Drei Mal Spitze – Bergtouren im Karwendel- und Wettersteingebirge

| 14. August 2017 | Keine Kommentare

Das Karwendelgebirge

Sommer 2017. Ferienzeit. Für die Familie May aus Koblenz heißt es: Klettern und Wandern in den Alpen. Erstmals will ich mit meiner Familie alpine Klettersteige begehen, nachdem die gesicherten Wanderwege in der Heimat, wie z. B. der Mittelrhein-Klettersteig bei Boppard oder der Calmont-Klettersteig an der Mosel, Lust auf mehr geweckt haben. Wir – der Berichterstatter, seine Frau Bianca und der 11-jährige Sohn Benedict – ziehen Anfang Juli mit den letzten Regenschauern Richtung Süden. Ziel ist Scharnitz-Gießenbach in Österreich, wo wir im Gasthaus „Ramona“für eine Woche unser Standquartier beziehen.

 

 

Am Tag der Anreise bleibt abends noch Zeit, die nähere Umgebung unserer Unterkunft zu erkunden. Gleich neben dem Gasthaus sprudelt munter der Gießenbach, ein wilder Zufluss zur jungen Isar. Sein kristallklares Bergwasser und weite Kiesbänke laden ein, Staudämme zu bauen und bunte Kieselsteine zu suchen. An diesem herrlichen Spielplatz werden wir noch öfter sein, um nach unseren Tagestouren die heißen Füße zu kühlen.

Der eiskalte Gießenbach

 

 

Am ersten Tourentag fahren wir von Scharnitz nach Mittenwald. Die Karwendel-Seilbahn bringt uns in wenigen Minuten mitten ins Hochgebirge. Dort erwartet uns erst mal dichter Nebel. Die von den Wetterfröschen angekündigte Aufhellung lässt auf sich warten, die Gipfel sind noch in Wolken gehüllt. Wir wollen die Zeit aber nutzen und machen trotz Nebel und Regenschauern eine kleine Wanderung rund um die Karwendelgrube herum, als wir plötzlich am Einstieg zum Klettersteig stehen, der zum Gipfel der westlichen Karwendelspitze führt. Was nun?

Staatsgrenze an der Karwendelspitze

Eigentlich wollten wir heute zur Eingewöhnung diesen kurzen Klettersteig (Schwierigkeit maximal C) machen; die schlechte Sicht, der nasse Fels und ein kalter Wind lassen uns aber davon Abstand nehmen. „Plan B“ lautet: Aufstieg über den Normalweg, der zugleich der Abstieg vom Klettersteig ist. Aber auch hier erwarten uns abschüssiger, klitschnasser Fels und einige Steilstücke, die mit Drahtseilen versichert sind. Also vorsichtshalber die Klettersteigsets angelegt und weiter! Kurze Zeit später sind wir am Gipfelkreuz der Karwendelspitze auf 2.385 Meter Meereshöhe angelangt, angesichts der Verhältnisse ein erster kleiner Erfolg. Gegen Mittag werden die Wolkenlücken immer größer und die Sonne setzt sich endgültig gegen die neblige Nässe durch. In einer ausgiebigen Pause im Restaurant der Karwendelbahn schmieden wir Pläne für den Rest des Tages: für den Rückweg wollen wir auf die bequeme Seilbahn verzichten und stattdessen zu Fuß zur Mittenwalder Hütte und weiter ins Tal absteigen, wo das Auto steht. Insgesamt 1.300 Abstiegsmeter in drei bis vier Stunden Gehzeit auf markiertem Steig – klingt machbar! In der Eile des Aufbruchs übersehe ich aber dummerweise die deutlichen Warnhinweise und den schwarzen Punkt auf dem Wegweiser, der diesen Talabstieg als schwer und gefährlich kennzeichnet.

