Regentanz im Ötztal

| 21. Dezember 2014 | Keine Kommentare

Flammen lodern vor uns auf. Es ist 3 Uhr Nachts und wir (Andi, Dirk, Dieter und Regine) sind auf dem Weg nach Vent/Oesterreich. Vor uns steht ein brennender Lastwagen auf der Autobahn. Die Feuerwehr ist noch nicht da, so dass wir schnell vorbeikommen. Unglaublich, wie heiß die Flammen durch die Fenster zu spüren sind. So warm wird es uns in den nächsten Tagen nicht mehr werden.

In Vent (1.900 m) ergattern wir den letzten kostenfreien Parkplatz bei der Kirche.  Dann heißt es Rucksack schultern und auf zur Martin-Busch-Hütte. Den ganzen Weg hoch begleitet uns ein leichter Nieselregen.

Auch der nächste Tag beginnt mit Regen.  Dirk und Andi lassen die Gesichter schon kurz nach dem Aufstehen hängen. Wir frühstücken und überlegen hin und her, ob wir abfahren, oder bleiben sollen. Die anderen Gäste sind schon alle weg, da erhalten wir von der Hüttenwirtin den aktuellen Wetterbericht: es soll morgen Vormittag ein wenig aufziehen. Hoffnung schöpfend beschließen wir zur Similaun Hütte (3.019 m) aufzusteigen und gelangen sogar trocken dort an. Es ist noch früh, das Wetter einigermaßen freundlich, so dass wir auch noch den Similaun-Gipfel (3.599 m) besteigen. In knapp vier Stunden werden wir wieder zurück sein.

Im Aufstieg anfangs gute Sicht, dann doch Nebel, aber immerhin können wir die Spur erkennen. Am Grat links halten und auf die Wächte aufpassen, dann ist es geschafft! Der erste Gipfel und wie sich nachher herausstellt, der erste Sonnenbrand auf Nase und Wangen, denn natürlich hat bei dem Wetter niemand an die Sonnencreme gedacht!

Der nächste Morgen beginnt freundlich und wir wagen den Aufstieg zur Finailspitze. Bei Sonnenschein steigen wir direkt hinter der Hütte auf, genießen Aussicht und Rundumblick, kommen an der Özi-Fundstelle vorbei und klettern in heller Freude zum Gipfel der Finailspitze (3.514 m) hoch. Oben angekommen zieht es wieder zu – keine (Aus-)Sicht mehr und wir beeilen uns, den Abstieg zu begehen, denn hier wird der Fels ungemütlicher: im Aufstieg  immer fest und griffig, wurde der Fels nun spitzer und brüchiger. Nach dem Abstieg gelangten wir auf ein Schneefeld. Wir seilten uns an und gingen weiter abwärts, stiegen dann aber nochmals 200m im Regen auf zur Bahnstation, um Bekannte zu treffen, aber die waren inzwischen schon abgestiegen! Am See haben wir uns schließlich getroffen. Hier ging ein Teil von uns über den Fahrweg zur Hütte „Bella-Vista“ (Schöne Aussicht) hoch. Dieter und ich wollten den steileren Weg gehen und kraxelten dann mühsam die Felsen hoch, bis wir den richtigen Weg erreichten. Wir waren am Ende – und die anderen schon vor uns da!

Nach einer kurzen Kaffeepause marschierten wir weiter zum Hochjoch-Hospiz (2.400 m), denn jetzt hatten wir noch die Chance trocken dort hin zu kommen. Für morgen war wieder Regen vorhergesagt. Der Weg führte schräg am Hang entlang, endlos weiter. Wir waren insgesamt drei Stunden unterwegs. Jeder Schritt tat inzwischen weh!

Endlich sahen wir die Hütte. Wir hatten sie schon von der Finailspitze aus entdeckt. Von dort war sie uns recht klein vorgekommen. Wir erwarteten also nichts Besonderes. Nur langsam kamen wir näher. Als wir auf gleicher Höhe waren kamen wir über eine Kuppe und waren schockiert: vor uns führte der Weg eine Schlucht hinunter (ca. 150 m!) und auf der anderen Seite wieder hoch! Es war nicht zu fassen. Unten mussten wir über eine wenig tragfähig aussehende Hängebrücke einen reißenden Bergbach überqueren (die alternative Rutsche wirkte auch nicht vertrauenerweckender, blieb sie doch schließlich in Ermangelung eines ausreichenden Gefälles in der Mitte stehen!). Nun, auch diesen letzten Anstieg schafften wir noch (in sogar nur 20 Minuten!) und gelangen ziemlich erledigt in der Hütte an.

Im uns zugewiesenen Lager waren wir allein! Die sanitären Anlagen waren neu: es gab sogar Warmwasser am Waschbecken! Endlich mal wieder Zähne putzen ohne Kälteschock und man konnte auch kleine Wäsche machen! Die Wirtsleute waren sehr freundlich – eine kleine uns sehr angenehme Hütte! Wir stärkten uns mit einem köstlichen Menü und einem Williams, zum Lindern der Bauchschmerzen, weil es viel zu viel war. Es wurde ein ausgelassener und heiterer Abend.

