Roter Fels und grüne Wälder – eine Wanderung auf dem Deutsch-Französischen Burgenweg

| 25. Dezember 2018 | Keine Kommentare

Was uns im heutigen Europa als selbstverständlich erscheint, war Jahrhunderte lang und bis vor gar nicht allzu langer Zeit undenkbar: als Wanderer unbehelligt und nach Belieben entlang einer Staatsgrenze zu gehen, mal auf dieser, mal auf jener Seite. Dieses grenzenlose Wandervergnügen zeichnet den Deutsch-Französischen Burgenweg aus. Im Süden des Pfälzerwaldes gelegen, führt er auf einer Strecke von rund 32 Kilometern an acht mittelalterlichen Burgruinen vorbei, die allesamt bestiegen werden können und phänomenale Aussichten auf die zahllosen bewaldeten Hügel bieten. Der als „schwer“ eingestufte Rundweg überwindet dabei 1.477 Höhenmeter und erfordert je nach Tempo 12 bis 15 Stunden. Damit das Ganze nicht zur Tortur ausartet, wird der Weg üblicherweise in zwei Tagesetappen gemacht.

An einem sonnigen Wochenende im Juli 2018 mache ich mich auf den Weg, um das schon lange geplante Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Glocken der Dorfkirche schlagen gerade acht Uhr, als ich in Schönau auf deutschem Staatsgebiet losgehe. Außer einem kleinen Rucksack und den Wanderstöcken trage ich nichts weiter mit mir als die Vorfreude auf das, was mich bei dem Marsch erwartet. Das Tagesziel ist Obersteinbach, wo ich ein Bett für die Nacht reserviert habe. Die erste Etappe ist deshalb mit 20 Kilometern deutlich länger als die zweite, aber ich habe Zeit und das stabile Sommerwetter gebietet keine sonderliche Eile.

Gleich hinter den letzten Häusern von Schönau betrete ich den stillen Wald, der von der frühen Morgensonne in ein zartes Licht getaucht ist. Die Stimmung beim Aufbruch zu einer großen Tour ist immer eine ganz besondere, fast feierliche und ich genieße sie sehr bewusst. Langsam, aber stetig geht es nun an hohen Buntsandsteinfelsen entlang aufwärts. Es ist kaum zu glauben, aber trotz Ferienwochenende und bestem Wanderwetter begegne ich während der ersten zwei Gehstunden keiner Menschenseele. Herrlich, diese Ruhe! 350 Höhenmeter und etliche Schweißtropfen später erreiche ich schon den höchsten Punkt der gesamten Wandertour: die auf 571 Meter Meereshöhe gelegene Wegelnburg. Wie die anderen Wasgau-Burgen ist sie in einen hoch aufragenden Sandsteinturm hineingehauen und aufgemauert. Schon das Ersteigen des höchsten Punkts über Leitern und Treppen, bei dem natürliche und von Menschenhand geschaffene Felsstrukturen harmonisch ineinander greifen, ist ein Erlebnis für sich. Der 360 Grad-Rundumblick von der Wegelnburg ist aber sicherlich ein Höhepunkt der gesamten Tour: ein endlos scheinendes, wogendes Meer aus grünen und blauen Hügeln, das nur vom Horizont begrenzt wird und sich irgendwo in der dunstigen Ferne verliert. Darüber ein wolkenloser Himmel und eine gleißende Sonne – einfach wunderschön.

Blick von der Wegelnburg in den Pfälzerwald

Nach Überschreitung der deutsch-französischen Grenze reihen sich dann in kurzem Abstand die Burgen Hohenbourg und Loewenstein aneinander, die ebenfalls erkundet und bestiegen werden. Ich laufe an Krappenfels und Langenfels entlang, wo ich vor Jahren viele schöne Routen unter die Klettersohlen genommen habe. Nun also als Wanderer. Ein wenig Wehmut kommt schon auf, als ich an der prallen Talwand des Loewensteins zwei Seilschaften in Aktion beobachte. Vielleicht beim nächsten Mal wieder… Am Bistro der mächtigen Burgruine Fleckenstein lege ich um halb zwölf eine erste Pause ein für ein kühles „Pression“ mit Bretzel. Das tut gut! Insgesamt sind übrigens die Einkehrmöglichkeiten an der Route eher spärlich vorhanden. Marschverpflegung und Getränke für Unterwegs sind daher obligatorisch.

Der Autor auf der Burg Loewenstein, im Hintergrund die Burg Fleckenstein

Die Sonne steht mittlerweile schon hoch und drückt unangenehm. Da ist es kein Nachteil, dass der größte Teil des Wegs in schattigem Wald verläuft. Es geht jetzt kurz und knackig steil hinab ins Tal des Saarbachs. Der zu einem Bade- und Angelweiher aufgestaute Bach erfrischt aber nur kurz die Seele, die schon etwas müden Beine müssen weiter! Der Weg biegt ab ins Steinbachtal und verläuft dort auf den flirrend heißen Südhängen. Wieder geht es steile Pfade den Wald hinauf bis zur Ruine der Froensburg. Auch sie bietet witzige Kraxelei bis zum höchsten Punkt und eine schöne Aussicht ins Steinbachtal mit seinen Wiesen und Wäldern.

