Mein Weg zum IFSC Paraclimbing Weltcup Briancon

| 24. September 2017 | Keine Kommentare

Den ganzen Bericht + Video findet ihr auch hier: https://sebastian-depke.de/2017/09/21/video-und-bericht-mein-weg-zum-ifsc-paraclimbing-weltcup-briancon-bechti2go-12/

Mein Weg zum Paraclimbing beginnt mit Es Pontas auf Mallorca, der berühmte Felsbogen aus dem Film „King Lines“, der einst von Chris Sharma erstbegangen wurde. Was hat das ganze nun mit Paraclimbing zu tun? Ganz einfach: Genau dort traf ich Jernej Kruder, der sich im Jahr 2016 die erste Wiederholung von Es Pontas sicherte und ich war mehr oder wenig „zufällig“ bei den letzten Filmarbeiten mit meinen Freunden vom Camperhof auf Mallorca mit dabei … Jernej Kruder hat mir dann vom Paraclimbing erzählt und ich hatte bislang noch nie etwas davon gehört.

Natürlich wusste ich, dass es Lead, Speed und Bouldern als Wettkampfformat gibt, aber ehrlich gesagt hatte mich die „Plastik-Wettkampfkletterei“ nie sonderlich interesiert, geschweige denn nur ein einziges Video davon gesehen. Ich klettere nun seit ca. 18 Jahren (seit dem 13. Lebensjahr) und und habe im Alter von 21 die Diagnose „Morbus Bechterew“ erhalten – eine rheumatische Erkrankung, die in Schüben verläuft und zu dramatischen Einschränkungen führen kann. In meinem Fall führte es dazu, dass meine Hüfte sowie die gesamte Wirbelsäule bis auf ein paar cm Restbeweglichkeit komplett unbeweglich sind. Kann man so noch klettern? Aber natürlich! Zu meinen schlimmsten Zeiten habe ich fast im Rollstuhl gesessen und ich konnte 2 Jahre nur mit Krücken laufen – aber schon zu dieser Zeit haben mich meine Freunde wieder mit raus an den Fels nach Ettringen genommen, bin mit Krücken 45 min vom Parkplatz herunter an den Einstieg zur Großen Wand gelaufen (normale Gehzeit: ca. 5 Minuten) und dann tatsächlich abgehoben…irgendwie. Klettern verlernt man einfach nicht – und genau hierbei entstand auch Bechti2go Folge 1!

Nach einem harten Kampf konnte ich die Krücken wieder zur Seite stellen und habe mir meine Eigenständigkeit und Mobilität Stück für Stück wieder neu erobert – ein Prozess, der bis heute andauert und jeden Tag aufs neue angepackt werden will. Dabei spielt klettern eine wichtige Rolle: Gerade bei Morbus Bechterew ist Bewegung ein ganz wesentliches Therapieelement und Klettern war somit nicht nur „Spaß“, sondern manchmal auch knallharte Therapie. Natürlich habe ich keine Chance mehr mein damaliges Niveau zu klettern, Routen, die ich einst in Ettringen eingebohrt habe, kann ich höchsten noch von unten anschauen … was für mich persönlich keine Rolle mehr spielt. Gestern ist gestern, heute ist heute. Die Schwierigkeit beim Klettern ist für mich sowieso nicht direkt mit Spaß und Freude beim klettern gekoppelt: Einfache Routen können wunderschön sein und wirklich viel Spaß machen, schwere Routen können bescheiden und garstig sein (und natürlich auch umgekehrt).

Zurück ins Jahr 2016, ich habe über das Internet Kontakt zu Christoph Reichert, dem Trainer des Paraclimbing Team Germanys aufgenommen und mich vorgestellt. Eine erste Teilnahme an einem offenen Trainingstreffen des Teams in München im Februar 2017 folgte und dieser Tag war für mich wirklich besonders: Zum ersten Mal war ich nicht die „Ausnahme“ beim klettern, sondern nur eine kleinen aber feinen Truppe kletterverrückter Menschen, von denen ein jeder seine eigene Geschichte hat, die unter die Haut geht … Amputationen, schwerste Unfälle oder Krankheiten, Rollstuhl, Lähmungen, ja so manch einer ist dem Tod nochmal schnell davon geklettert! Keiner steckt hier den Kopf in den Sand, sondern packt es einfach an. Jeder hat seine ganz eigene Kompensationsstrategien mit seinen Einschränkungen trotzdem vom Boden abzuheben – für mich eine große Inspiration, Motivation und auch tiefsten Respekt für jeden einzelnen. Es folgten einige weitere Trainingstreffen, meist in Süddeutschland und relativ schnell haben sich hier auch Freundschaften entwickelt, die über die Trainings- und Wettkampftermine hinaus gehen.

