Sommerträume

| 12. September 2013 | Keine Kommentare

Bergsteiger, besonders Kletterer, sind Menschen mit großen Erlebnissen  aber  immer wieder neuen Träumen und Wünschen die es ihnen ermöglichen aus dem Alltag zu fliehen um zuerst  auf Sesselreisen, später dann in der Wirklichkeit ihre Abenteuer zu erleben. 

Eine chronische Erkrankung ohne Aussicht auf Heilung stellt diese Lebensphilosophie auf den Kopf, wohin soll man seine Tagträume lenken? Nur noch in die Vergangenheit? Nein, mit etwas Phantasie tun sich neue Welten auf aber auch ein wenig bleibt  die Hoffnung noch einmal  verloren gegangenes zu erleben. 

Und da sind ja noch die Klassiker im Oberreintal, Gonda, Schober und Brych, benannt nach ihren Erstersteigern. Jeder  Kletterer der sie einmal sieht,  verspürt den brennenden Wunsch wenigstens eine dieser Routen zu versuchen.  Mit Ralf plane ich schon länger mal dort hin zu fahren um noch einmal den Mythos Oberreintal zu erleben. Aber meine schmerzenden Knochen, das Wetter, unsere Termine, immer wieder verschieben wir unser Vorhaben. 

Mit diesen Gedanken und  einem duftenden schwarzen Getränk aus dem Kaffeeautomaten setze ich mich auf unsere Wiese neben dem Haus,  der Sonnenschirm  verbirgt mich vor der gleißenden Julisonne.  Ich schließe die müden Augen und während ich wegdämmere tauchen wirre Gedankenfetzen und surreale Bilder  auf…..

 Plötzlich wird mein Kopfkino  klarer,  unser Wochenende ist endlich da. Aber mein Traum wird schnell zum Alptraum, Ralf befindet sich beruflich in Italien und sein Rückflug wurde  soeben storniert wie er mir via Handy mitteilt.  Alle Versuche einen Ersatzflug zu finden helfen nicht, erst am nächsten Morgen kann er nach Frankfurt fliegen. 

Trotzdem wollen wir starten. Gegen Mittag sitze ich mit Kerstin, Ralfs Frau, im Hof und sehe Ralf durch die geöffneten Fenster wie er durch die Zimmer hastet um seine Ausrüstung zu sortieren und zu packen. Verständlicherweise erschöpft lässt er sich neben mich ins Auto fallen und wir schwimmen im dichten Urlaubsverkehr nach Garmisch. Am Skistadion tauschen wir seinen weißen Q5 gegen unsere Mountainbikes und radeln in Richtung Partnachklamm.  Am Kassenhäuschen sitzt schon längst niemand mehr und so übersehen wir das Durchfahrtsverbot für Fahrräder mit einem diebischen Grinsen. 

An der wild schäumenden und kühlen Partnach entlang erreichen wir das Reintal und strampeln mit kleinen,  den schweren Rucksäcken geschuldeten, Übersetzungen den nicht enden wollenden Forstweg hinauf. Die Oberreintalhütte ist ein anachronistisches Überbleibsel aus der Bergvagabundenzeit,  ohne Waschraum und eine Selbstversorgerhütte, d. h. auch das Essen muss mit in den Rucksack. Aber  wie es sich für Oberbayern gehört sind die Getränke, inklusive Gerstensaft , auf der Hütte für wenig Geld zu haben. 

Ab dem Radl-Bahnhof geht es zu Fuß die letzten  400 Höhenmeter, im Wettlauf mit dem schwindenden Licht des Tages, auf schmalem Pfad, in Serpentinen nach oben zur Hütte.  Der vorauseilende Ralf wird von einem Holzstoß  mit der Aufforderung „ Nimm mich mit“ gestoppt. Wie es die Tradition und der Holzofen erfordern laden wir uns jeweils ein Riesentrumm  Holz zusätzlich auf den Rücken und steigen weiter zur Hütte.  Entweder werde ich oder die Garmischer Holzhacker älter, gefühlt werden die Kanten jedes Mal wenn ich hier bin größer. Als Privileg seiner Jugend hat sich Ralf ein ordentliches Scheit aufgeladen und so werden auch seine Schritte deutlich kürzer und wir kommen endlich gemeinsam im allerletzten Lichtschein schweißgebadet auf der Hütte an. 

