Pleiten, Pech und Pannen – eine Radtour durch Rheingau und Taunus

| 22. Oktober 2017 | Keine Kommentare

Mein erster Fehler war, eine Route über Waldwege zu planen, die ich mit dem Rennrad fahren wollte und der zweite, dass ich erst spät im Jahr und gegen Mittag losfuhr. Eine Kombination, die eigentlich nicht gut gehen konnte. Aber der Reihe nach. Als ich 2016 quer durch Rheinhessen geradelt war, konnte ich im Norden die dunkle Mauer des Taunus erblicken, die sich hoch über den Rhein und die Rebhänge des Rheingaus erhob. Da müsste man mal hochfahren, dachte ich mir, das würde ein paar schöne Höhenmeter ergeben! Ein Blick auf die Karte verhieß dazu einen namhaften Gipfel – die Kalte Herberge, mit 619 Metern die höchste Erhebung des Rheingau-Gebirges. Wenn ich im Rheintal bei Lorch starten würde, das Rhein-Knie bei Rüdesheim umfahren, dann in Oestrich links hoch zur Kalten Herberge und schließlich durch das Wispertal zurück nach Lorch fahren würde, ergäbe das eine hübsche Rundfahrt von knapp 70 Kilometern Strecke und gut 500 sportlichen Höhenmetern. Einziger Haken an der Sache: die sechs Kilometer Forstwege, die ich am höchsten Punkt passieren musste und deren Zustand unbekannt war – das Risiko eines Reifenschadens war offensichtlich, aber auf der gewählten Strecke einfach nicht zu vermeiden. Alles in allem eine reizvolle Idee, die mich nicht mehr los ließ und die ich ein Jahr später in die Tat umsetzen wollte.

 

Mitte Oktober 2017 herrscht eine typische herbstliche Hochdruckwetterlage mit Nebel in der Frühe und warmem Sonnenschein am Nachmittag – ideales Tourenwetter. Wer weiß, vielleicht die letzten schönen Tage im Jahr, jetzt gilt es! Nachdem sich am späten Vormittag die Nebelschwaden aufgelöst haben, packe ich mein Rad in den Kofferraum und fahre nach Lorch, wo ich das Auto abstelle. Um 13.00 Uhr steige ich aufs Rad. Gegen halb Sieben würde die Sonne untergehen, das sind fünf, sechs Stunden Tageslicht für meine Runde – das sollte dicke reichen. Dachte ich. Los geht es rheinaufwärts entlang der B 42 Richtung Süden. Das wie eine Düse geformte Rheintal empfängt mich mit einem heftigen, kalten Gegenwind. Egal. Richtig ärgerlich wird es aber, als nach wenigen Kilometern bei Assmannshausen urplötzlich der Radweg aufhört und die Weiterfahrt über die Bundesstraße für Fahrräder gesperrt ist. Hier hätte ich umdrehen müssen und die Tour wäre zu Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte. Ich dachte nicht daran! Also das Rad über die Leitplanke gehoben und als illegaler Verkehrsteilnehmer weiter. Zum Glück ist auf der Straße nur wenig los und das Tempo auf der folgenden langen, einspurigen Baustelle auf 30 km/h beschränkt, so dass ich niemanden behinderte. Stellenweise ist es echt gefährlich: zwischen Leitplanke und Fahrbahn gibt es keinen Seitenstreifen und die Lkw donnern hautnah vorbei. Hoffentlich übersieht mich niemand! Ich bin froh, als ich unbeschadet Rüdesheim erreiche.

Zwischen Lorch und Assmannshausen – der Rhein ist mein Begleiter

Ab Rüdesheim führen ausgewiesene Radwege entlang des Rheinufers weiter stromaufwärts. Ich rolle entspannt über die ebenen Wege, genieße die funkelnden Strahlen der milden Herbstsonne auf dem Wasser und das von den bunten Bäumen leise herabfallende Laub. So könnte es eigentlich immer weiter gehen – aber nein, als Bergsteiger und Kletterer muss ich ja unbedingt noch einen Gipfel bezwingen. Also verlasse ich nach 25 km flacher Strecke bei Oestrich den Rhein und mache mich an den nun folgenden Aufstieg. Der sonnige Rheingau, das weltbekannte Weinbaugebiet zwischen Rhein und Taunus, bietet jetzt im Vollherbst ein wunderschönes Landschaftsbild. Die bunten Rebhänge wirken zusammen mit dem blauen Himmel und den weißen Federwolken wie ein Gemälde.

