Mit dem Rad von Aachen über Vennbahn, Our und Sauer an die Mosel

| 17. März 2016 | Keine Kommentare

Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Aachen und Luxemburg gebaute Eisenbahnstrecke diente ursprünglich zum Eisenerz- und Kohletransport, später auch als militärische Aufmarsch- und Nachschubstrecke. Nach dem zweiten Weltkrieg sank die Auslastung der Strecke beständig, so dass sie 1989 endgültig stillgelegt wurde. Im Jahr 2013 wurde auf der ursprünglichen Bahntrasse ein Fernradweg eröffnet. Der sogenannte Vennbahn-Radweg verläuft heute auf einer Länge von rund 130 Kilometern vom Bahnhof Aachen – Rothe Erde über Monschau und St. Vith bis zum luxemburgischen Ort Trois Vierges, wobei er mehrfach zwischen deutschem und belgischem Staatsgebiet wechselt. Er überwindet dabei von Aachen (180 m ü. NN) bis aufs Hohe Venn bei Lammersdorf (570 m ü. NN) eine Höhendifferenz von rund 400 Metern. Der Belag der Radstrecke besteht zu 90 % aus Asphalt, der Rest ist geschottert; mit einem Rennrad ist er bedingt befahrbar. Nähere Infos über die Vennbahn-Route gibt es übrigens im Internet auf der Seite www.vennbahn.eu. Dort kann man auch eine Karte mit dem genauen Streckenverlauf und vielen nützlichen Informationen (Unterkünfte, Radverleih, Service, Sehenswürdigkeiten, Bahn- und Busverbindungen) bestellen.

Als passionierter Radwanderer wollte ich die Strecke auch einmal unter die Pedale nehmen. Von der Länge her an einem Tag machbar, blieb aber das Problem der Weiter- bzw. Rückfahrt aus dem luxemburgischen Nirgendwo zu meiner Heimatstadt Koblenz. Ich legte mir deshalb folgenden Plan zurecht: frühmorgens Anfahrt mit der Eisenbahn von Koblenz nach Aachen-Hbf., dort Beginn der Radtour; bei Burg-Reuland würde ich nach etwa 120 Kilometern die Vennbahnroute verlassen, um in Stupbach an der Our zu übernachten. Am nächsten Tag dann mit dem Rad noch mal rund 100 Kilometer das Our- und später das Sauertal hinab, immer entlang der deutsch-luxemburgischen Grenze bis nach Wasserbillig an der Mosel, wo ich wieder den Zug nach Koblenz besteigen würde. Am Abend des zweiten Tages könnte ich also wieder zuhause sein.

