Höhenwege am Kaunergrat

| 22. August 2018 | Ein Kommentar

Der Naturpark Kaunergrat ist wohl das eindrucksvollste und wildeste Revier der Ötztaler Alpen. Kein Wunder, dass in diesem Urgestein fast nur die Höhenwege genutzt werden. Wir haben im Bergsommer 2018 diesen Naturpark besucht.

Die feine kleine Wir beginnen unsere Tour in Feichten im Kaunertal. An der Westflanke des Schweikert steigen wir steil durch Waldgebiet (01) bis zur Verpeilalpe auf. Nun geht es weiter über einen schönen Wandersteig entlang des Verpeilbaches ins wildromantische Verpeiltal (02.1) hinein. Schließlich öffnet sich das Idyll eines flachen Wiesenbodens auf dem die Verpeilhütte (02.2) (2.025m) steht – von hohen Felsflanken eingefasst. Eine junge Frau, die Hüttenwirtin Agnes, begrüßt uns herzlich. Vor uns steht nach einem 3/4 Jahr Umbau, am Vortag fand die Einweihungsfeier statt, eine sehr feine kleine und gemütliche Hütte: die Fassade in schlichtem Grau, die Inneneinrichtung aus Zirbenkiefernholz und schwarzem Naturstein. Wenige Schritte von der Hütte entfernt lädt eine Bergkapelle (03) zum Verweilen ein. Hier sind unsere Gedanken bereits auf den nächsten Tag gerichtet: wir brauchen für die anspruchsvolle, steile und mühsame Etappe unbedingt gutes Wetter. Aber noch haben wir einen Nachmittag vor uns, den wir rund um die Verpeilhütte nutzen wollen. Das Ziel von Conny, Elisabeth, Burkhard, Daniel und von mir soll der Schweikertsee auf 2.680m sein. Aber zuvor muss der steile Steig über das Roßkarle (2.800m) überwunden werden. Wir schaffen es nicht: bei 2.600m brechen wir ab. Die Zeit für den Rückweg wird zu knapp. Wir genießen die Sicht auf den Oberen und Unteren Verpeilferner (04). Wolfram und Michael wollen auf den Mooskopf (2.532m) steigen. Sie verpassen den Abzweig und landen stattdessen auf dem Gipfel (05) des Madatschkopfes (2.783m). Der nächste Tag sichert uns gutes Wetter zu.

Der Maßstab Die heutige Etappe verspricht uns einen rasanten Auf- und Abstieg. Auf dem Weg zur Kaunergrathütte seht uns die hochalpine Überschreitung des Kaunergrates am Aperen Madatschjoch bevor. Diese Schlüsselstelle setzt Maßstäbe. Wir brechen zeitig auf (06). Anfangs begleiten uns noch Wiesenhänge mit üppigen Alpenrosen. Doch schon bald richtet sich unser Blick auf die wild zerklüfteten Madatschtürme (07), die sich wie schroffe Felskastelle unnahbar vor unseren Augen aufbauen. Wir winden uns über Schuttmoränen hinauf, vorbei an einem kleinen Schmelzwassersee, der vom Madatschferner gespeist wird. Im Gletschervorfeld (08) verlieren sich die Wegspuren im Geröll allmählich. Wir kommen nichtumhin den Gletscher (09, 10) für unseren Aufstieg zu nutzen. Seilversichert, mehr kletternd (11) als gehend, erreichen wir den Grat (12), das Madatschjoch (3.030m) und werden mit einem sagenhaften Rundblick über die umliegenden Berge belohnt: ein herrlicher Weitblick über Geigenkamm und Stubaier Alpen im Osten, Lechtaler Alpen im Norden und Verwall im Westen. Der kurze, klettersteigähnliche Abstieg (13) ist sehr luftig, anspruchsvoll und fordernd . Über Moränengelände geht es nun hinab zur Hütte (14) (2.817m). Sie besticht durch ihre Ursprünglichkeit und die hochalpine Umgebung und wird dabei eingerahmt von der nicht zu übersehenden mächtigen Watzespitze (3.533m) und von der Verpeilspitze (3.425m). Der Hütteneingang (15) ist liebevoll gestaltet, der Gastraum (16) sehr freundlich und mollig. Geschafft genießen wir ein Weizen auf der Sonnenterasse. Von der Terrasse geschützt gedeihen hier in einem kleinen Kräutergarten Petersilie, Schnittlauch, Liebstöckel, Johanniskraut, … auf einem Hochbeet lässt sich Pflücksalat ernten. Die Versorgung der Hütte erfolgt ausschließlich mit dem Hubschrauber. Von der Kapelle St. Martin blicke ich weit in das Plangeroßtal hinein; der Cottbusser Höhenweg schlängelt sich dort entlang.