In der Folge habe ich zusammen mit meinen Therapeuten im Ambulanten Rehazentrum Koblenz mein Trainings- und Therapieprogramm spezieller aufs Klettern ausgerichtet und bei den Münchener Stadtmeisterschaften im Juli 2017 meinen ersten Wettkampf überhaupt geklettert. Glücklicherweise habe ich durch meine Arbeit in der IT große Freiheiten und bin meist an keinen festen Arbeitsort oder Arbeitszeiten gebunden, kann also mein Leben rund um Training, Therapie und Reisen sehr frei gestalten.

Damit im Wettkampf eine Vergleichbarkeit und Fairness hergestellt werden kann, werden die Paraathleten in unterschiedliche Klassen unterteilt. Hier gibt es drei große Kategorien: Blinde und Sehbehinderte, Neurologisch/physiologische Einschränkungen und Amputationen. In jeder der Kategorien wird nochmals genauer nach Schweregrad oder Art der Einschränkung unterschieden, die niedrigsten Zahlen kennzeichnen jeweils die schwersten Einschränkungen:

Blind oder Sehbehinderung: B1, B2, B3
Neurologisch/physiologische Einschränkung: RP1, RP2, RP3
Amputation Arm: AU1, AU2
Amputation Bein: AL1, AL2

Insgesamt gibt es also 10 Klassen für Männer und Frauen, insgesamt also 20 verschiedene Wettkampfklassen! Für Weltcups oder Weltmeisterschaften gibt es fest vorgeschriebene Regularien der IFSC, die eine Mindestteilnehmerzahl pro Kategorie vorschreiben, wird diese nicht erfüllt, müssen die Teilnehmer dieser Klasse in einer anderen ähnlichen Klassen starten, was leider jedoch aufgrund der sehr unterschiedlichen Leistungsniveaus zu sehr vorhersehbaren Ergebnissen führt.

Ende Juli 2017 stand dann der erste IFSC Paraclimbing Weltcup auf dem Programm. Mit dem Bus machte sich das Team über die Schweiz und Italien auf den Weg durch die Alpen nach Briancon in Südfrankreich. Hier fand die gesamte Woche eine Wettkampfveranstaltung nach der anderen statt, unter anderem auch der Paraclimbing Weltcup und der Lead Weltcup. Über 60 Athleten aus 12 verschiedenen Ländern (sogar aus Kanada, Iran, Indien) waren registriert, insgesamt kamen 8 von 20 möglichen Kategorien zustande. Hier zeigt sich, dass Paraclimbing trotz seiner Existenz seit 2011 noch ein enormes Bekanntheitsproblem hat, ich bin sicher, dass es viele Menschen mit Behinderungen gibt, die nur nicht mit dabei sein, weil sie (wie ich) bisher einfach nichts davon wussten …

Das Paraclimbing Weltcupformat besteht aus zwei Qualifikationsrouten, gewertet wird die maximal erreichte Weite. Das Finale für die besten Athleten der Qualifikation besteht aus einer Route, geklettert wird jeweils Toprope. Ein IFSC-Arzt bestätigte meine Einstufung in die Klasse der schwersten neurologisch/physiologischen Einschränkungen, RP1. Die Qualifikationsrouten waren in etwa UIAA 5+/6- und 6+/7-, die Finalroute (geschätzt) noch ein wenig schwerer. Für mich endete der erste Weltcup mit einem 5. Platz bei 7 Teilnehmern in der Kategorie RP1.

Auch hier war es wieder unheimlich inspirierend und beeindruckend zu sehen, wie die anderen Athleten die Routen meistern – blinde oder sehbehinderte Athleten haben einen Partner am Boden stehen, der über ein Headset die Züge ansagt. Blindes Vertrauen ist hier im wahrsten Sinne des Wortes gefordert, die Finalroute der Männer war (geschätzt) im 8. Grad. Bei den Beinamputationen oder der RP3 gehen die Schwierigkeiten sogar (geschätzt) bis in den 9. Grad.

Hier die Ergebnisse des Deutschen Teams:

MEN AU-2:
1. Platz: Kevin Bartke
3. Platz: Andreas Band

MEN RP1:
1. Platz: Nils Helsper
4. Platz: Korbinian Franck
5. Platz: Sebastian Depke

MEN RP2:
3. Platz: Michael Füchsle
4. Platz: Florian Singer

MEN RP3:
9. Platz: Peter Kunze

MEN AL2:

11. Platz: Günther Grausam
12. Platz: Thomas Meier

Neben dem Wettkampf haben wir natürlich den umliegenden Felsen einen Besuch abgestattet und den französischen Granit genossen …

Text: Sebastian Depke

Stichworte:

Kategorie: Wettkampf

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