Aufbaukurs Eis 2016

| 3. Oktober 2017 | Keine Kommentare

Orientierung mit Karte/Kompass und Tourenplanung – wer von den diesjährigen Teilnehmern des Aufbaukurs Eis dachte, dass diese eher trockenen Basics des Alpinen Grundkurses einem Bergsteiger nicht in Fleisch und Blut übergegangen sein müssten, wurde während einer erlebnisreichen Ausbildungswoche eines Besseren belehrt.

Doch von vorne: sechs Jungalpinisten zwischen 24 und 64 Jahren hatten sich im Juli zusammengefunden, um sich von Heike und Friedhelm in die fortgeschrittene Kunst des Hochtourengehens einweihen zu lassen. Kirsten, Paul, Tim und Michael reisten von Koblenz an und trotz Kerstins und Alex‘ rekordverdächtig langer Anfahrt von der Ostseeküste stießen alle überpünktlich zu den bereits im Pitztal weilenden Hulleys. Damit konnte die erste Etappe, der Aufstieg auf das auf 2434m liegende Taschachhaus, vor Einsetzen des Regens geschafft werden.

Nach einem herzlichen Kennenlernen wurde das geräumige Lager bezogen und konnten die kulinarischen Qualitäten der Hütte getestet und für gut befunden werden. Abends stand dann die erste Programmbesprechung an. Laut Wetterbericht läutete der abendliche Regen zwar das Ende einer längeren Niederschlagsperiode ein, diese hatte aber in den letzten Tagen einigen Neuschnee mit sich gebracht. Die erhöhte Lawinengefahr erklärte auch die jungfräulichen Nordwände in der Hüttenumgebung. Damit war bereits am ersten Abend klar, dass die geplanten Steileisbegehungen ad acta gelegt werden mussten. Dank der Erfahrungen aus den letzten Jahren waren unsere Ausbilder aber auf alle Eventualitäten vorbereitet. Selbst Schneeschuhe hatten wir mitgenommen, glücklicherweise rückenschonend per Materialseilbahn, sodass Heike während des Abendessens trotzdem ein abwechslungsreiches Programm aus dem Ärmel schütteln konnte. Auch dank des hervorragenden Vier-Gänge-Menüs herrschte beste Stimmung und alle krochen zur Hüttenruhe erwartungsvoll in ihre Hüttenschlafsäcke.

Nachdem sich alle ausgiebig am Frühstücksbuffet gestärkt hatten, ging es das erste Mal in Richtung Taschachferner. Obwohl er sich in den letzten Jahren immer weiter zurückgezogen hat, bot er nach kurzem Anmarsch dennoch beste Bedingungen, um die Inhalte des Grundkurses zu wiederholen und besonders den Standplatzbau im steileren Eis zu üben. Die Truppe bewies, dass Norberts und Pauls pädagogisches Konzept der letzten Jahre erfolgreich war: die Handgriffe saßen, die Eissanduhren hielten und selbst das überschlagende Vorgehen von Standplatz zu Standplatz lief nahezu reibungslos. Abends trat das für den Folgetag geplante erste Gipfelziel, die 3348m hohe Nördliche Sexegertenspitze, kurzzeitig in den Hintergrund. Das Hüttenteam um Barbara und Christoph stellte ein weiteres Mal seine Organisationskünste unter Beweis und legte das Abendessen nach vorne, um das Europameisterschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft auf Leinwand zu übertragen. Mit aufgefrischtem Wissen, erfrischten Kehlen und beschwingt durch den deutschen Sieg endete ein erfolgreicher erster Tag.

Früh morgens ging es über mit leichtem Puder bedeckten Pfadspuren in Richtung Sexegertenspitze, wobei aufziehender Nebel die Orientierung zunehmend erschwerte. Am Ende der Seitenmoräne tauchte dort, wo wir die Gletscherzunge erwarteten, eine Felswand aus dem Nebel auf. Also hieß es Karte und Kompass raus und navigieren nach Marschzahl und Höhenmesser. Mit der Genauigkeit eines Navigationsgerätes lotsten uns Heike und Alex, der seine Erfahrung mit diesem in Fachkreisen sogenannten „Eifelbär“ ausspielen konnte, über die Eismassen immer weiter Richtung Gipfel. Zeitweise wurde der Nebel so dicht, dass man vom Ende der Seilschaft den Führenden nicht mehr erkennen konnte. Nach einem letzten Steilaufschwung ging es plötzlich nicht mehr weiter bergauf – der Gipfel war erreicht und wurde gebührend mit einem Gipfelschnaps gefeiert! Lag auf den Gipfel die Fernschicht noch nahe Null, setzte sich die Sonne beim Abstieg langsam durch und gab den Blick auf die Gletscherspalten und Eisbrüche frei. Da hatten wird blind durchnavigiert?

