Herbstsonne am Sainte Victoire

| 25. Oktober 2013 | Keine Kommentare

Montagne-Sainte-Victoire

Vive la France! Auf in die Provence, auf zum Montagne de Sainte Victoire! Das war Motto und Ziel unserer Kletterfahrt in den Herbstferien 2013. Aus der Klettergruppe der DAV-Sektion Koblenz trafen sich André, Barbara N., Katrin, Magda, Mela, Peter M., Tina und Tomi im kleinen Örtchen Beaureceuil nahe Aix-en-Provence. Ganz in der Nähe des gewaltigen Bergmassivs gelegen, war der Campingplatz „Cezanne“ unser Basislager für die nächsten zehn Tage.

Der Montagne de Sainte Victoire ist eines der traditionsreichsten Klettergebiete im Süden Frankreichs. Während Sportkletterer sich in Hunderten von Baseclimbs vergnügen können, finden Liebhaber von alpinen Mehrseillängenrouten etliche Möglichkeiten, auf einem der „Grand Parcours“ durch die fünfhundert Meter hohe Südwand zu steigen. Dazu erschließen mehrere sportliche Wanderwege, die auch als Zu- und Abstiegswege genutzt werden können, die fünf Kilometer breite Wandflucht. Generell ist das Klettern am Sainte Victoire sehr technisch: Reibungskletterei, viele Platten, keine oder wenige Überhänge. Der Fels ist ganz überwiegend bombenfester Kalkstein. Dafür ist die Absicherung oft kühn, Hakenabstände von fünf Metern oder mehr sind keine Seltenheit. In den klassischen Alpinrouten gibt es nur geschlagene Haken, die Standplätze müssen ergänzt oder selbst eingerichtet werden. Und bevor der Kletterspaß beginnt, muss man einen mehr oder weniger längeren Fußmarsch in Kauf nehmen und den Sektor bzw. den Einstieg in die Mehrseillängenroute erst einmal finden. Für Herausforderungen unterschiedlicher Art war also gesorgt.

Nachdem wir die Ausrüstung ergänzt hatten (ärgerlich, wenn man sein Zeltgestänge zu Hause liegen lässt …) ging es am Tag nach der Ankunft gleich an den Fels. An diesem und den zwei folgenden Tagen akklimatisierten wir uns im größten und beliebtesten Sektor „Deux Aiguilles“. Hier stand neben gut gesichertem Genussklettern das anspruchsvolle Sportklettern im Fokus unseres Interesses; mehrfach wurde der sechste Franzosengrad angetestet. Weder der anfängliche Mistral noch die nächtlichen Gewitter und Regengüsse konnten unseren Kletterdrang bremsen. Nach drei Tagen Sportklettern hatten wir allerdings schon einiges an Fingerhaut und Nerven gelassen. So legten wir am vierten Tag einen „Erholungstag“ für Leib und Seele bei einer entspannten Wanderung ein. Mit erfreulich leichten Rucksäcken und bei bestem Wetter erstiegen wir auf dem „tracé noir“ den markanten Gipfelgrat mit dem weithin sichtbaren Croix de Provence. Ein lustiger Weg nicht ohne alpinen Anspruch, der kurz vorm Ende durch eine riesige Höhle zum höchsten Punkt führt. Der Abstieg über den blauen, roten und braunen Steig zog sich dann doch etwas in die Länge, wurde aber dank Kraxelstellen, alten Ruinen am Wege und Sammeln von Küchenkräutern nie langweilig.

Nach unserem Ruhetag gingen wir am fünften Tag größere Ziele an: mit Tina kletterte ich den oberen Teil des Ultraklassikers „Grand Parcours“. Die Route führt auf einer logischen und sehr ästhetischen Linie über vierzehn Seillängen vom Wandfuß bis zum Gipfel des „Signal“ und bietet bei alpiner Absicherung Kletterschwierigkeiten bis 5c+ (oder A 0). Die abgespeckte Schlüsselstelle, eine überhängende Verschneidung, in Kombination mit dem lästigen Kletterrucksack und einer nachdrängenden Seilschaft bewegte mich, ohne langes Zaudern beherzt in das rettende Pärchen zu greifen. Egal, auch so eine große Tour und für mich persönlich ein ganz besonderer Erfolg, nachdem ich vor drei Jahren einen ersten Begehungsversuch mit Katrin wegen Wind und Kälte nach den ersten sechs Seillängen der Route abbrechen musste. Für mich eindeutig der Höhepunkt des Kletterurlaubs und die Erfüllung eines alten Traums (Danke, Gerd, für die Inspiration!) Nach einer Stunde Zustieg, vier Stunden Klettern und zwei Stunden Abstieg über den tracé noir waren wir abends rechtschaffen platt. Auch Tomi ließ sich nicht lumpen und kletterte den unteren Teil des Grand Parcours (sechs Seillängen bis 5c) mal so eben solo mit Selbstsicherung durch Fixseil und Grigri. Andre, Mela, Katrin und Barbara waren derweil im Sektor „Zulu Band“ im weiter östlich gelegenen Gebiet St. Ser.

