Ein Wandbuch erzählt – 45 Jahre Klettergeschichte in den Gerolsteiner Dolomiten

| 8. Oktober 2017 | Ein Kommentar

Im Juli 2017 kletterte ich, wie schon so oft zuvor, an der Hustley, einem Dolomitmassiv hoch über dem Städtchen Gerolstein in der Eifel. Als ich mich in der Kletterroute „Zwölfie“ in das dort aufgehängte Wandbuch eintragen wollte, fand ich dieses in einem desolaten Zustand vor: in die Metallkassette war Regenwasser eingedrungen, das Wandbuch komplett durchnässt, aufgeweicht und angefault. Ein schwarzer Schimmel hatte sich über das Papier gelegt – ein trauriger Anblick. Ein Schreibstift war auch nicht mehr vorhanden, so dass ich mich spontan entschloss, das Wandbuch zu bergen, bevor es völlig verrottet sein würde und damit alle darin enthaltenen Informationen für immer verloren.

Das Wandbuch der Route Zwölfie

Nachdem das Buch zuhause langsam getrocknet war, konnten die verklebten Seiten vorsichtig voneinander gelöst und wieder gelesen werden. Das kartonierte, 16,5 x 11 x 1,5 cm große Büchlein ist etwa zur Hälfte mit Eintragungen gefüllt. Um die interessanten und wertvollen Eintragungen dauerhaft zu sichern, habe ich das Wandbuch, soweit der Text noch zu entziffern war, abgeschrieben und elektronisch gespeichert. Der Inhalt umfasst 20 gedruckte DIN A 4-Seiten.

Eintragung der Erstbehung durch W. Jaeger, 1969

Zu Beginn des Wandbuchs findet sich die Eintragung „WANDBUCH ZWÖLFIE IV+ Angefangen am 17.5.1970″ sowie die klettergeschichtlich bedeutsame Notiz: „Erstbegehung am 2.6.1969 durch Werner Jaeger DAV Köln   Elfie Baldus DAV Köln   Material 8 Normalhaken  Zeit:…Stunden.“

Verlauf der Route Zwölfie durch die markante Rissverschneidung

Die Route an sich ist eine auffällige, gut 20 Meter hohe Rissverschneidung durch den zentralen Wandbereich der Hustley. Die markante Linie bietet großzügige Kletterei in einem alpin anmutenden Ambiente. Die Schlüsselstelle, ein kleiner Überhang im oberen Bereich der Route, erfordert technisches Können und kräftiges Zupacken. Am ursprünglichen Umlenkhaken ist ein Kasten aus verzinktem Eisenblech aufgehängt, in dem das Wandbuch deponiert war. Heute kann über den ursprünglichen Umlenker hinaus weiter geklettert und zu einem bequemen Standplatz mit einer soliden Kette aus Edelstahl auf dem Felskopf ausgestiegen werden, auch die alten geschlagenen Haken sind mittlerweile durch solide Klebebohrhaken ersetzt worden.

Der Wandbuchbehälter in der Route Zwölfie

Die im Wandbuch angegebene Schwierigkeit IV+ richtet sich noch nach der alten Welzenbach-Skala, die im Jahr der Erstbegehung (1969) nur bis maximal VI+ reichte; bekanntlich wurde erst im Jahre 1977 durch die Begehung der Pumprisse im Wilden Kaiser durch Helmut Kiene und Reinhard Karl die damals starre Schwierigkeitsskala nach oben geöffnet. Im aktuellen Kletterführer aus dem Jahr 2016 wird die Schwierigkeit der Route Zwölfie mit glatt VI nach der UIAA-Skala angegeben.