 Hans, der Hüttenwirt, begrüßt uns freundlich und beim Dankeschön-Schnaps für unsere Holzaktion erzählt er, dass die Hütte am Wochenende brechend voll werden wird. Man kann zwar im Oberreintal nicht reservieren aber 10 Jahre Erfahrung, Urlaubszeit, gute Verhältnisse und die stabile Wetterlage lassen ihn Schlimmes erahnen. 

Ralf und ich werfen uns nur  einen kurzen Blick zu, der Plan für den nächsten Tag ist gefasst. Noch ein Bier und schnell am Waschbrunnen vorbei, die Ohrstöpsel rein und ….. gefühlte  10 Minuten später sitzen wir wieder vor der Hütte beim Frühstück. 

Zügig  wird das Geraffel  sortiert und ab geht’s zur Unteren Schüsselkarturm Nordwand. Obwohl  der Aufstieg noch im Schatten liegt dampfen wir schon ordentlich. Auch  im Oberreintal  weht ein warmer Wüstenwind.  Ohne Eigenblutdoping und EPO  spüren wir die Anstrengungen des Vortages noch richtig in unseren Beinen, trotzdem stehen wir schon bald am Einstieg der Schober. Wir sind weit und breit allein. 

Alpinnovize Ralf aber auch ich staunen nicht schlecht. Der Einstiegsriss ist logisch aber danach nur senkrechtes Gemäuer und Überhänge. Da hat sich ein Michael Schober bereits 1938 mit der damaligen Ausrüstung hochgetraut? Unfassbar. Mit einem leicht trockenen Mund steige ich in die schattige Wand ein. Das abweisende Bild bleibt auch in den nächsten Seillängen erhalten und die Hakendichte hält sich sehr in Grenzen aber die Kletterei ist einfach nur  supergeil. Lange war ich nicht mehr in einer solchen Tour, deshalb bin ich froh nach jeder von mir geführten Seillänge das scharfe Ende des Seiles an Ralf zu übergeben. Zu groß ist der Wunsch die Seele ein wenig baumeln zu lassen.  Deshalb und natürlich auch in Sachen Ausbildung für Ralf lassen wir uns an den Standplätzen Zeit. 

Nach der Einstiegsseillänge im oberen 5. Grad  winden wir uns in sechs Seillängen im 6. Schwierigkeitsgrad durch die Überhänge.  Auf dem Schoberbanker´l  am 4. Standplatz nehmen wir lächelnd Platz.  Ralf hat die anspruchsvolle Seillänge darunter geführt und bleibt direkt entspannt sitzen und mir gefriert währenddessen  das Lächeln im Gesicht als ich mich zum berühmten Quergang um die Ecke schiebe. Wow, genau unter meinen Füßen sehe ich den roten Rucksack von Ralf am Einstieg. 