Blick durch die Schuttrinne hinab nach Mittenwald

Recht bald merken wir, warum: wir müssen eine steile Schotterrinne hinunter, durch viel Geröll und anhaltendes Absturzgelände, das nur stellenweise durch Seilsicherungen entschärft ist. Absolute Vorsicht und volle Aufmerksamkeit sind nötig, jeder Fehltritt könnte hier der letzte sein. Zusätzlich sorgen ein unklarer Wegverlauf und widersprüchliche Markierungen für Verunsicherung. Weit und breit sind keine anderen Bergsteiger zu sehen, wir sind allein hier oben. Sind wir überhaupt noch richtig? Ein Stein rutscht ab und poltert in die Tiefe: klack – klack – klack. Die dauernde Anspannung zerrt an unseren Nerven und spätestens, als unseren Jüngsten sichtbar die Angst überkommt, ist es auch mir nicht mehr egal. Ich muss jetzt dringend etwas unternehmen, sonst geht das hier böse aus! Zum Glück hatte ich heute Morgen vorsichtshalber ein kurzes Seilstück in den Rucksack gepackt. Nachdem wir unsere Klettergurte angezogen und ich meinen Sohn ans kurze Führungsseil genommen habe, geht es bei uns allen deutlich entspannt weiter. Glücklich erreichen wir so die Mittenwalder Hütte.

Die Mittenwalder Hütte

Bei einer leckeren Brotzeit auf der sonnigen Terrasse weicht die Beklemmung einer heiteren Gelassenheit. Jetzt können wir das großartige Gebirge, das uns umgibt, auch wieder bestaunen und genießen. Noch eine letzte Wegstunde hinab durch steilen Bergwald, dann sind wir wieder zurück am Auto. Ich bin stolz auf meine Leute, das habt ihr gut gemacht! Als ich noch mal zu der üblen Steilrinne zurückblicke, atme ich innerlich tief durch und verspüre nicht nur große Erleichterung, sondern vor allem eines – Demut. Uns bleibt die wichtige Erfahrung: Berge sind nicht nur schön, sondern auch gefährlich!

 

Der nächste Morgen zeigt sich in prachtvollem Sonnenschein: traumhaftes Tourenwetter! Heute wollen wir die formschöne Alpspitze (2.628 m) über die Nordwand-Ferrata (650 Höhenmeter, A und B) besteigen.

Die Alpspitze über Garmisch-Partenkirchen

Mit dem Auto geht es also zunächst nach Garmisch-Partenkirchen und von dort aus mit der Seilbahn auf den Osterfelder Kopf. Wir haben ein wenig gebummelt und sind erst am späten Vormittag am Einstieg des Klettersteigs, aber die Wetterprognose ist günstig und wir müssen nicht hetzen. Normalerweise ist der Nordwand-Klettersteig sehr stark frequentiert und auch heute sind hier eine Menge Leute unterwegs. Aber es ist Werktag und so hält sich der Andrang einigermaßen in Grenzen und es gibt keinen Stau. Der Klettersteig ist durchgängig mit Drahtseilen versichert und nicht besonders schwierig, aber er zieht sich doch ziemlich in die Länge. Auch das jüngste Mitglied unserer kleinen Gruppe meistert alle technischen und konditionellen Herausforderungen ohne Klagen.

Aufstieg über die Alpspitz-Ferrata

Allenfalls das stetige Umhängen der Sicherungskarabiner ist fummelig und auf die Dauer etwas nervig. Am Gipfel lassen wir uns Zeit zum Rasten, Schauen und Fotografieren.

Am Gipfel der Alpspitze

Dann geht es über die Ostflanke wieder hinab – über Geröll, Platten und einige Steilstücke mit Seilversicherung, in denen wir vorsichtshalber noch mal die Gurte und Sets anlegen. Beim Abstieg lassen Kräfte und Konzentration allmählich nach, so dass ich unseren Elfjährigen an den steilsten Stellen sicherheitshalber noch mal ans kurze Seil nehme. Zuletzt folgt noch eine lange Querung unterhalb der schattigen Nordwand, die aber abwechslungs- und aussichtsreich und überhaupt nicht langweilig ist. Nach drei Stunden Klettersteig und noch mal so vielen Stunden für den Abstieg endet unsere heutige Tour an der Bergstation der Osterfelder-Seilbahn. Hey, wir haben unseren ersten richtigen Klettersteig auf einen hohen Berg gemacht! Ich freue mich, wie sicher und gewandt sich meine Partnerin und vor allem auch mein Junge im alpinen Gelände bewegen. In unserer digitalen, hoch-technisierten Welt ist dies absolut keine Selbstverständlichkeit. Mehr noch: Herausforderungen suchen, annehmen und bestehen – wie wichtig ist das für die Entwicklung eines jungen Menschen!