Anfang August 2015 geht es an einem hochsommerlichen Tag endlich los. Am Montagmorgen um 4:30 Uhr piepst der Wecker. Mit meinem roten 18-Gang-Rennrad, mit dem ich schon so manche Tour in der Heimat und in den Bergen gemacht habe, fahre ich im beginnenden Morgengrauen das kurze Stück zum Koblenzer Hauptbahnhof. In einem kleinen Rucksack habe ich das Nötigste dabei: Karte, Energieriegel, Regensachen, Waschzeug, Wechselwäsche, Fotoapparat und Luftpumpe. Dazu am Rad zwei Trinkflaschen, denn heute soll es sonnig und sehr warm werden. Volle dreieinhalb Stunden dauert die Bahnfahrt über Mönchengladbach nach Aachen-Hauptbahnhof. Das hätte ich mir kürzer gewünscht. Um neun Uhr steige ich in Aachen aufs Rad, der Weg durch die Stadt zum Beginn des eigentlichen Radwanderwegs ist schnell gefunden. Nicht gerade euphorisch, aber froh und zuversichtlich gestimmt fahre ich in den jungen Tag hinein – immer gegen Süden, die Sonne im Gesicht, und immer bergauf. Mit maximal 2 % Steigung geht es relativ beschaulich, aber doch sehr anhaltend während der ersten zwei Stunden bergan. Der lange Anstieg aufs Venn kostet schon die ersten Körner, auch wenn ich ein eher langsames Tempo fahre. Dazu weht den ganzen Tag lang ein kräftiger Gegenwind aus südlicher Richtung, der zusätzlich Kraft kostet. Als die Sonne höher steigt, bin ich für jeden Baum am Rand der Strecke dankbar, der Schatten spendet. Die Landschaft ist nicht allzu spektakulär – Dörfer, Wiesen und Wälder wechseln sich ab. Die ursprüngliche Moor- und Heidelandschaft des Hohen Venns bekomme ich leider kaum zu Gesicht, hier hatte ich mehr Eindrücke erwartet und erhofft. Der Vennbahnradweg ist im Übrigen gut ausgeschildert und kaum zu verfehlen. Heute sind auf der Strecke viele Radfahrer unterwegs: sportliche Rennradler, Paare und Familien jeden Alters, größere und kleinere Grüppchen, viele Holländer. Auffällig sind die zahlreichen E-Bikes, die es auch weniger sportlichen oder betagteren Menschen ermöglichen bzw. erleichtern, eine schöne Radtour zu unternehmen. Die eigentlich bei Monschau geplante Frühstückspause muss ich verschieben, das anvisierte Lokal ist dummerweise ausgerechnet montags geschlossen. Also weiter, eine Banane muss genügen. Nach drei Stunden und knapp 60 Kilometern lege ich um die Mittagzeit bei Kalterherberg-Leykaul eine erste, längere Pause ein. An einem alten Bahnhof gibt es in einem ehemaligen Bahnwaggon frische Waffeln und kühles Bier – ein Genuss und höchst willkommene Stärkung. Ungefähr die Hälfte der ersten Tagesetappe ist geschafft. Dann geht es schon wieder weiter, die Mittaghitze drückt mittlerweile merklich. Es folgt ein 17 Kilometer langer Abschnitt, der nicht mehr asphaltiert, sondern nur noch mit mehr oder weniger feinem Splitt geschottert ist. Sollte ich nicht besser auf die Landstraße ausweichen? Ich probiere es einfach und fahre mit 6 bar Überdruck in den schmalen Slicks so vorsichtig wie es geht, aber dennoch zügig auf der offiziellen Vennbahn-Route weiter. Zu verlockend ist das gleichbleibende Höhenniveau auf der ehemaligen Bahntrasse, zu umständlich erscheint mir die alternative Wegsuche über die unbekannte Landstraße. Es geht alles gut, ein Reifenschaden bleibt mir Gott sei Dank erspart. Dafür plagt mich wieder der Durst, den ich beim alten Bahnhof in Montenau mit einem weiteren Gerstenkaltgetränk vorübergehend stillen kann. Mittlerweile ist es Nachmittag, jetzt gilt es durchzuziehen. Irgendwo in der Nähe bei Sankt Vith registriere aus dem Augenwinkel heraus ein Schild, das die gerade überfahrene Wasserscheide zwischen Maas und Mosel anzeigt. Von nun an geht es also „bergab“. Der neu asphaltierte Radweg führt jetzt abwechslungsreich durch eine richtig schöne Landschaft mit kleinen Bachtälern und stille Wälder. In Auel, einem kleinen belgischen Dorf verlasse ich die ausgeschilderte Vennbahn-Radroute und biege auf die Landstraße ab. Das Dörfchen Auel trägt zufällig denselben Namen wie mein Heimatdorf in der Vulkaneifel. Hier, im belgischen Auel, war ich in meiner Jugendzeit schon mal zu Besuch, dreißig Jahre ist das her. Wie schnell doch die Zeit vergeht! Ich halte kurz an der Kirche an und mache ein paar Fotos. Jetzt ist die erste Tagesetappe fast geschafft, noch ein paar Kilometer geht es über die ruhige Landstraße bis nach Stupbach, das direkt an der deutsch-belgischen Grenze im Tal der Our liegt. Hier beziehe ich in der „Stupbacher Mühle“ mein vorab gebuchtes Zimmer. Die Mühle ist ein ebenso gemütliches wie angenehmes Quartier. Nach dem langen Tag mit knapp 120 Radkilometern über Berg und Tal in hochsommerlicher Hitze genieße ich den Luxus einer Dusche, eines guten Abendessens und eines weichen Bettes. Bis zur einbrechenden Nacht sitze ich vor der Mühle auf der Terrasse, lausche dem murmelnden Fluss und lasse mit Blick auf die Tourenkarte den Tag Revue passieren. Gleichzeitig sind die Gedanken schon bei der Planung des morgigen Tages, für den – leider, leider! – kräftiger und anhaltender Regen gemeldet ist.