Beim Aufstehen: Regen! Wir warteten geduldig bis er aufhörte und stiegen auf zur Vernagthütte (2.800 m – bei uns „ Vigniettenhütte“). Außer einem kleinen Nachmittagsspaziergang  passierte nicht mehr viel.

Auch der nächste Tag sah nicht besser aus und wir machten uns trotz Regen auf zum Brandenburger Haus (3.274 m). Wir hatten nichts anderes erwartet, denn es sollte der schlechteste Tag der Woche sein. Wie wahr! Wir stiegen die Moräne vor der Hütte auf, verloren dann aber bald unseren Weg und kamen zu weit rechts ab. Schließlich querten wir das Blockgelände weglos nach links rüber und fanden ohne größere Melasse den richtigen Weg wieder. Bald gelangten wir auf den Gletscher: große Spalten direkt vor Augen. Der Nebel wurde dichter. Wir brauchten das GPS. Die Richtung stimmte. Nach einem kleinen Disput folgten wir der Spur im Schnee und wir sahen bald die Hütte unter uns.

Nach dem ersten Schock (Tür zu ?!) retteten wir uns ins Innere. Der kleine Trockenraum war bereits von den Kleidungsstücken der Seilschaft vor uns gefüllt, aber wir bekamen unsere nassen Kleider auch noch versorgt. Wir hatten wieder ein Lager für uns allein und mussten es nur mit den Eisheiligen teilen. Ungeheizt auf knapp 3.300 m ist einfach kalt! Warm war es nur im Speiseraum, den wir dann auch nicht mehr verließen. Da selbst warmer Tee keine durchschlagende Wirkung auf den Wärmehaushalt des Körpers zeigte, mußte auch noch eine Wolldecke herhalten, bis der Körper wieder Normaltemperatur meldete. Als es dann um 17.30 Uhr Abendessen gab (Gulaschsuppe und Brot) und ein Bier vor uns stand, war die Welt wieder in Ordnung. Früh ging es am Abend ins Bett. Zum ersten Mal in meinem Leben schlief ich in Daunenjacke mit drei Decken über mir. So ließ es sich immerhin aushalten.

Am nächsten Morgen versammelten wir uns alle wieder im noch eine ganze Weile ungeheizten Speisesaal. Der Blick aus dem Fenster zeigte nur Weiß und Nässe! Laut Aussage des Bergführers würde es auch morgen nicht besser werden. Unsere Hoffnung auf die Wildspitze schwand dahin! Den Mittwoch hatten wir ja als Schlechtwettertag akzeptiert, aber das Gleiche jetzt noch einmal? Die Stimmung sank und die Hoffnung schwand dahin. Schließlich beschlossen wir zur Vernagthütte zurückzugehen und abzusteigen nach Vent.

Wir marschierten also wieder im Regen los, ich durfte als Spaltensuchmaschine vorne weggehen. Wir waren der Ansicht, das es einfacher war, mich aus einer Spalte herauszuziehen, als für einen der Männer die Spaltenbergungsaktion durchzuführen. Wir erreichten ohne Probleme den Fels, nachdem wir uns diesmal weiter links und somit weg von den Spalten orientiert hatten.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und wir erreichten diesmal direkt über den richtigen Weg bei Sonnenschein die Vernagthütte. Wie tat das gut!

Da kein stabiles Hoch zu erwarten war, das uns ermöglicht hätte die Wildspitze zu erreichen,  brachen wir schließlich mit wehem Herzen, aber bei Sonnenschein den Abstieg nach Vent an. Wir gingen diesmal auf der linken Seite von der Hütte aus gesehen. Es wurde ein traumhaft schöner Abstieg. Große Distelfelder begleiteten uns, Schafe läuteten mit ihren Glöckchen …

Wir blieben links vom Hochferner. Kurz vor Vent war die Umgebung lieblich, wie von landschaftsgärtnerischen Händen gestaltet: kleine Bachläufe über Felsen, Bergrosen …

Auch bildhauerisches Können konnte bestaunt werden an den verschiedensten Kreationen. Es war ein Genuß!

Über uns flog ein Hubschrauber hin und her, der die Hütten versorgte. Vom Restaurant in Vent aus konnten wir ihn aus nächster Nähe beobachten. Wir sahen die Pellets, Bierkisten und Gasflaschen, die ihren Weg in die Netze und in die Höhe fanden.

Ende gut, alles gut. Nach einem letzten Gang über eine große Hängebrücke kamen wir wieder zu Dieter`s Auto und starteten Richtung Heimat. Eine nasse Woche lag hinter uns, aber wir hatten das Beste draus gemacht!

Regine Weber-Kunkel

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Kategorie: Hochtourengruppe

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