Titelseite des Wandbuchs

Die ursprünglich angegebene Schwierigkeit IV+ bezieht sich nicht auf den heute üblichen (Rotpunkt-) Kletterstil, sondern auf das seinerzeit übliche Klettern mit technischen Hilfsmitteln; wir können davon ausgehen, dass die Schlüsselstelle damals mithilfe von Schlingen, Steigleitern oder ähnlichem geklettert worden ist. Aus dem Wandbuch selbst ergeben sich an verschiedenen Stellen Hinweise darauf, dass die Route ursprünglich technisch und erst später sportlich einwandfrei, d. h. ohne Benutzung von Haken oder Schlingen zur Fortbewegung geklettert worden ist, so z. B.: „9.10.77 a. f. wahrscheinlich 1. sportliche Begehung des 1. Überhangs V+ Florian Schmitz, Lorenz Lachart, DAV Köln Jugend.“ Dabei steht a. f. für „alles frei“. Dieser Begehungsstil bedeutet, dass –  im Vorstieg – nur natürlicher Fels zur Fortbewegung benutzt wird, ein Ruhen am Haken in der Seilsicherung oder Weiterklettern nach einem Sturz ist dabei aber erlaubt. Die erste –  heute übliche – Begehung im sogenannten Rotpunkt-Stil (Vorstieg ohne technische Hilfsmittel und ohne Ruhen am Haken oder Sturz bis zum Umlenker in einem Zug) erfolgte nach den Eintragungen erst im Jahr 1980, wiederum durch Florian Schmitz. In den Eintragungen aus dem Jahr 1982 findet sich von Klaus Auen die heute nicht mehr gebräuchliche Stilbezeichnung „Rotkreuz“, d. h. eine Route wird im Toprope oder Nachstieg durchstiegen. Ein anderer Begehungsstil ist „Rotkreis“. Auch hierzu findet sich im Wandbuch ein Eintrag: „18.10.1988 Variante: Rotkreisbegehung (kleiner Überhang mit vielen Bohrhaken rechts von dem Riß 7+/8- bis zum ersten Bohrhaken im großen Dach, von dort bis zum dritten Bohrhaken hochgehangelt und dann bis zum Riß rübergequert, große Seilreibung. Christoph Schwarz, Bonn.“ Eine Rotkreis-Begehung (in den USA auch Yo-yo-ing genannt) ist die Begehung einer Route im Vorstieg, wobei bei einem Sturz zum letzten Stand, No-Hands Rest (Stelle, an der man ohne Benutzung der Hände stehen kann) oder bis zum Boden abgelassen wird und die Route/Seillänge wieder von Anfang an geklettert wird, das Sicherungsseil aber in den bis dahin eingehängten Zwischensicherungen verbleibt. Dieser aus den USA stammende Stil wurde in Europa vor allem in den 1970er und 80er Jahren verwendet, als die amerikanischen Kletterer im Freiklettern führend waren. Das unscheinbare Wandbuch „Zwölfie“ legt damit Zeugnis ab für die bewegten Jahre, als der Freiklettergedanke aus den USA in die heimischen Klettergebiete übernommen wurde.

 

Für jeden Kletterer und jeden Leser stellt sich natürlich auch die Frage, woher denn überhaupt der Name der Kletterroute kommt und was er bedeutet. Der Erstbegeher konnte hierzu vom Verfasser nicht befragt werden. Es liegt m. E. aber auf der Hand, dass Werner Jaeger mit dem gewählten Routennamen an den Vornamen seiner Kletterpartnerin bei der Erstbegehung anknüpfen wollte: aus Elfie Baldus wurde – Zwölfie.

 

Das Wandbuch enthält über den Zeitraum von 45 Jahren (der letzte Eintrag erfolgte am 03.10.2015 durch Henning Schmitz und Mareike Körber aus Köln) insgesamt 477 Eintragungen. Die Zahl der tatsächlichen Begehungen dürfte allerdings weitaus höher sein – nicht jeder Kletterer hat die Zeit bzw. das Interesse für eine Eintragung in ein Wandbuch. Es fällt auf, dass die Anzahl der Einträge pro Jahr starken Schwankungen unterliegt. Die meisten Eintragungen erfolgten in den Jahren 1982 bis 1987 mit jeweils mehr als 20 pro Jahr, Spitzenreiter ist das Jahr 1986 mit 28 Einträgen. In den Jahren 1971, 1998 und 2006 erfolgten demgegenüber gar keine Eintragungen, in den Jahren 2000 und 2001 jeweils nur eine. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Verteilung die tatsächlich erfolgten (bzw. nicht erfolgten) Begehungen widergibt. Eher dürften andere, vielleicht ganz banale Gründe hierfür maßgeblich sein, wie z. B. ein fehlender Schreibstift in der Kassette.