Von Schnee und Nebel hatten wir erst einmal genug und so peilten wir für den nächsten Tag die Überschreitung des Pitztaler Urkunds an. Der 3201m hohe Gipfel versprach laut Alpenvereinsführer vier Stunden beste Gratkletterei und sollte auch für die weniger klettererprobten Teilnehmer gut machbar sein. Auch an diesem Morgen genossen wir ausgiebig das täglich frisch gebackene Brot und nach einem unproblematischen Zustieg in den Nordsattel hieß es Anseilen. Über griffiges Klettergelände und mit einzelnen Schneepassagen durchsetztes Blockwerk kraxelten unsere drei Seilschaften langsam aber stetig in Richtung Gipfelkreuz. Bedingt durch die Größe der Gruppe und die vorbildliche Sicherungsarbeit der Ausbilder wurde am Gipfel klar, dass es heute etwas länger dauern könnte. Trotzdem genossen wir die grandiose Rundsicht auch auf unsere gestrige Aufstiegsspur und machten das obligatorische Gipfelfoto. Der Gipfelschnaps blieb dieses Mal jedoch im Rucksack, da der Abstieg über den Nordgrat einige klettertechnische Schwierigkeiten versprach. In der Tat wurde der Grat immer länger und spätestens nach der Erstbegehung einer bislang unbekannten Route in der Nordflanke durch Friedhelms Seilschaft wurden Heikes Blicke auf die Uhr immer sorgenvoller: pünktlich zum Abendessen würden wir es nicht mehr schaffen. Glücklicherweise gab es an einer Abseilstelle Handyempfang, sodass Heike Christoph verständigen und somit die Chancen wenigstens auf eine kalte Brotzeit sichern konnte. Mehrere ausgesetzte Stellen und Stunden später war von der ersten Seilschaft ein Jubelschrei zu hören: die finale Abseilstellen waren endlich erreicht. Der folgende Zirbenschnaps schmeckte doppelt gut und nach einer weiteren Stunde Fußmarsch war kurz nach neun die Hütte erreicht. Hüttenwirtin Barbara begrüßte uns mit einem trockenen „Tourenplanung…“ und tischte danach das vollständiges Menü auf – was für ein Service!

Die folgenden Tage wurden genutzt, um das Handwerk eines Alpinisten weiter zu perfektionieren: Beim Eisklettern in den Spalten im Gletscherbruch des Taschachferners konnten wir uns bei strahlendem Sonnenschein von der Bissigkeit der Eisgeräte überzeugen. Dabei bezwangen wir teilweise senkrechte und überhängende Eispassagen. Donnerstags zwang uns der Dauerregen in die hütteneigene Kletterhalle. Hier übten wir frei von der Decke baumelnd bis zur Erschöpfung die Selbstrettung per Münchhausentechnik mit Gardaklemme und wurden um die Erfahrung reicher, dass Badeschlappen hierzu nicht das optimale Schuhwerk sind. Endlich gab es auch Muße für den ersehnten Kaiserschmarren. Zum Abschluss stand noch das intensive Üben der Spaltenbergung auf dem Programm. Nachdem an den Vortagen bereits einmal ungeplant diese Technik eingesetzt werden musste, durfte sich nun jeder am Urkundsattel in eine Gletscherspalte stürzen. Das Zusammenspiel innerhalb der Seilschaften klappte problemlos und so wurde jeder mehr oder weniger schnell aus seiner nassen Lage befreit.

Am letzten Abend konnten wir bei Bier und Schnaps das Resümee ziehen: Ein toller Kurs mit vielfältigem, lehrreichem und herausforderndem Programm in einer hervorragenden Location. Eine nette Truppe mit leidenschaftlichen, kompetenten und geduldigen Ausbildern. Alles in allem eine rundum gelungene Tour!

Kirsten und Michael

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Kategorie: Aktuell, Ausbildung, Ausbildungsberichte

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