Thomas Huber rockt steilste Felsen

| 27. April 2015 | Keine Kommentare

Heute hier, morgen da, Thomas Huber trainiert, macht Pläne mit Bruder Alexander und ist nicht nur im Fels unterwegs. Multivisionsvorträge, wie jüngst bei der Koblenzer Sektion des Deutschen Alpenvereins, hält er auch, die zeigen, wie er an seine Grenzen geht. „Ich bin eine brutale Maschine. Wenn ich erst einmal losgehe, dann gehe ich“, beschreibt er schon in Pepe Danquarts spektakulärem Dokumentarfilm „Am Limit“ (2007) eine Grundlinie seines Wesens. Er ist aber kein Mensch, der nur für diesen Extremsport lebt.

Der steilste Fels ruft, und Sie folgen dem Lockruf. Gibt es da nicht auch Momente der Angst bei einem sehr erfahrenen Topathleten?

Angst, dass man nicht zurückkommt, ist schon da. Aber ein Unglück kann jeden Tag passieren. Beim Klettern braucht man eher Respekt. Wenn die Angst kommt, stimmt irgendetwas nicht. 2011 wurde bei mir ein Nierentumor entdeckt. Da wird es dir von von jetzt auf gleich ganz anders! Zum Glück war der Tumor gutartig. Aber nun zum Klettern zurück: „Ich brauche die Angst zum Überleben“, wie es mein Bruder Alexander in seinem Buch formuliert, ist nicht meine Position. Der Gradmesser sind extreme Situationen, wenn ich an die Grenzen gehe. Da muss ich die Entscheidung treffen: weiter oder zurück. Dank des großen Erfahrungsschatzes kann ich besser abwägen, was zu tun ist. Und Konzentration ist alles.

Auf die Seilpartnerschaft mit Alexander können Sie sich hundertprozentig verlassen – weil er Ihr Bruder ist?

Blut ist dicker als Wasser. Wir haben schon mal Konflikte, die wir ausleben. Aber jeder kann sich absolut auf den anderen verlassen. Aber im Notfall muss jeder wissen, wie er selbst dann zu handeln hat. Und wenn Alexander nicht mitkommen kann, habe ich sechs sehr zuverlässige Freunde, mit denen ich gern in den Bergen unterwegs bin.

Und wie verträgt sich Ihr Ehrgeiz, Ihre Zielstrebigkeit mit Ihrem Status als Ehemann und Vater? Ist das eine ebenso, wenn auch anders geartete, starke Seilschaft?

Es ist die stärkste Seilschaft; mit den drei Kindern und meiner Frau bin ich extrem verbunden. Ich gebe ihnen das Gefühl, dass ich ein sehr gewissenhafter Mensch am Berg bin. Wenn ich am Fels in einer äußerst schwierigen Situation stecke, hilft mir meine Familie trotz Abwesenheit bei der Entscheidung. Oft ist ein Nein der erste Schritt zum großen Ja!

Ihr Vater war ebenfalls ambitionierter Bergsteiger. Wie hat Ihre Mutter reagiert, als er mit den jungen Söhnen immer höher hinaufstieg?

Die Sorgen sind nun mal da. Und es ist wie mit der Angst. Ständiges Reden kann dazu führen, dass auch das Befürchtete einmal eintreten wird. Verantwortungsvoll mit dem Leben umgehen, nicht alles auf Teufel komm raus riskieren und es auch so zu vermitteln, das trägt zur Beruhigung bei. So ist jedenfalls meine Devise.

Wie geht ein so erfolgreicher Bergsteiger mit dem langsamen Älterwerden um? Mehr Trainieren, auf Erfahrung setzen und sich an Kollegen wie dem nun 70-jährigen Reinhold Messner orientieren?

Reinhold Messner ist anders, einzigartig in seinem Bereich. Das Altern ist ein Prozess, dem man durchaus positiv begegnen kann. Mit den jungen Sportkletterern können Alexander und ich nicht mehr mithalten. Aber Bergsteigen ist kein Wettkampf. Da sind viele andere Dinge entscheidend. Die Erfahrung Tausender Klettermeter, eiserne Disziplin, perfekte Planung, Biss, Abenteuerlust, Neugier, Neues zu wagen, Lust am Training, Mut zum Scheitern und Freude am Leben: Das haben mein Bruder und ich jetzt aufzuweisen.