 

Aufschlussreich sind die Herkunftsorte bzw. die alpinen Vereine der Kletterer, die sich in das Wandbuch eingeschrieben haben; sie umreißen recht genau das Einzugsgebiet der Gerolsteiner Kletterfelsen. Mit Abstand am häufigsten (89 mal) wird Köln als Herkunfts- bzw. Vereinsort genannt, was aufgrund der Nähe zum Klettergebiet nicht verwundert. Aus dem weiteren Kölner Umland bzw. dem Niederrheingebiet stammen ebenfalls zahlreiche Einträge: Bonn (28), Aachen (9), Siegburg (6) und in Einzelfällen Düren, Düsseldorf, Rheydt und Solingen. Auch von den benachbarten Benelux-Ländern aus wurde regelmäßig die Hustley besucht: Niederlande (14), Belgien (7) und Luxemburg (3). Etwa halb so oft wie Köln wird in den Eintragungen Trier bzw. DAV Trier genannt, insgesamt 40 mal. Hieran ist abzulesen, dass die Trierer Alpenvereinssektion den Klettergarten an der Hustley in ihre Obhut genommen und ihn für Ausbildungs- und Kletterfahrten regelmäßig aufgesucht hat. Auffallend wenige Kletterer (9) kommen nach den Eintragungen aus dem direkten Umland, eine Tatsache, die der Verfasser aus zahlreichen eigenen Besuchen bestätigen kann. Vermutlich liegt das neben der vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte auch daran, dass es in der zentralen Eifel keine eigene AV-Sektion oder andere reine Klettervereine gibt. Dieser Umstand überrascht freilich nicht besonders und dürfte für die meisten anderen Klettergärten in den siedlungsfernen deutschen Mittelgebirgen ebenso gelten. Die große DAV-Sektion Koblenz ist mit nur 13 Nennungen relativ schwach im Wandbuch vertreten; dies erklärt sich u. a. daraus, dass die Kletterer vom Mittelrhein im Mayener Basaltgebiet ein näher gelegenes und weitaus größeres Routenangebot haben. Nur vereinzelt werden weiter entfernte Städte und Gebiete aus Deutschland genannt: Frankfurt, Mannheim, Berlin/Potsdam, Paderborn, Hamburg, München, Bad Soden, Staffelstein/Oberfranken sowie Pfalz und SBB (Sächsischer Bergsteigerbund). Schließlich finden sich auch noch einige wenige Eintragungen von ausländischen Kletterern; vermutlich hatten diese berufliche, verwandtschaftliche oder freundschaftliche Verbindungen zur hiesigen Kletterszene: genannt werden Polen (5), England/Wales (5), AVS Bozen, Spanien, Ungarn und Florida/USA. Im Großen und Ganzen wird anhand der Eintragungen sehr deutlich, dass das Klettergebiet Hustley lediglich regionale Bedeutung für die Eifel und die angrenzenden Ballungsgebiete hat.

 

Insgesamt gesehen folgen die Eintragungen über erfolgte Routenbegehungen einem einheitlichen Schema: Datum – Name – Kletterverein. Anfänglich wurden die Begehungen noch laufend durchnummeriert; offenbar war es wichtig, die zweite, dritte, …¦wievielte Begehung gemacht zu haben. Die fortlaufende Durchzählung der Begehungen (bzw. Eintragungen) endet aber mit Ablauf des Jahres 1985 und der Begehungs-Nummer 190. In den späteren Jahren werden die formal standardisierten Einträge zunehmend um persönliche Bemerkungen z. B. über das aktuelle Wetter oder die subjektiven Eindrücke bei einer Begehung ergänzt – auch hierin mag man durchaus eine Emanzipation der jungen Sportklettergeneration von althergebrachten Kletterregeln sehen. Dabei beweisen die Kletterer durchaus Phantasie und Humor, wie z. B. aus folgenden Einträgen ersichtlich ist:

„8.3.97 Hallo Ihr Bergsteiger. Dieses Jahr bin ich der erste hier. Ich sitze gemütlich in der Sonne genieße die Aussicht und blättere in diesem Scheiß Buch. Tja Leute ich sitz hier janz alleine, gesichert an dieser Rostgurke! So jetzt mach ich mich mal auf den Weg und klettere den Rest. P.S.: Solo Berg Heil Tim Trögeler“ 

 „06-04-03 Make moves not war! Ecki Herbi Esn“

 „29.04.2012 Katrin Buhr DAV-KO   Pfeift der Wind dir um die Ohren, sind die Hände abgefroren, glaubst, es könnt nicht schlimmer sein, dann bist du in Gerolstein“.

Verschiedentlich gibt es auch nicht ganz stubenreine und herabsetzende Bemerkungen, die hier nicht unbedingt wiederholt werden müssen.

