Großer Berg in homöopathischen Dosen: Weisshorn-Nordgrat

| 6. Oktober 2012 | 3 Kommentare

Das zwischen Randa (Mattertal) und Zinal (Val d’Anniviers) gelegene Weisshorn (4.506 m) bedarf kaum noch ein Wort der Beschreibung: Seine ebenmäßig pyramidale und majestätisch anmutende Form mitsamt der sternförmig auseinanderstrebenden Grate sind jedem Alpinisten – nicht zuletzt aus wagemutig-sehnsüchtigen Träumen – wohl bekannt. Die Anstiege auf diesen Berg sind ausnahmslos lang und schwierig. Der 1898 – lange nach der Erstbesteigung des Gipfels 1861 und als letzter der drei Grate – erstbegangene Nordgrat „ist – optisch und alpinistisch – vielleicht der schönste kombinierte Grat der Walliser Berge. Es handelt sich um eine grosse klassische Tour“ (Banzhaf/Biner/Burgener).

Welcher Bergsteiger kann einer Tour solcher Superlative schon widerstehen? – Für uns stand die Sache also längst fest. Die Frage war nur die nach dem „Wie?“: Wie geht man eine schwierige Tour (IV/ZS+) an, die erst beim Tagesziel anderer Bergsteiger (dem Bishorn) so richtig beginnt, deren Länge alleine im Aufstieg von der Tracuit-Hütte mit acht bis neun Stunden beziffert wird und von der zu lesen ist, „Wer sich hier von Schlechtwetter erwischen lässt, der ist nicht zu beneiden“ (Goedecke)? – Noch im letzten Jahr hatten wir gescherzt, man müsse halt ein Biwak auf dem Bishorn einrichten, dann käme man in etwa fünf Stunden auf den Gipfel des Weisshorns und hätte im Schlechtwetterfall einen erreichbaren Anlaufpunkt. Da wir aber mittlerweile bereits einige anfängliche Scherze in gemeinsamer Tat umgesetzt haben, blieb es auch in diesem Fall nicht bei einem solchen.

Nach einigen Tagen der Akklimatisierung und Vorbereitung, etwa am Täschhorn (Südgrat), Zinalrothorn (Nordgrat) oder einer Alphubelbesteigung aus dem Tal heraus, war für Montag und Dienstag endlich wieder gutes Wetter vorausgesagt. So fuhren wir also aus dem Mattertal nach Zinal um dort sonntags zur Tracuithütte – die gerade hotelmäßig erweitert wird – aufzusteigen, in deren Umfeld wir unser erstes Biwak errichteten. Nach einer windigen Nacht im Col de Tracuit stiegen wir am Montag bei bestem Bergwetter gemütlich dem Bishorn entgegen, um dort eine erste Erkundung zu den frisch verschneiten Felsen des Nordgrats zu machen und unsere einwandige Tropfsteinhöhle aufzuschlagen. Den Nachmittag verbrachten wir damit, Schnee zu Trinkwasser zu schmelzen und nochmals die aktuellen Wetterprognosen einzuholen, die nun entgegen früherer Ankündigung aufkommenden Wind und Niederschlag bereits zur Mittagszeit prognostizierten.

Gegen 4:00 Uhr in der Früh, am 28.08.2012, unterbrach der Wecker dankbar die schlaflose, weil frostige und helle Vollmondnacht. Unser gelegentlich zur Nässebildung neigendes Refugium zeigte sich nun von innen in einem frostig-weißen Gewand – aber es half alles nichts: Raus aus den Schlafsäcken, rein in die Steigeisen! – Gegen 4:40 Uhr starteten wir unsere Tour und nach wenigen Sekunden konnten wir uns schwer atmend bereits zum ersten Viertausender des Tages, dem Bishorn (4.153 m) beglückwünschen. Von hier stiegen wir ab ins Weisshornjoch und über wenig schwierige Felsen sowie eine erste Firnlinie hinauf zum ersten Gendarmen des Felsgrates, wo wir für die nächste Passage anseilten.

Nach zwei kurzen horizontalen Teilstücken musste jeweils einmal abgeklettert werden, wobei die zweite Stelle mit einer überhängenden und nach einer Seite fast trittlosen und darum heiklen Rissverschneidung, die im Abstieg über den Nordgrat die Schlüsselstelle bildet, dafür sorgte, dass jegliche Müdigkeit infolge von Stresshormonausschüttungen schnell vergessen war. Alternativ können die Stellen auch weniger spektakulär abgeseilt werden. Weiter ging es über den Grat bis zu einer verschneiten Platte, die mit Bohrhaken versichert ist und zunächst rechts erklettert wird, um sodann leicht abdrängend nach links traversierend verlassen werden zu können. Der sich anschließende Turm wird links umgangen. Am Fuß des Grand Gendarme querten wir ostseitig in eine Kaminverschneidung, die mit dem vierten Grad Standplatzsicherung über zwei Seillängen erforderlich machte. Anschließend stiegen wir unterhalb der Spitze des Gendarmen horizontal noch längere Zeit bis zum Firngrat, der sich ab hier himmelsleitergleich in etwa einer Stunde mitunter steil und ständig sehr ausgesetzt zum Gipfel emporschwingt. Dort wollte daher jeder Schritt kontrolliert gesetzt werden. Etwa zeitgleich mit einer französischen Seilschaft erreichten wir gegen 10:00 Uhr das Gipfelkreuz des Weisshorns und erfüllten uns somit einen zwar noch nicht sehr lange, aber doch gehegten Traum.

In der Ferne zeigten sich bereits die ersten Schlechtwetterboten und mit den warnenden Worten Goedeckes’ im Ohr wurde es im schier endlosen Abstieg über die gleiche Route nochmals ernst, als es unterhalb des Grand Gendarme bei starkem Wind zunächst zu schneien anfing und später im Abstieg vom Bishorn dichter Nebel die Sicht auf die ohnehin frisch verschneite Spur hinab versperrte. Gegen 21:30 Uhr erreichten wir im Dunkeln nach einem Gipfelgebräu in der Tracuit-Hütte wieder unseren Ausgangspunkt in Zinal (1.700 m), womit für uns eine intensive und schöne Hochtourensaison zu ihrem Abschluss kam.

Robert Schmidt und Martin Heuser

Kategorie: Hochtourengruppe

Kommentare (3)

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  1. Peter sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Tour!!!

  2. Heike sagt:

    Alle Achtung- geniale Tour auf geniale Weise durchgezogen- herzlichen Glückwunsch!

  3. Nobby sagt:

    Ich bin sehr stolz auf Euch!!! Nobbi

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