Nach unseren alpinen Abenteuern legten wir noch mal einen Tag Kletterpause ein. Ein Teil der Truppe fuhr nach Cassis, um die landschaftlichen Schönheiten der steilen Felsenküste mit den berühmten Calanques zu erwandern. Das kristallklare Wasser des Mittelmeers war so verlockend, dass wir nicht widerstehen konnten, zumindest einmal kurz darin einzutauchen. Bei dem spätsommerlichen Wetter, das wir hatten, eine wahre Erfrischung! Und immer wieder traumhafte Aussichten und Fotomotive – fast schon kitschig schön. Das bewusste Erleben der Landschaft war uns ein willkommener Ausgleich für das viele Klettern, bei dem die Wahrnehmung der Umgebung durch die Konzentration auf das Wesentliche oft recht eingeschränkt ist. André, Mela und Barbara erlebten dagegen ihr alpines Abenteuer in der Sieben-Seillängen-Route „Arete des trois Pointes“ (AD, 170 m, 4c), inklusive Abseilfahrt durch das steile, zugewachsene Couloir Suberoque. Für Barbara die erste alpine Mehrseillängentour, in der sie gleich das volle Programm „genießen“ durfte. Gut gemacht! Auf dem Zeltplatz trafen alle wieder zusammen, um den Tag wie gewohnt zu beschließen: in der sinkenden Abendsonne erst mal ein, zwei Bier auf die Klettererfolge. Danach schon etwas angeschwipst Duschen, Kochen und Essen. Dazu wieder Bier, Rotwein oder Pastis (auch Wasser wurde getrunken!), vielleicht noch Spülen, Quatschen bis spät in die Nacht, irgendwann todmüde ins Zelt fallen. Überhaupt war das gemeinschaftliche Kochen und Essen neben dem Klettern wichtigster Bestandteil des Urlaubs. Wobei die Ansprüche (und Geschmäcker) durchaus unterschiedlich waren: Minimalisten begnügten sich mit einer Dose Eintopf oder einem schnellen Nudel-Tütengericht, Knobi-Liebhaber kreierten immer wieder neue Variationen desselben Themas und die ausgesprochenen Feinschmecker unter uns zelebrierten Mehrgangmenüs, die manchem Sternekoch zur Ehre gereicht hätten. Satt sind wir jedenfalls alle geworden.

In den letzten beiden Tagen zog es uns wieder um zu den kürzeren, gut gesicherten Sportklettersektoren am Wandfuß des Sainte Victoire. „Kürzer“ und „gut gesichert“ sind hierbei relativ zu verstehen. Tomi und Tina stiegen mit Rucksack durch eine Dreiseillängentour und manch andere Route erreichte locker die 40 Meter. Auch waren die Hakenabstände in den plattigen Routen stellenweise recht sportlich, um nicht zu sagen, furchteinflößend. Wer glaubte, überall und jederzeit einen Franzosenfünfer locker hoch spazieren zu können, wurde spätestens hier eines Besseren belehrt. Aber natürlich gab es auch jede Menge griffige, steile und wirklich gut abgesicherte Routen, in denen man bedenkenlos ans persönliche Limit gehen konnte. Schwierigkeiten bis 6b onsight bzw. 6c a. f. wurden so geklettert. Am vorletzten Tag im Gebiet St. Ser kam wieder ein heftiger, dazu recht kalter Mistralwind auf, der uns fast aus der Wand geblasen hätte. Der letzte Tag an den Deux Aiguilles verwöhnte uns dagegen noch mal mit sonnigem, perfektem Kletterwetter – wie wir überhaupt großes Glück mit dem Wetter hatten. An jedem Tag konnten wir draußen etwas unternehmen, sei es Klettern, Wandern – oder Kochen. Insofern hat sich die lange Fahrt in die Provence auf jeden Fall gelohnt. Neben den vielen Klettertouren, dem tollen Wetter und der schönen Landschaft hat nicht zuletzt die tragfähige Harmonie innerhalb der Gruppe maßgeblich dazu beigetragen.

Besonders zu erwähnen bleibt noch, dass auch Katrin, die Leiterin der DAV-Klettergruppe, ihren ganz persönlichen Erfolg verbuchen konnte. Nach Ihrer Bandscheibenoperation vor zehn Monaten, Reha-Phase und langer Kletterpause hat sie die körperliche Belastung beim Klettern und Wandern zwar nicht ganz ohne Schmerzen, aber insgesamt doch recht gut verkraftet. Weiter so!

Zum Schluss noch eine kleine Zahlenspielerei für die Statistiker unter uns: überschlägig auf die gesamte Gruppe hochgerechnet, kommt man bei durchschnittlich etwa 5 Routen bzw. Seillängen pro Tag, 6 Klettertagen und 7 Personen auf die stolze Summe von zirka 210 Seillängen und bei einer durchschnittlichen Seillänge von 20 Metern auf rund 4.200 Klettermeter! Gut vier Kilometer Sport- und Alpinkletterei ohne ernsthafte Stürze, Steinschlag oder Verletzungen – es darf ruhig einmal gesagt werden, dass diese „Leistung“ durchaus auch als Beleg für den guten Ausbildungsstand und die große Erfahrung der Mitglieder der Klettergruppe verstanden werden kann. Auch wenn (oder gerade weil) wir uns nicht als „Leistungssportler“ begreifen: unseren Spaß, die Freude am Klettern – die hatten wir!

Peter May

 

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Kategorie: Klettergruppe

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