Wo um aller Welt aber ist das Köpferl , das ich laut Führer jetzt als Griff und als Zwischensicherung benutzen soll? Das hat wohl einer mitgenommen.  Etwas verspannt in den Hüften analysiere ich die Situation, weit und breit keine zuverlässige Sicherungsmöglichkeit in Sicht, versuche ich einen mehr als fragwürdigen Klemmkeil hinter den rudimentären Resten des Felsköpferls  zu platzieren.  Links von mir entdecke ich steilen aber griffigen Fels, an einem Seitgriff schiebe ich mich auf einer Leiste hinüber und kann auf Schulter einen Riss erhaschen. Mein Keil verabschiedet sich, die letzte Zwischensicherung befindet sich weit hinter mir ums Eck, plötzlich fällt alles von mir ab, ohne Angst vom Himmel zu fallen steige ich noch ein paar Meter im 6. Schwierigkeitsgrad nach oben. Als das Gelände wieder leichter wird grinst mich plötzlich ein Haken an.  Ein Michael Schober konnte natürlich auch  erst hier einen Haken vom Gürtel nehmen und ihn im Riss versenken.  Einen Glückwunsch an die Sanierer  der Route die den Charakter dieser  großartigen Tour erhalten haben. Die letzte Schlüsselstelle, perfekt abgesichert ergibt sich schnell,  obwohl gefühlt  hart bewertet, und auch der im Führer erwähnte abdrängende Finger-, der in Wirklichkeit ein Handriss ist, kann mit Friends  gut abgesichert zügig überwunden werden. Danach führen noch drei weitere aber leichtere Seillängen nach oben. 

In auskömmlicher Zeit erreichen wir den Gipfel,  ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir der Route gewachsen waren. Wir verspüren eine große Dankbarkeit für und einen Riesenrespekt vor Michael Schober, was hätte der noch alles geleistet, wenn er nicht wie viele andere in seinem Alter für eine idiotische Idee im 2. Weltkrieg geopfert worden wäre. 

Aber vor allem Ralf gebührt mein tiefempfundener Respekt und Dank. Trotz der für ihn hektischen Anreise als alpiner Neuling, ohne Probleme überschlagend in der Geschwindigkeit  durch die Schober zu gehen, ist schon eine besondere Leistung. Ich schätze mich glücklich einen solchen Seilpartner und Freund zu haben. H.m.l.a.A. 

Beim Abseilen erteile ich Ralf unfreiwillig noch eine Extraportion alpiner Ausbildung. Anstatt nur, wie angegeben 25 m anzuseilen versuche ich es mal mit 50 m. Das Ergebnis ist ein schlecht gesicherter Wiederaufstieg in brüchigem Fels an einem Halbseil um das Hängengebliebene, zu bergen. 

Nach dieser Fleißaufgabe hält uns nicht mehr auf und wir räkeln uns auf der Bergwiese unter dem Schüsselkarturm bevor wir mit frisch gestärktem Selbstvertrauen zur Hütte absteigen. 

Die ist mittlerweile noch voller. Hans bändigt mit großer Erfahrung und unheimlicher Ruhe die von den Gästen mitgebrachten Berge von Nudeln. Wie er aus den vielen verschiedenen Fertigsoßen und Gewürzmischungen dann eine so gutschmeckende Nudelsoße hinbekommt, bleibt sein Geheimnis. Ich kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass er eine  Reihe  guter Zutaten aus seiner Geheimküche nimmt und den übrig bleibenden Fertigkram an ein Tierheim spendet. 

Ralf gönnt sich verdientermaßen seine Saftschorle während in meiner Kehle ein Gipfelbier verdunstet. 

In der Nacht besteht ein noch junger und unerfahrener Gast, der wohl erst spät angekommen ist, auf sein vom Hüttenwirt zugewiesenes Lager. Anstatt nach einer freien Liegefläche zu suchen quetscht er sich zwischen meinen Nachbarn und mich obwohl wir schon zu Dritt auf zwei Lagern liegen. 

Aufgrund meines dadurch weiter steigenden Schlafdefizits brauche ich beim Frühstück gleich zwei  von Hans Baders Totenaufweckkaffees um überhaupt wieder am Leben teilnehmen zu können. Ralf trinkt Tee, er hat wohl besser geschlafen. 

