
Endlich etwas Abkühlung. Unsere Regensachen kommen auf dem Kieler-Weg zum Einsatz. Nicht lange, denn kurz vor dem Schmalzgrubenjoch, 2.697m ist der Schauer vorbei. Bis zur Edmund-Graf-Hütte auf dem Riffler-Weg geht es bergab. Im wunderschön gelegenen Schmalzgrubensee auf 2.558m ist eine Abkühlung vorgesehen. (Bild 7) Da Peter erst noch unsere Stempelkarten in der Sonne zu trocknen hatte, ging die Pause in eine ungewollte aber entspannte Verlängerung. Über dem See baute sich unser morgiges Gipfelziel auf: der Hohe Riffler mit 3.168m.

Beim Aufstieg zum Hoher Riffler wechseln sich steile Felspassagen mit leichtem Gelände, einigen Serpentinen und Schneefeldern ab. Die Route führt überwiegend weglos mit anhaltend hübscher Kraxelei durch Blockwerk über den Südwestgrat zum Südgipfel. Auf dem höchsten Gipfel des Verwalls beeindruckt uns die Weitsicht auf die großartige Kulisse und die Schönheit der umliegenden Gebirgszüge. (Bild 8) Der Rundumblick reicht vom Lechquellengebirge, den Lechtaler Alpen bis hin zu den Zillertaler Gletscherbergen. Im Westen sehen wir die uns bekannte abwechslungsreiche Verwallgruppe. Auf die Kletterei durch die exponierte Scharte auf den mit 3.170m nur 2m höheren Nordgipfel mit Gipfelkreuz verzichten wir aus Sicherheitsgründen. Beim Abstieg bis in das Stanzertal sind 2.100Hm zu bewältigen. Absolute Vorsicht ist angesagt, jeder Tritt will sicher gesetzt sein, das lose Geröll in dem steilen Schuttkar sowie die Schneefelder verzeihen keine Fehler. Vorbei an der Edmund-Graf-Hütte, dann steil hinab in das Malfontal bis zur Malfonalpe. Ein Regenschauer holt uns kurz vor der Alpe ein und zwingt uns zu einer kurzen Einkehr. Noch 500 Hm Abstieg! Taxi Harry bringt uns ins Tal zu unserer Pension in Pettneu. Zurück in der Zivilisation. Nach einem guten Essen im Gasthof lockt uns noch das Dorffest an: bei echter Tiroler Volksmusik – von einem Orchester vorgetragen – endet für unsere „Verwallgruppe“ eine spannende Tour über 11 Jöchlis durchs Urgestein. (Bild 9)

Text: Volker Glöß

 

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Kategorie: Allgemein, Bergsteigergruppe, Gruppen

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