Blick über den Rheingau zum Taunus

Ich nehme mir die Zeit für ein paar Fotos und um die warmen Klamotten abzulegen, denn jetzt kommt der anstrengende Teil der Tour. Hinter Hallgarten verlasse ich das offene Gelände und tauche in den weitläufigen Wald ein. Anhaltend geht es jetzt sehr steil über eine Betonpiste den Berg hinauf. 300 Meter, 400 Meter, 500 Meter zeigt der Höhenmesser an. Die Übersetzung meines Straßenrades mit nur zwei Kettenblättern ist für solche Steigungen nicht gerade ideal. Auch meine Kondition lässt sehr zu wünschen übrig, habe ich doch seit meinem letzten Wettkampf vor zwei Monaten so gut wie nicht mehr trainiert. So mühe ich mich im Zeitlupentempo den Berg hinauf, bis die Betonstraße an der Hallgarter Zange auf 580 Metern ü. NN aufhört. Die letzten vierzig Höhenmeter bis zum höchsten Punkt muss ich das Rad über nasse Waldwege voller Äste und Knüppel schieben.

Waldweg an der Kalten Herberge

Dort, wo der Matsch allzu tief ist, geht selbst das nicht mehr und ich muss mein Bike auf der Schulter weiter tragen. So hatte ich mir die Radtour nicht vorgestellt! Aber geschenkt, kurz nach der kleinen Cross-Einlage erreiche ich den Bergkamm. Ein hölzernes Schild verkündet, dass ich auf der Kalten Herberge bin, 619 Meter über dem Meeresspiegel. Ziel erreicht! Der Lohn: zwei Schokoriegel, ein paar Fotos, ein Schluck aus der Trinkflasche. Alles verläuft nach Plan, ich bin zufrieden. Noch.