 

Neben diesen eher anekdotenhaften Einträgen wird es besonders dann interessant, wenn bekannte Persönlichkeiten aus der Kletterszene mit ihren Eintragungen in dem Wandbuch erscheinen. An erster Stelle ist hier der Erstbegeher der Zwölfie hervorzuheben: Werner Jaeger aus Köln, geboren am 08.06.1946. Jaeger hat sich nicht nur mit der Erstbegehung und Aufhängung des Wandbuchs verdient gemacht; er hat sich auch über viele Jahre hinweg um die Route und das Buch gekümmert. Seinen genauen Eintragungen kann entnommen werden, dass er in der Zeit zwischen 1969 und 1994 immer wieder „seine“ Route geklettert hat. In diesen 25 Jahren findet sich insgesamt 60 mal der (sinngemäße) Eintrag W. Jaeger, DAV-Köln. Die erste Begehung hat Jaeger mit 22 Jahren gemacht, die letzte im Alter von 48 Jahren. Am 8./28.03.1982 vermerkt Jaeger: Wandbuch abgenommen und Löcher in der Kasette gelötet. Wandbuch neu befestigt und Bleistift mit Zwirn deponiert.

 

Insgesamt 18 mal erscheint der Kölner Kletterer Florian Schmitz mit seinen Einträgen im Wandbuch. Bemerkenswert ist seine Eintragung vom 8. März 2014: Nach über 30 Jahren erneut – Florian Schmitz Köln, Manuel Schneider München. Florian Schmitz, Jahrgang 1960, prägte in den 1980er Jahren das Sportklettern in der Eifel maßgeblich mit. In den Bergen der Welt gelangen ihm berühmte Routen wie der Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses oder die Salathé am El Capitan im Yosemite-Valley. Im Mayener Klettergebiet hinterließ er neben einigen Erstbegehungen im 8. Schwierigkeitsgrad vor allem mit dem Rissklassiker Mut der Verzweiflung (8+/9-) an der Großen Wand seine Spuren.

 

Ebenfalls aus der aktiven Kletterszene vom Niederrhein stammt Hans Nathan aus Bonn, der sich mehrmals im Wandbuch der Zwölfie verewigte. In den späten 1970er und 1980er Jahren hatte Nathan sich durch die ersten freien Begehungen bislang technisch gekletterter Routen einen Namen gemacht, vor allem im Rurtal und am Stenzelberg. Einen Markstein hinterließ er mit der Route Hühnerbrust (9+) in Nideggen, die er 1985 erstmals frei (rotkreis) klettern konnte.

 

Besonders zu erwähnen ist folgender Eintrag aus dem Jahr 1977: Hans Laub/Pfalz, Christine/Lxb. Hans Laub, Jahrgang 1929, war in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg einer der stärksten Kletterer und eifrigsten Erschließer an den Buntsandsteinfelsen der Südpfalz. Dort und in anderen Gebieten gelangen ihm über 1.500 Erstbegehungen. Auf sein Konto gehen so berühmte Wege wie der Jubiläumsriss am Nonnenfels, die Himmelsleiter am Heidenpfeiler, die Bogenverschneidung an den Drei Felsen, der DAV-Weg am Bruchweiler Geierstein oder der Dezemberweg am Rödelstein. Obwohl er noch hakentechnisch kletterte, stand Laub der auch in der Pfalz aufkommenden Freikletterbewegung mit ihren Protagonisten wie Wolfgang Güllich, Thomas Nöltner oder Andreas Kubin offen und respektvoll gegenüber; am sogenannten „Pfälzer Hakenstreit“ beteiligte er sich nicht.

 

Immer wieder finden sich in den Eintragungen auch die Namen von zeitgenössischen Kletterern, die andernorts als aktive Erschließer und Erstbegeher in Erscheinung getreten sind. Stellvertretend und rein subjektiv seinen hier genannt: Horst Wündsch, Jürgen Pellenz (+), Andreas Eisenhauer, Marc Wolff und Hendrik Kardinal.

 

Während in den letzten anderthalb Jahren vor der Bergung keine Eintragungen mehr erfolgten und das Wandbuch still vor sich hin gammelte, ging und geht das Klettern in der Route Zwölfie natürlich weiter. Inzwischen ist ein neues Wandbuch aufgelegt und in der Route deponiert worden, so dass auch künftig, der Tradition folgend, jeder Begeher seinen Namen und seine Gedanken der Klettergemeinde und der interessierten Nachwelt hinterlassen kann. Das alte Wandbuch aber wird jetzt gut behütet im Archiv der DAV-Sektion Rheinland in Köln aufbewahrt –  dort, wo vor 45 Jahren der Erstbegeher Werner Jaeger seine vereinsmäßigen und klettersportlichen Wurzeln hatte.

 

Peter May, Koblenz

 

 

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Kategorie: Allgemein, Klettergruppe

Kommentare (1)

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  1. Oliver Gonzalez sagt:

    Tolle Sache Peter!

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