 

Der dritte Tourentag begrüßt uns erneut mit Sonnenschein – und spürbarem Muskelkater in den Beinen. Die vielen Höhenmeter bergauf und bergab in den zwei letzten Tagen sind nicht spurlos an uns vorübergegangen. Deshalb gönnen wir uns heute ein gemütliches Touristen-Programm: ohne Anstrengung mit der Bergbahn hinauf auf die Zugspitze. Den mit 2.962 Meter höchsten Berg Deutschlands wollen wir in unserem Urlaub natürlich auch mal besuchen – Ehrensache. Nach einem guten Frühstück geht es wieder von Tirol nach Garmisch-Partenkirchen. Die Zugspitz-Seilbahn ist wegen Umbauarbeiten geschlossen, so dass wir an der Station Eibsee in die altehrwürdige Zahnradbahn steigen müssen – wie zahllose andere Urlauber auch. An größere Menschenmengen müssen wir uns bei unserem heutigen Ziel ohnehin gewöhnen, also was soll´s! Wer den leidigen Massentourismus auf „Deutschlands höchster Zinne“ ausblenden kann, dem hat die Zugspitze durchaus etwas zu bieten. Die exponierte Lage des Wettersteingebirges am nördlichen Alpenrand ermöglicht eine grandiose Aussicht vom flachen Alpenvorland bis zum fernen Hauptkamm mit seinen schneegleißenden Eisriesen. Heute ist recht klares Wetter und wir können beglückende Tief- und Weitblicke genießen: unter uns der türkis-blaue Eibsee und das dunkle Höllental; nebenan der vielgezackte Jubiläumsgrat hinüber zur Alpspitze, das weite Zugspitzplatt mit seinem kleinen Gletscher und das langgezogene Reintal; am fernen Horizont die weiß überzuckerten Gipfelketten der Tauern, Ötztaler, Zillertaler und Stubaier Alpen. Und über allem ein tiefblauer Himmel mit Wolken wie aus weißen Wattebäuschen. Ein Geschenk!

Blick vom Zugspitzplatt nach Süden

Blick von der Zugspitze ins Höllental

Der Jubiläumsgrat

Während ich das phänomenale Panorama aufsauge, steigen Erinnerungen auf an schöne und wilde Bergtouren aus früheren Jahren: Jubigrat, Höllentalanstieg, Reintalabstieg, die Kletterwochen mit den Freunden im Oberreintal… Wir reihen uns einstweilen in die Schar der Bergtouristen ein und statten dem goldenen Gipfelkreuz unseren Besuch ab.

Auf Deutschlands höchster Zinne

Auf dem kurzen, versicherten Steig zum Kreuz herrscht Massenandrang und Gegenverkehr. Gerade hier bestätigt sich das gängige Klischee vom Turnschuh-Touristen im alpinen Gelände ohne jegliche Ausrüstung und Erfahrung. Der ganz normale Wahnsinn eben auf einem der bekanntesten Renommierberge weit und breit. Ein Glück, dass auf den blankpolierten Felsen niemand zu Schaden kommt! Am Münchner Haus, einer Hütte des Deutschen Alpenvereins auf dem Gipfel der Zugspitze, ergattern wir noch drei freie Plätze an den Biertischen auf der Terrasse. Mittagzeit, volles Haus, ein Rummel wie auf dem Oktoberfest!

Menschenmassen und Baustelle auf dem Zugspitzgipfel

Nach der Mahlzeit schauen wir uns auf dem Zugspitzplatt den sterbenden Schneeferner-Gletscher aus der Nähe an. In der warmen Mittagsonne schmilzt das Eis wie Butter dahin, ein rauschender Bach aus Schmelzwasser ergießt sich in einen kleinen See. In ein paar Jahren wird auch das nur noch Erinnerung sein. Schade eigentlich.