Am Höchsten Punkt

Es ist schon gegen vier Uhr am Nachmittag, ich muss weiter. Nach einer kurzen Schiebestrecke gelange ich an einen steilen, geschotterten Forstweg, den ich vorsichtig hinabrolle. Dann kommt es, wie es kommen musste: unter dem Laub war wohl ein spitzer Stein verborgen, es gibt einen fiesen, harten Schlag, ich ahne Böses. Tatsächlich: als ich anhalte und nachschaue, ist der Vorderreifen völlig platt. Verdammte Kacke! So was ist mir bei meinen vielen Radtouren bisher noch nie passiert. Es hilft nichts – Ersatzschlauch, Reifenheber und Luftpumpe raus, ich muss versuchen, den Reifen zu reparieren. Mühsam schaffe ich es irgendwie, den neuen Pneu auf die Felge zu fummeln. Wie auf rohen Eiern rolle ich jetzt weiter den Schotterweg hinab. Es dauert keine fünf Minuten, dann spüre ich mit Schrecken, dass auch das Hinterrad Luft verliert; bald fahre ich nur noch auf der Felge. Ich könnte heulen! Jetzt bin ich fertig, erledigt, am Arsch. Kein zweiter Ersatzschlauch dabei, auch kein Flickzeug. Das war´s! Mitten im Wald, am späten Nachmittag, das nächste Dorf noch weit weg. Was jetzt – Taxi rufen? Zu Fuß weiter gehen? Per Anhalter zum Auto? Im nächsten Haus Hilfe suchen? Keine Ahnung, ich fahre erst mal mit meinem Platten weiter, sehr langsam und vorsichtig, damit ich in den Kurven nicht wegrutsche und stürze. Es geht sogar, wenn auch sehr holprig und wacklig. Irgendwann erreiche ich wieder eine asphaltierte Landstraße, die mich nach Norden in Richtung Wispertal führt. Von Hausen v. d. H. bis zum Auto in Lorch sind es aber noch knapp 30 Kilometer, das kann ich mit dem platten Hinterrad in dem Schneckentempo unmöglich bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen – wenn nicht der Mantel vorher sowieso zerfetzt. Dummerweise habe ich auch kein Licht dabei. Ich habe keinen anderen Plan, als einfach weiter zu fahren und abzuwarten, was passiert. Nachdem ich sechs Kilometer auf dem platten Rad rumgeeiert bin, komme ich in Obergladbach an einer Autowerkstatt vorbei, die noch geöffnet hat – Hoffnung keimt auf. Ich halte an und frage den Mechaniker nach einem Ersatzschlauch. Klar, als Autoschrauber führt er keine Fahrradersatzteile. Aber Moment mal, hinten im Lager hat er noch einen alten Schlauch liegen, den er irgendwann mal auf der Straße aufgelesen hat. Zufällig auch noch in der passenden Größe von 28 Zoll. Wir versuchen es: Kette runter, Hinterrad ausgebaut, Mantel von der Felge, Schlauch getauscht, aufgepumpt – der Ersatzschlauch hält die Luft nicht, das Ventil ist kaputt. Shit, shit, shit! Die Zeit läuft mir davon. Schon leicht verzweifelt frage ich den Monteur, ob er vielleicht Flickzeug da hat – hat er! Meinen alten Schlauch aufgepumpt, zwei Löcher gefunden, Flicken drauf, ins Wasser gehalten, keine Luftbläschen zu sehen. Es könnte klappen! Schnell das Rad wieder eingebaut, Kette aufs Ritzel gefummelt, alles verschmiert, egal, fünf Euro in die Kaffeekasse der Werkstatt und ein warmes Dankeschön an den hilfsbereiten Arbeiter! Weiter geht´s. Die ganze Aktion hat viel Zeit gekostet, es ist inzwischen sechs Uhr und in einer halben Stunde geht das Licht aus. Ich kann aber wieder in normalem Rennradtempo fahren und wenn ich Gas gebe, könnte ich die restlichen 18 Kilometer bis Lorch gerade noch im Hellen schaffen. Nach ein paar flotten Kilometern die nächste Hiobsbotschaft: Straße nach Lorch wegen Bauarbeiten gesperrt, Umleitung aus dem Tal heraus auf die Taunushöhe und über etliche unbekannte Dörfer ins Rheintal, ein Umweg von 10 Kilometern oder mehr. Oh nein, nicht auch das noch! Die können mich mal! Ich ignoriere das Verbot und fahre einfach auf der gesperrten Straße weiter. Schlimmer als bisher kann es ja kaum kommen, notfalls muss ich das Rad halt wieder tragen. An etlichen Stellen ist der Asphalt aufgerissen, die Straße wird erneuert, überall liegen Steine und Dreck. Ich muss höllisch aufpassen, dass die Reifen nicht noch mal kaputt gehen. Zudem habe ich im Vorderreifen viel zu wenig Luft, mit der Handpumpe konnte ich vorhin nicht genug Druck erzeugen. Deshalb schlägt an jedem Stein, jeder Unebenheit der Mantel bis auf die Felge durch – bitte, bitte Reifen, haltet jetzt noch aus bis zum Auto! Mittlerweile dämmert der Abend und ich trete in die Pedale, was das Zeug hält. Nur noch fünf Kilometer, drei, die ersten Häuser, dann ist das bange Hetzen endlich vorbei. Ich bin in Lorch am Parkplatz bei meinem Auto – gerettet! Fix und fertig schreibe ich noch schnell eine Nachricht an die Lieben zuhause, dass ich jetzt heim komme.

Ich habe fertig! Zurück in Lorch

Doch der Ärger ist noch lange nicht vorbei. In St. Goarshausen ist die Bundesstraße Richtung Koblenz gesperrt. Es ist zum Verrücktwerden! Die Umleitung führt bis hinter Nastätten weit hinauf auf den Taunus und dann weiter nach Nassau ins Lahntal. Als ich dort in einer 30-er Zone auch noch geblitzt werde, ist die Stimmung vollends im Keller. Verflucht noch mal! Nur noch nach Hause, ist mein einziger Wunsch. Heute ist wirklich kein guter Tag! Die nächste unangenehme Überraschung erwartet mich vor Bad Ems: auch hier ist die Lahntalstrecke Richtung Koblenz gesperrt und ich muss abermals eine weitläufige Umleitung über unbekannte Käffer und nächtliche Landstraßen nehmen. Das darf doch wohl nicht wahr sein, so viel Pech auf einmal, das gibt es doch gar nicht! Ich bin stinksauer. Irgendwo im Westerwald erreiche ich bei Montabaur die B 49 und bekanntes Terrain. Erst spät am Abend geht meine Irrfahrt in Koblenz zu Ende, endlich daheim!

 

Mit etwas Abstand kann ich wieder schmunzeln über das erlittene Ungemach und ich muss an den Spruch denken: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Im Nachhinein betrachtet waren es ja auch nur Bagatellen, die passiert sind, aber in dieser Häufung schon ein unvergesslicher Tag, den ich so bestimmt nicht noch mal erleben möchte.

 

Peter May

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Kategorie: Allgemein, Klettergruppe

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