Auf dem Wiener Höhenweg

| 4. November 2017 | Keine Kommentare

Vier taffe hochgebirgserfahrene Mädels wollen sich aufmachen, nachdem vor genau 83 Jahren Wiener Bergsteiger diese grandiose Wanderroute durch das wilde Herz des Nationalparks Hohe Tauern eröffnet haben, um sich in deren Fußstapfen zu begeben. Der Wiener Höhenweg soll Elisabeth, Conny, Angelika und Jutta, (Bild 01) durch die Schobergruppe in Richtung Großglockner führen. Ich darf sie dabei begleiten.

Wir schreiben August. Der Bergsommer 2017 war wettertechnisch bisher sehr durchwachsen, die Schönwetterperioden waren kurz, es gab viel Regen und Gewitter. Die Vorbereitungen auf die Tour sind abgeschlossen. Wir können aufbrechen. Doch einen Moment, was erwartet uns?

Herrliche Bergseen, grandiose Panoramablicke, aber auch zahlreiche hohe Übergänge, deutlich über 2.500m, mit Schneerinnen, Firnfelder, seilversicherten Passagen. Als Schlüsselstellen gelten die extrem steile Hornscharte bzw. die ebenfalls sehr steile Klammerscharte. Beide Übergänge, knapp 3.000m hoch, befinden sich zwischen der Adolf-Nossberger und der Elberfelder Hütte. Welche der beiden Scharten günstiger zu gehen sein wird wollen wir vom Hüttenwirt der `Nossi´ erfahren. Die Tendenz ist so: im Frühsommer die Klammer-, im Spätsommer die Hornscharte. Und wenn nichts geht haben wir im TourPlan noch die Alternative über die Lienzer Hütte vorgesehen.

Wir beabsichtigen euch hier auf ein paar Erlebnisse mitzunehmen, die uns in besonderer Erinnerung geblieben sind:

Wir sitzen auf der Abbruchkante des einstigen Klammerkees und genießen den prächtigen Ausblick in den Talschluss des Gradentals, dem schönsten Tauerntal überhaupt.  Hinter uns der malerische Eissee, (Bild 02) auf einem Plateau in 2.800m Höhe gelegen, an den Südausläufern des Keeskopf. 300Hm unter uns die Nossberger Hütte. Die idyllisch am türkisblauen Gradensee liegende Hütte, umgeben von einigen Dreitausendern, erwartet uns. (Bild 03) Die Stimmung ist großartig, ein paar Wölkchen am sonst blauen Himmel und bislang kein Regen. Wir müssen uns entscheiden: Keeskopf oder finnisches Badefass. Das Badefass liegt in der Beliebtheit vorn.

Steil bergab geht es nun auf dem Gletscherschliff. Hier und da ein roter Orientierungspunkt. Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg. Jede/r lotet dabei seine eigenen Möglichkeiten aus. Zum Glück ist der Stein trocken. Noch können wir nicht ahnen, dass wir diesen Weg ein zweites Mal gehen werden. Unweit vor der Hütte ist der Wegweiser nach links zur Klammerscharte durchgekreuzt. Klammerscharte wegen Steinschlag gesperrt. OK, damit hat sich bereits diese Frage erübrigt. Christian der Hüttenwirt begrüßt uns mit Handschlag. Wir befinden uns in einer urigen romantischen Hütte und bekommen ein eigenes Zimmer. Der Badespaß mit dem taffen Kleeblatt im finnischen Badefass fällt leider aus. Das im Freien stehende Fass ist vor ein paar Tagen Opfer der starken Regenfälle und Orkanböen geworden. Von der Terrasse gibt das Gradental das Panorama der Goldberggruppe mit dem Hohen Sonnblick frei, eingerahmt von einem Regenbogen. (Bild 04) Die Speisetafel bietet am Abend Sau vom Grill an. Wir sprechen mit dem Hüttenwirt über das morgige Wetter. So wie heute, nur am Nachmittag … Also das Übliche. Dann wollen wir ohnehin längst die Hornscharte hinter uns gelassen haben. Über die Scharte selbst erfahren wir von ihm noch einmal die aktuellen Verhältnisse: sehr steil, auf beiden Seiten etwa 100m seilgesichert, ausrutschen sollte man hier besser nicht. Es liegt auch kein Schnee. Bei den Unwettern der vergangenen Tage hat eine Mure ein Stück des Weges im Aufstieg weggerissen. Dort ist im losen Geröll besondere Vorsicht angesagt. Grödel und Regenjacken bleiben also in den Rucksäcken.