Der traurige Rest vom Schneeferner-Gletscher

Wieder geht es ins Gedränge, alle müssen durch das Nadelöhr am Bahnhof in die Zahnradbahn. Wer´s kann, sollte auf die Bergbahn verzichten und die Zugspitze aus eigener Kraft hinauf- und hinabsteigen: das Erlebnis ist unvergleichlich schöner. Endlich sind auch wir wieder unten. Die Sommerhitze des Tals hat uns zurück. Rein in den Garmischer Stadtverkehr, das aufgeheitzte Auto gibt uns den Rest. Auf dem Rückweg ins Hotel entdecken wir am Straßenrand ein Schild: „Grubsee – Badeanstalt“. Nichts wie hin und ab ins Wasser! Was gibt es Schöneres, als der Sprung ins kühle Nass nach einem heißen, anstrengenden Tag in den Bergen! Wenn da nur nicht die vielen Bremsen gewesen wären…

Blick aus der Zahnradbahn auf den Eibsee

Badespaß am Grubsee

 

Nach drei Tagen auf drei Spitzen haben wir keine Lust mehr auf weitere Gipfelbesteigungen oder andere alpine Abenteuer. Am letzten Urlaubstag wollen wir, auch um der hochsommerlichen Hitze zu entkommen, gemütlich durch die kühle Höllentalklamm wandern. Ausgangspunkt ist der Ort Hammersbach bei Grainau am Fuß des Wettersteingebirges, 760 Meter hoch gelegen. In mäßiger, aber stetiger Steigung geht es auf schattigen Waldwegen zur Klamm.

In der Höllentalklamm

Am vergangenen Wochenende hatte es kräftig geregnet, so dass die Höllentalklamm gut mit Wasser gefüllt ist. Nicht nur im Grund der Schlucht, sondern auch von allen Seiten rinnt das Wasser herab. Überall rauscht, tost und spritzt es. Die enge, finstere Klamm ist ein beeindruckendes Schaustück der Natur und es braucht gar keinen Gipfel, um die Wildheit der Berge hautnah zu spüren. Am Ende der Klamm wird es ruhiger, das Tal weitet sich zu lichten Almböden und bald ist die erst kürzlich erneuerte Höllentalangerhütte auf 1.387 Meter Meereshöhe erreicht.

Die neue Höllentalangerhütte

Die neue Hütte aus Beton ist zwar nicht so urig wie die alte Holzhütte von 1894, aber großzügig bemessen und mit allem Komfort sowie modernster Umwelttechnik ausgestattet. Auf der Terrasse genießen wir unser Mittagessen, dabei immer die inzwischen mächtig aufquellenden Kumuluswolken im Blick. Mehr und mehr zieht sich der Himmel zu und wir beeilen uns, zügig den Rückweg durch die Klamm und den Wald hinter uns zu bringen. Gerade, als wir wieder im Auto sitzen, prasseln die ersten dicken Regentropfen herab – Punktlandung! Das stabile und schöne Bergwetter ist aufgebraucht. Auf dem Rückweg zur Unterkunft kehren wir in Scharnitz in der urgemütlichen „Alten Mühle“ ein. Ein tolles Ambiente, leckeres Essen und coole Musik bieten einen passenden Abschluss für unsere rundum gelungene Tourenwoche.

Das „Spitzen-Team“

Rückblickend haben wir in unserem Bergurlaub keine alpinen Glanzleistungen erbracht, sondern eher bergsportliche Durchschnitts- und Massenkost genossen. Das Besondere dabei aber war, dass ich die Bergtouren nicht wie sonst mit Kameraden oder alleine gemacht habe, sondern mit den nächsten Angehörigen, Frau und Kind. Die damit verbundene besondere Verantwortung war für mich eine ganz neue Erfahrung. Es bleibt die Hoffnung, mit den gemeinsamen Bergtouren ein Stück der eigenen Leidenschaft für die Schönheit, aber auch für die Herausforderungen der Berge an den Nachwuchs weiter gegeben zu haben.

 

Peter May

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Kategorie: Klettergruppe

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