„Nationalsozialistischer“ Naturschutz

| 26. März 2012 | Keine Kommentare

„Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945“, so lautet der Titel einer sehr bemerkenswerten Ausstellung im Haus des Deutschen Alpenvereins auf der Praterinsel in München (Nov. 2011 bis Juni 2012). Die ersten beiden Worte tragen einen ironischen Beigeschmack, hat doch der DAV selbst den alten Bergsteigergruß problematisiert, da die Nationalsozialisten – später! – in einigen Sprachformeln ebenfalls das inkriminierte zweite Wort (oder gar „Unwort“?) verwendeten. Festzuhalten ist, daß „Heil“ nicht orignär der „Lingua Tertii Imperii“ (Klemperer) entstammt, somit gewissermaßen nur als Lehnwort dem „Wörterbuch des Unmenschen“ (Sternberger / Storz / Süskind) angehört. Immerhin hat eine Umfrage des DAV ergeben, daß, im Gegensatz zu einigen „Promi“-Alpinisten/innen, die recht große Mehrheit des Fußvolks (pardon, der „einfachen“ Mitglieder) da ganz anderer Meinung ist: und weiterhin mit „Berg Heil“ grüßt. Man sieht: nicht nur im Großen, also Politik, Presse usw. einerseits – und dem „Volk“ andererseits, gibt es die sich nicht selten auftuende Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Wobei die Mehrheit nicht immer „der Unsinn“ (Schiller: Demetrius) sein muß. („Im Großen“ kann als konkretes Beispiel für den weitgefaßten Bereich deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ die „Grass-kontra-Israel-Affäre“ angeführt werden, fast ein Paradebeispiel dafür, wie urplötzlich man es sich mit der veröffentlichten Meinung verderben kann. In einem ähnlich gelagerten Fall kurze Zeit davor bemerkte ein kluger Mann, deutsche Journalisten, Schriftsteller, Politiker und andere im „öffentlichen Leben“ stehende Menschen sollten es in den nächsten 500 Jahren vermeiden, Anspielungen, Andeutungen, Zitierungen etc. zu Themen wie Nationalsozialismus, Juden, Israel zu machen, die nicht hundertprozentig der geltenden „political correctness“ entsprächen.)

Diesem speziellen Risiko war der DAV bisher anscheinend noch nicht ausgesetzt gewesen. Wohl hat er erst relativ spät begonnen – in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts –, sich mit der antisemitischen und nationalsozialistischen Komponente seiner Geschichte auseinanderzusetzen, dafür aber zunehmend um so gründlicher.

Die Herrschaft des Hakenkreuzes bewirkte im DuÖAV, der 1938 zum DAV wurde, aber nicht nur Negatives. In der oben erwähnten Ausstellung und dem dazugehörigen voluminösem Begleitbuch ist ein Kapitel dem Naturschutz gewidmet, und zwar dem alpinen in der Zeit von 1918 bis 1945. Aus diesem Kapitel seien einige Aussagen zum „nationalsozialistischen“ Naturschutz in Theorie und Praxis angeführt.

„Obgleich sich speziell unter den bergsteigerisch orientierten Sektionen Süddeutschlands und Österreichs bereits vorher entschiedene Befürworter eines konsequenten Natur- und Ödlandschutzes befunden hatten, profitierte der Naturschutz im Alpenverein insgesamt von der Zentralisierung der 1930-Jahre, da hierdurch der langjährige Sonderbeauftragte für Naturschutz, Paul Dinkelacker, an Einfluss und Durchsetzungsmacht gewann. Auch der 1938 zum Vereinsvorsitzenden bestellte Arthur Seyss-Inquart charakterisierte den Naturschutz als vordringliche Aufgabe des Alpenvereins. Im Zweifelsfall hatte der Naturschutz aber gegenüber (vermeintlich) dringlicheren Anliegen weiterhin oft zurückzustehen – sei es nun der eigene Hütten- und Wegebau, seien es ,allgemeine‘ Interessen, welche die Alpen als Ressource für Elektrizität und Rohstoffe, als militärisches Übungsgelände oder als Zielobjekt zur Befriedigung kollektiver Erholungs- und Freizeitbedürfnisse heranziehen wollten.“ (Seyß-Inquart, ja, das war der berüchtigte Reichsstatthalter der sogenannten Ostmark [vordem Österreich] und der spätere Reichskommissar der besetzten Niederlande, einer der Angeklagten im Nürnberger Prozeß und 1946 hingerichtet.) „Eine neue Qualität sollte die Naturschutztätigkeit des Alpenvereins nach dem, Anschluss‘ Österreichs im Jahre 1938 erlangen: Dem DAV wurde nun offiziell die Zuständigkeit für den vereinsmäßigen Naturschutz im Alpengebiet übertragen […] Inhaltlich wie räumlich konzentrierte sich die Naturschutzarbeit des Alpenvereins fast ausschließlich auf das alpine (Hoch-)Gebirge. Im Vordergrund stand der Schutz des sogenannten Ödlands. Naturräume jenseits des Hochgebirges gerieten dagegen erst stärker in den Blick, seit dem DAV 1938 die Zuständigkeit für den Naturschutz in den Alpen übertragen worden war. Vorher hatte man sich zu nicht-alpinen Naturschutzkonflikten nur in seltenen Ausnahmen zu Wort gemeldet“, (Zitate aus: Ute Hasenöhrl, Naturschutz. Im oben angegebenen Begleitbuch.)

Im Vergleich zu der Zeit vor 1933 bzw. 1938 hat der Naturschutz im Alpenverein in Theorie und Praxis an Bedeutung gewonnen, – allerdings großenteils „von oben“ dekretiert – doch im Weltkrieg mußte er wieder zurückstecken.

In nicht allzu ferner Zukunft wird es sich zeigen, ob Natur- und nun auch Umweltschutz auf freiwilliger Basis genügend wirksam ist oder ob mehr oder weniger autoritäre staatliche Vorgaben und Maßnahmen hinzukommen müssen.

 

Berg Heil und heile Berge! Bernd Schmeißer

 

Kategorie: Natur & Umwelt

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