Erst beim Frühstück besprechen wir unsere Pläne. Die ersten Seilschaften, die die Hütte verlassen rufen derweil  Hans ihre Ziele zu. Ob für uns noch was übrig bleibt? Wir entscheiden uns für die Rentnerrennbahn am Oberreintalturm-Westwandsockel.  O.K., o.k., wir sind noch keine Rentner aber heute Morgen fühlen wir uns ein bisschen so. Diese Route wurde erst 2001 von „ Amadeus“ Henke erstbegangen und bewegt sich ebenfalls mit 4 Seillängen von insgesamt 5 im 6. Schwierigkeitsgrad.  Beim Zustieg wimmelt es nur so von Kletterern in allen möglichen Wänden und Routen. Gottseidank ist unser Objekt der Begierde noch frei.  Wir lernen schnell, dass auch Amadeus seine Routen im Stile des Oberreintales erschlossen hat. Von unten mit Schlaghaken erstbegangen und dann nachträglich gebohrt. Plaisir ist anders aber durch den genialen Wettersteinkalk fühlt man sich auch paar Meter über den Haken absolut wohl.  Genuss pur und deutlich entspannter als die Schober. Auch die Bewertung erscheint uns etwas moderater, vielleicht weil wir uns jetzt im Wettersteinkalk eingeklettert haben.

Spannend wird die Sache dann nur noch als uns nach der Abseilfahrt zwei Schwachmaten von oben mit einer Schubkarre Steine bewerfen. Im freien Fall fliegen uns  die Brocken aus knapp 200 m Höhe nur so um die Ohren. Reiner Zufall  und eine Riesenportion Glück oder unsere Schutzengel  verhindern, dass wir getroffen werden. Nach unserer Flucht vom Wandfuß setzen wir uns in die Sonne.  Die Zeit bis zur  Abreibung für die Beiden nehmen wir uns gerne. 

An der Hütte ist jetzt die Hölle los.  Immer neue Kletterer tauchen auf, um das endlich sommerliche Wetter zu nutzen.  Hans stapelt die Nudeln schon in Brusthöhe. Sortiert nach Garzeiten bekocht er in mehreren Schüben seine Gäste. Abgewiesen wird im Oberreintal  traditionell keiner, noch nicht einmal die Wanderer die jetzt,  dreist genau darauf spekulierend, auf dieser  reinen Kletterhütte auftauchen. Die Zeiten als man sich mit ihnen „böse“ Späße erlaubte sind wohl vorbei. Schade eigentlich! 

Genervt beschließen wir  kurz entschlossen am Ende der Nudelparty abzusteigen. Nach dem Fußmarsch freuen wir uns auf  unsere Fahrräder, sie sind jetzt eine willkommene und schnelle  Art  das Reintal zu verlassen und weil wir wieder so spät unterwegs sind, sitzt bestimmt am Kassenhäuschen an der Partnachklamm niemand mehr, so dass uns der Umweg über die Partnachalm wie beim Aufstieg erspart bleibt.  Unterwegs treffen wir Hendrik , Referent für Umwelt und Klettern der Sektion Koblenz auf dem Weg zu seinem Lehrgang zum Fachübungsleiter Alpinklettern. Nach einem kurzen Plausch wünschen wir ihm viel Glück und radeln weiter. 

Nachdem wir unser Gerödel im Auto verstaut haben, verlassen wir um halb 10 Uhr Garmisch, ich bin total übermüdet aber Ralf will noch versuchen ein Stück zu fahren. 

Als wir die Autobahn erreichen, sehe ich noch wie sich die Tacho-Nadel  jenseits  der 200er Marke einpendelt, dann knacke ich auch schon weg.

Plötzlich ein Knall, es  wird es laut um mich, ………ich versuche meine Gedanken zu sortieren, ………… ein aufziehendes Gewitter weckt mich unsanft aus meinen Nachmittagsschläfchen.  Die ersten Regentropfen  prasseln auf den Sonnenschirm. Meine Tasse  ist umgefallen und ausgelaufen. Ich muss mir wohl oder übel einen neuen Kaffee holen. Ich erhebe mich aus meinem Sessel und ein Lächeln huscht über mein Gesicht als ich meinen Muskelkater bemerke.

Peter Retterath

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Kategorie: Klettergruppe

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