Die Froensburg

Stunde um Stunde geht es weiter in schweißtreibendem Auf und Ab durch würzig duftende Kiefernwälder. Am frühen Nachmittag zeigen sich erste Quellwolken am Himmel. Es wird doch wohl nicht …?! Irgendwann muss ich mich einfach mal hinsetzen und etwas essen und trinken. Die Anstrengung und die Hitze haben mich schon ordentlich ausgelaugt. Ich passiere noch zwei weitere malerische Burgruinen: der Wasigenstein und die Arnsbourg. Für eine Besteigung der Burgen fehlen mir jetzt aber einfach Lust und Energie. Die Augen sind satt, der Körper verlangt nach Ruhe und Erholung. Gegen halb vier trudele ich endlich in Obersteinbach ein. Meine Unterkunft, das Hotel „Au Wachtfels“ öffnet aber leider erst um fünf Uhr. Die Wartezeit verkürze ich mir in einer anderen Herberge, in der es herrlich kühles Bier zu trinken gibt. Hier treffe ich auch vier Wanderer wieder, die ich unterwegs schon ein kurzes Stück begleitet hatte. Die Gruppe aus Heidelberg trainiert auf dem Burgenweg für eine Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran, die in vier Wochen ansteht. Entsprechend flott sind die Jungs auch unterwegs.

Dann kann ich endlich mein Zimmer beziehen und eine erfrischende Dusche nehmen. Auf der Terrasse der Auberge lasse ich mir ein leckeres Abendessen schmecken, dazu einen ehrlichen französischen Landwein. Der Geist ist beflügelt, die schweren Beine schon wieder vergessen. Die goldene Abendsonne lockt mich auf den nahen Wachtfels, der sich gleich hinter der Herberge hoch über dem Tal erhebt. Nach einigem Suchen finde ich den richtigen Zugang und kann auf der ausgesetzten Felsnase einen traumhaften Sonnenuntergang mit Blick auf das stille Steinbachtal genießen. Genau so habe ich mir den ersten Wandertag vorgestellt!

Blick vom Wachtfels auf Obersteinbach

Am Sonntagmorgen schlafe ich bis sieben Uhr. Nach einem einfachen Frühstück marschiere ich wieder um acht Uhr los. Wie gestern bin ich die ersten zwei Stunden ganz allein auf dem Weg, nur einmal begegnen mir drei Mountainbiker. Hinter Obersteinbach überquere ich ein schönes Wiesental, dann beginnt wieder der Aufstieg durch den Wald. Es geht direkt an der Grenze entlang, deren Verlauf im Gelände durch zahlreiche alte Grenzsteine markiert ist: die mit der Jahreszahl „1826“ gekennzeichneten Steinsäulen tragen auf der einen Seite ein „F“ für France/Frankreich und auf der anderen ein „B“ für Bayern – die Pfalz gehörte damals zum Königreich und Staat Bayern. Über den Grenzturm (oder Windsteinerfels), einem mächtigen Turm aus rotem Sandstein, geht es hoch zum Bayerischen Windstein. Die ehemalige Grenzmarke ist ein Felsen, der über eine Eisenleiter bestiegen werden kann und eine fantastische Aussicht auf die endlosen Wälder der Nordvogesen und des Pfälzerwaldes bietet. Der Betrachter darf sich ohne weiteres an die sibirische Taiga oder die Wildnis Kanadas erinnert fühlen. Aussichtspunkte wie dieser oder auch derjenige auf der Wegelnburg sind, wenn man das so sagen darf, die Seele des Deutsch-Französischen Burgenwegs. Man muss schon ziemlich abgestumpft sein, wenn man sich von dieser grandiosen Landschaft nicht begeistern lässt! Wie an den überaus zahlreichen Burgen im pfälzisch-elsässischen Grenzland leicht zu erkennen ist, stehen hier Landschaft und Geschichte in einer intensiven wechselseitigen Beziehung zueinander, die auch dem Deutsch-Französischen Burgenweg ihr besonderes Gepräge verleiht.

Blick vom Bayerischen Windstein in die Vogesen

Über den langgezogenen Florenberg führt mich der Weiterweg entlang der deutsch-französischen Grenze zum Zollstock und dann steil hinauf zur Anhöhe „Maimont“. Der Maimont war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz einer blutigen Schlacht zwischen deutschen und französischen Soldaten. Als Mahnmal gegen den Krieg ist hier ein großes Holzkreuz auf einem Aussichtsfelsen errichtet, das so genannte Friedenskreuz. Ich mache noch einen kurzen Abstecher zum 510 Meter hohen Gipfel des Maimont, dem höchsten Punkt der heutigen Etappe. Hier gibt es neben einem keltischen Ringwall eine ehemals wohl kultisch genutzte steinerne Opferschale zu bestaunen. Dann geht es wieder etliche Höhenmeter abwärts, bis ich die Ruine der Burg Blumenstein erreiche. Wieder geht es über in Stein gehauene Treppen aufs Gemäuer, wiederum bietet sich auf der Spitze eine malerische Aussicht auf rote Felsen und grüne Wälder. Als eine 20-köpfige Wandergruppe den Aussichtspunkt erstürmt, wird es eng. Ich habe genug geschaut, nix wie runter, nix wie zurück zum Auto! Alle Burgen, alle Sehenswürdigkeiten sind abgeklappert, so dass sich der restliche Weg durch das Wengelsbachtal zurück nach Schönau in die Länge zieht. Die stechende Mittagsonne tut ihr übriges, so dass ich froh bin, als ich nach zwölf Kilometern Strecke und viereinhalb Stunden Gehzeit Schönau erreiche, wo ich mir endlich das wohlverdiente Abschlussbier genehmigen darf.

Fazit: für den sportlich ambitionierten Wanderer, der geschichtlich interessiert ist und der einen Sinn für die Schönheit und Eigenart der Landschaft hat, ist der Deutsch-Französische Burgenweg zweifelsohne ein erstklassiges Tourenziel!

Nähere Infos zur Route sind unter hier zu finden.

Peter May, Koblenz

Felsen am Weg

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Kategorie: Allgemein, Klettergruppe Albatros

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