2 x 3.000 Wir bleiben aber noch einen weiteren Tag auf dieser rauen Hochgebirgsarena. Das Thermometer zeigt am Morgen +4°C, die Wolken hängen tief, da helfen Zwiebellook und Handschuhe. In der Hoffnung, dass das Wetter aufzieht, starten wir mit Tagesgepäck von der Kaunergrathütte in Richtung Verpeilspitze. Auf einem Schneefeld (17) des Plangeroßferners werden unsere Grödel getestet. Vorbei am höchstgelegenen Hochgebirgssee (3.020m) am Kaunergrat erreichen wir über Blockgelände den Gipfel (18) des Plangeroßkopfes (3.053m). Aus den Wolken fällt jetzt Graupel – das Vorhaben Verpeilspitze ist damit vom Tisch. Nicht vom Tisch ist meine Suppe am Mittag in der Hütte. Nach einer kurzen Aufwärmphase nehmen wir uns am Nachmittag den zweiten 3.000er vor. Von einzelnen Sonnenstrahlen begleitet geht es auf einem stets ansteigenden Steig entlang einer Schotterflanke zum Steinbockjoch (19). Von hier haben wir den Dreihüttenblick: Rüsselsheimer Hütte, Braunschweiger Hütte, Kaunergrathütte. Auch das orangefarbene Rheinland-Pfalz-Biwak auf dem Mainzer Höhenweg ist deutlich im Sonnenlicht zu erkennen. Auf dem Ostgrat gelangen wir über Blockwerk und leichter Kletterei auf den Gipfel (20) der Parstleswand (3.091m).

700m über dem Abgrund Der lange Abstieg durch das Plangeroßtal auf dem Cottbuser Höhenweg veranlasst uns immer wieder zur Kaunergrathütte und zur Watzespitze zurückzublicken (21). Aber wir freuen uns jetzt auch auf die vor uns liegenden Landschaftsbilder. Abwechselnd über Blockfelder sowie relativ steile Gras- und Schrofenpassagen, die vorübergehend auch einmal an den Nerven kitzeln, queren wir die Hänge über dem Unteren Plangeroßtal bis zu einer ausgeprägten Geländeschulter – ein herrlicher Rastplatz (22) wie auf einem Balkon – 700m über der Sohle des Pitztales. Gegenüber schinden die 3.000er des Geigenkammes mit Puitkogel und Hoher Geige Eindruck. Mit einer seilversicherten Passage (23) queren wir eine tiefe Geländerunse. Wir steigen in eine nasse Schlucht ab und gegenüber fast ebenso steil wieder hinauf – das einzige größere Hindernis auf diesem Steig. Bald schon erreichen wir einen Abzweig zum Brandkogel (2.677m) dessen Gipfel (24) im Berglauftempo von Wolfram, Michael und Daniel mitgenommen wird. Schließlich breitet sich Österreichs höchstgelegener Bergsee vor uns aus. Der Riffelsee (25.1) liegt malerisch eingebettet in der Pitztaler Bergwelt vor uns und bietet Europas höchste Floßfahrt an. Wir richten uns auf der Riffelseehütte (2.293m) ein.