Es kommt wie angekündigt, der Wettergott hat kein Erbarmen. Der Morgen begrüßt mich mit grauem, wolkenverhangenen Himmel und den ersten Regentropfen. Um neun Uhr fahre ich los, zwar gut gestärkt durch ein üppiges Frühstück, aber schon in leicht bedrückter Stimmung. Die Tropfen wachsen sich bald zu einem beständigen Landregen aus. Erst ziehe ich die Windstopperjacke über, kurz danach Regenjacke und Überhose. Es nützt nichts, ich muss weiter. Auf der Landstraße folge ich ein Stück dem Grenzfluss hinab bis nach Ouren, wo ich am Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und Luxemburg die Our überquere. Aus dem Ourtal führt ein asphaltierter Wirtschaftsweg steil den Berg hinauf, den ich bei der Nässe und in den dicken Klamotten nicht fahren will. Schieben ist angesagt, knapp zwei Kilometer weit, aber das ist jetzt auch egal. Als ich die windige Eifelhochfläche erreiche, geht es zügig über Dahnen nach Dasburg, wo ich wieder ins steile Ourtal hinab rolle. Jetzt geht es immer dem vielfach gewundenen Fluss und der Staatsgrenze entlang, im strömenden Dauerregen, bis das Wasser in den Schuhen steht und alles klitschnass und kalt ist. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt angelangt. Notgedrungen halte ich irgendwo neben der Straße an einem Campingplatz an, um einen warmen Tee zu trinken und mich etwas abzutrocknen. Die Pause tut gut. Gegen Mittag hört endlich der Regen auf und ich kann weiter fahren. Ursprünglich hatte ich einen Stopp in den malerischen Städtchen Vianden und Echternach eingeplant, aber unter diesen Witterungsbedingungen, mit klammen Klamotten und eiskalten Füßen, wird daraus nichts. Die Strategie heißt jetzt: möglichst rasch und ohne Umschweife zur Eisenbahn und dann ab nach Hause. Hinter Vianden wechsle ich kurz auf die deutsche Seite, ab Wallendorf geht es wieder auf der luxemburgischen Seite weiter, jetzt entlang der Sauer. Wo es geht, meide ich den nassen und oft verdreckten Radweg neben der Straße und fahre zusammen mit den Autos über die gut ausgebaute Landstraße. Wie so oft werden auch hier die Radfahrer gegenüber den motorisierten Verkehrsteilnehmern benachteiligt und auf umständliche Nebenstrecken abgedrängt. Der Himmel bleibt grau und bedrohlich, zwei kurze Regenschauer sitze ich im Unterstand an der Bushaltestelle in Bollendorferbrück und Steenem aus. Schade, bei gutem Wetter ist die Landschaft bestimmt sehenswert und das Radeln auf dem Uferweg ein Genuss. Heute bleibt aber mein Blick eingeengt auf die dräuenden Regenwolken und den kürzesten und besten Weg zum Zielpunkt des Tages. Endlich zeigen sich an den Berghängen die ersten Weinberge, die Mosel kann nicht mehr weit sein! Ich verspüre eine gewisse Erleichterung und Genugtuung, als ich nachmittags um halb vier den Endpunkt meiner Radtour erreiche. In Wasserbilligerbrück an der Mündung der Sauer in die Mosel schieße ich noch ein paar Beweis- und Erinnerungsfotos. Ein Genuss war die heutige Etappe bestimmt nicht, aber schon eine Leistung, auf die ich ein wenig stolz sein kann – immerhin kamen wieder knapp 100 Kilometer zusammen. Vom Bahnhof in Wasserbilligerbrück geht es dann mit dem Zug entspannt und ohne Umwege zurück nach Koblenz, wo ich am frühen Abend ankomme. Das letzte Stück auf dem Rad vom Hauptbahnhof nach Hause ist nicht mehr der Rede wert, soll aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

So ziehe ich am Ende der Radtour ein zwiespältiges Fazit. Einerseits konnte ich endlich den schon lange ausgetüftelten Tourenplan ohne Abstriche realisieren. Am ersten Tag war ich ja auch bei bestem Wetter auf einer historisch bedeutsamen Strecke unterwegs. Dass ich andererseits tags darauf im Regen abgesoffen bin, war ein an sich vermeidbarer, aber bewusst eingegangener Kompromiss bei der Terminauswahl. So ist es halt im Leben, so war es auch bei dieser Tour: Licht und Schatten, Freude und Leid liegen manchmal ganz eng beieinander. Und, wie so oft bei meinen hoch gesteckten Zielen, ist das Tourenprojekt, zumal unter den widrigen Bedingungen, am Ende wieder mal zum Kampf gegen das eigene Ego ausgeartet. Die Erfahrung sagt mir aber, dass die Erinnerung an die Mühsal bald verblassen wird. Bestehen bleibt aber die große Linie, die ich das Privileg hatte, aus eigener Kraft bewältigen zu können.

 

Peter May

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Kategorie: Klettergruppe

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