Wann kam der Punkt bei Ihnen, aus der privaten Leidenschaft tatsächlich einen Beruf zu machen, der eine Familie ernähren kann?

Ich habe Sport studiert. Den Abschluss als staatlich geprüfter Berg- und Skiführer habe ich dann gemacht. Und seit 1997 bin ich Profi. Mit dem Bergsteigen allein kannst du aber auf Dauer nicht reüssieren. Das Geheimnis des Erfolges ist die Präsentation, die Freude, Vorträge zu entwickeln und zu halten. Das können die Huberbuben sicher noch länger. Wer aber nur aus der Motivation, damit schnell Kohle zu machen vor sein Publikum tritt, wird da nicht lange überleben. Denn nur Leidenschaft, die Kunst, die Leute zu unterhalten, mal nachdenklich zu stimmen, aber auch zum Lachen zu bringen sowie eine Portion Professionalität sichern dem Topbergsteiger sein Publikum auf Dauer.

Was sind Ihre Stärken, und machen sich diese auch positiv in anderen Dingen als beim Klettern bemerkbar?

Disziplin. Hinzu kommt Begeisterungsfähigkeit, die ich am Fels wie in Vorträgen vor Menschen zeige. Das Emotionale hat bei mir schon eine verrückte Komponente.

Und Schwächen?

Die Abgrenzung – heute bin ich Kletterer, und morgen bin ich nur für die Familie da – das fällt mir schwer, aber nicht mehr so arg wie früher. Zudem bin ich manchmal chaotisch – nicht im Berg – und sehr impulsiv. Verstellen kann ich mich nicht.

Schwäche im ganz anderen, positiven Sinn zeigen Sie für die Musik. Leidenschaft Nummer zwei! Woher rührt sie?

In der Schulband habe ich gesungen sowie Akkordeon und Gitarre gespielt. Wir coverten damals vor allem Hits der Spider Murphy Gang. Das Saitenspiel habe ich dann den anderen überlassen, da ich merkte, die können das besser. Ich bin vielleicht auch nicht der beste Sänger, aber bei mir ist alles echt – wie beim Klettern. Und Stoner Rock hat mich schon früh begeistert.

Mit Ihrer Band Plastic Surgery Disaster machen Sie einen harten Sound und treten auch öffentlich auf. Harter Hund am Fels und harter Hund am Mikro? Ist es die brachiale Kraft, die Sie in die Berge drängt und auch dazu zwingt, sich bei fast jedem Konzert das T-Shirt vom Leib zu reißen wie Diskuswerferikone Robert Harting nach seinen Triumphen?

Ich liebe es eben oben frei. Beim Klettern in der Wand trage ich ja auch nur Schuhe und eine kurze Hose. Es ist ein Körpergefühl, keine Zurschaustellung meines Körpers, bei Harting bestimmt auch nicht.

Wer sind Ihre musikalischen Helden?

Früher vor allem die Queens of the Stone Age und heute der geniale Jack White. Leute, die keine gefällige Musik machen und kompromisslos ihr Ding durchziehen. Kompromisslosigkeit bedeutet aber nicht Rücksichtslosigkeit, anderen Menschen zu schaden, da hört die eigene Freiheit auf. Und zu den Freigeistern zählt auch Hans Söllner, der unverbiegbare bayerische Liedermacher, den ich mehr von seinem Stehvermögen als von seiner Musik her mag.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Platte?

Ich glaube, die Doppel-LP „Live“ (1976) von Status Quo.

Wenn Sie morgen das Kletterhandtuch werfen müssten, was würden Sie tun – einen insgeheim gehegten Traum umsetzen?

Das kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen. Wenn es dann mal so weit sein sollte, entscheide ich, welchen Weg ich gehe.

MICHAEL SCHAUST
RZ Koblenz und Region vom Samstag, 25. April 2015

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Kategorie: Presse

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