2 x Traumwege Heute sind 13 Sonnenstunden vorausgesagt. Zu unserem nächsten Ziel, dem Taschachhaus, führen zwei Höhenwege. Gemächlich zieht sich der Fuldaer Höhenweg auf meist grasigen Flanken und einigen kurzen versicherten Passagen über dem Taschachtal entlang. Die große Weite und der Anblick der zum Greifen nahen Gletscherriesen prägen das Erlebnis dieser vorletzten Etappe – eine wundervolle Panoramastrecke. Im zauberhaften Licht des heutigen frühen Morgens ist sie einfach ein Traum. Conny, Elisabeth und Burkhard entscheiden sich spontan für diese Variante. Daniel, Michael, Wolfram und ich stellen sich den Herausforderungen des Offenbacher Höhenweges. Entlang des Riffelbaches (25.2) mit Wasserfällen und Schneefeldern gelangen wir zum Riffelferner. Die Grödel werden für die Passage über das steile Eisfeld am Anfang und für die anschließende Querung des Ferners (26) benötigt. Jetzt nur noch 300Hm Kletterei (27) über den Nordgrat auf den Gipfel des Wurmtaler Kopfes (3.328m) – ein Aussichtsgipfel mit beeindruckendem Panoramablick (28) auf die Ötztaler Gletscherwelt. Der Abstieg führt durch das Tal des Eiskastenbaches. An einem kleinen See unter dem Vorderen Eiskastenferner sehen wir zwei Personen sitzen: bald erkennen wir Elisabeth und Conny. Eine wahrhaft gelungene Überraschung (29) auf dieser Traumetappe in einem sonst absolut menschenleeren Gebiet. Sie sind uns bis auf 2.800m entgegengekommen. Gemeinsam erreichen wir das Taschachhaus (2.434m) welches mit zahlreichen Ausbildungsgruppen randvoll ist. Burkhard hatte aber für uns bereits beste Schlafplätze besorgt. Hier treffen wir auch Heike und Friedhelm die einen Hochtourenkurs leiten. Von den Liegestühlen aus genießen wir einen packenden Blick in die Eisbrüche des Taschachferners.

Das Finale Die Schlussetappe ist alles andere als ein Spaziergang. Der Pitztaler Gletschersteig zählt aber zu den schönsten hochalpinen Routen in den Ostalpen. Landschaftlich wie alpinistisch eine absolute Königstour und nur bei guten Verhältnissen machbar und diese haben wir heute. Der Rimlsteig führt uns bis zum Taschachferner. Der Anblick des Ferners (30) und die bevorstehende Querung flößt uns Respekt ein. Da hinüber? Wo ist der Anfang – wo das Ende? Wir sind beeindruckt! Es dauert bis wir die rote Markierung auf der gegenüberliegenden Seite finden. Wolfram hat sein Fernglas zur Hand – dann ist die Richtung klar. Grödel (31) werden angelegt. Die Querung (32) des vereisten Gletschers verläuft problemlos. Jetzt noch 1.100Hm Aufstieg. Wir überwinden die recht neu versicherte Seitenmoräne (33, 34) und gehen auf dieser weiter aufwärts bis zu einem kleinen See. Immer rechts tief unter uns der Taschachferner. Sehr eindrucksvoll der Blick (35) auf die Wildspitze, höchster Gipfel Tirols, mit ihren Gletschern und dem größten Eisbruch der Ostalpen. Ab dem See sind es noch einmal mühevolle 440Hm; Kargelände und Schneefelder machen dabei die Suche nach dem richtigen Weg wieder spannend. Den Abschluss des Gletschersteiges (36) bildet der „Hinseler Step“, ein schmaler, gesicherter und recht bröseliger Grataufstieg. Wir sind auf dem Gipfel des Hinteren Brunnenkogels (3.440m) – höchster Punkt unserer Tour. Das Stück Torte im höchsten Café Österreichs (37), im Café 3.440, lassen wir uns bei allerbester 360° Rundumsicht schmecken. Die 1.700Hm hinab in das Pitztal bringen uns Wildspitzbahn und Gletscherexpress.

Wir beenden unseren – leicht alpin gewürzten – Besuch im Naturpark Kaunergrat mit fünf Hüttenübernachtungen, der Besteigung von vier 3.000ern, drei Höhenwegen, zwei 2.000ern und einem Gletschersteig. Mit Bus und Bahn reisen wir bequem nach Koblenz.

Text: Volker Glöß

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Kategorie: Aktuell, Allgemein, Bergsteigergruppe, Berichte, Kursanmeldung

Kommentare (1)

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  1. Oliver Gonzalez sagt:

    Schöne Tour 🙂
    Piztal ist einfach Super.

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