Eine Stunde! zeitiger als sonst eröffnen wir am nächsten Morgen die Schlüsseletappe in Richtung Elberfelder Hütte. (Bild 05) Die Anspannung ist groß, wir gehen konzentriert durch das nordseitige Kar empor. Der Pfad wird steil und ausgesetzt, geht durch Blockwerk und loses Geröll. Gegen 11Uhr sehen wir die Hornscharte in etwa 3.000m Höhe. Wir sind 2 1/2 Std. unterwegs. Ein Blick auf die Karte: es sind noch 200Hm im steilen, immer schwieriger werdenden Gelände. Vier junge Männer kommen uns von der anderen Seite schon entgegen. Sie sagen, dass es jenseits der Scharte bereits regnet und dass der Fels sehr glatt sei. Sie verabschieden sich, nicht ohne uns noch einmal auf die anstehende Gefährdung hinzuweisen. Die ersten Nebelschwaden ziehen durch die Scharte. Noch sind wir unschlüssig. Keine 10 Minuten später fällt der erste Regen. Viel früher als angekündet. Angelika rät zur Beratung. Unsere Gesundheit wiegt schwerer als der Blick von der Scharte auf den hinter Wolken verborgenen Großglockner. Und weil umkehren keine Schande ist entschließen wir uns zur Umkehr. Diese neue Situation müssen wir erst einmal sacken lassen und verarbeiten. Der Abstieg im Regen ist nicht einfacher. (Bild 06) Wieder auf sicherem Weg kreist bereits Christians Drohne über unseren Köpfen. Wir werden also bereits jetzt auf der `Nossi´ angekündigt. Der Abend in der Hütte wird noch einmal richtig schön. Die vier Jungs sind auch da und zeigen uns ihre Handyfotos von der Überschreitung der Hornscharte. Es gibt keinen Zweifel: wir haben richtig entschieden. Wir gehen entspannt schlafen und haben das Gefühl mit unserer Entscheidung ein Stück gewachsen zu sein.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Doch ein Wetterumschwung liegt sehr nahe. Wir riskieren keinen zweiten Versuch über die Scharte. Die Elberfelder und die Glorer Hütte werden von mir abgesagt und Jutta, bewandert im operativen Umorganisieren, beschafft für uns Schlafplätze in der Lienzer und in der Hochschoberhütte. Schnell noch ein Foto am Fass (Bild 07) und schon erklimmen wir mit Freude und Kraft wieder den glattgeschliffenen Gletscherabbruch in Richtung Eissee hinauf. Heute bleibt uns Zeit für einen Abstecher auf den Keeskopf, 3.081m. Wir steigen leichtfüßig, weil ohne Rucksack, über Felsstufen und Granitblöcke. Im oberen Teil allerdings geht es mit einiger Kletterei ganz schön heikel zum Gipfel. (Bild 08) Hier oben können wir unseren Aussichtstraum verwirklichen: Hochschober, Großvenediger, Großglockner, Roter Knopf, Petzeck,…. Angelikas Peakfinder App ist uns dabei hilfreich.

Nicht der erste 3.000er auf dieser Tour. Über dem größten und tiefsten Gebirgssee der Hohen Tauern, dem Wangenitzsee, befindet sich auch der höchste Berg der Schobergruppe, der Petzeck mit 3.283m. Vor drei Tagen waren wir auch auf diesem Gipfel. (Bild 09) Wolken versperrten uns allerdings die Weitsicht. Diese teilweise seilversicherte Bergtour starteten wir am knapp 2.500m hoch gelegenen tiefblauen Wangenitzsee. (Bild 10) Das Besondere an dieser langen Tour war der ständige Wechsel zwischen Fels und Schneefeldern und die Überschreitung eines Gletscherrestes unter dem Gipfelaufschwung. (Bild 11) Am Gipfelkreuz spürten wir den Aufstieg noch einmal emotional nach.

Zurück vom Keeskopf. Auch Frauen wollen bauen dürfen: Women Power am Berg. (Bild 12)

Unser neues Ziel ist jetzt das Iseltal. Dort gibt es eine Verbindung mit dem Postbus nach Kitzbühel. Und von da wollen wir mit dem Nightjet wieder zurück nach Koblenz fahren; Frühstück im Zug inklusive.

Statt jetzt weiter auf dem Wiener Höhenweg zu gehen nehmen wir im weiteren Verlauf den nach dem Alpinisten Adolf-Noßberger benannten Weg über die Niedere Gradenscharte, 2.796m zur Lienzer Hütte. Diese Hütte befindet sich im Debanttal, sie soll die schönste Schutzhütte Osttirols sein. Auf Grund der Auflagen des Umweltschutzes dürfen hier pro Tag nur acht Duschmarken verkauft werden. Da kommen wir schlicht zu spät. Wir denken darüber nach auf dem Weg zur Hochschoberhütte einen weiteren 3.000er zu besteigen, den Hochschober mit 3.240m. Das wird zu riskant, so der Hüttenwirt der Lienzer, morgen wird schon am Vormittag ein Gewitter aufziehen. Also lassen wir unser Vorhaben fallen und sehen zu, dass wir trocken zur Hütte kommen.

Zwei Stunden! früher als sonst brechen wir morgens auf. Wir haben uns entschieden über das Leibnitztörl zu gehen. Etwa halb 11Uhr erreichen wir das Törl auf 2.590m. Als Spiegel dieses urigen Gebirges liegt hier ganz versteckt der malerische Gartlsee. (Bild 13) Ein wunderschönes Kleinod inmitten der Kernzone des Nationalparks. Von Gewitter kein Spur, nur ein paar Wolken zieren das Himmelblau. Wir gönnen uns eine lange Pause am See und lassen einfach die einzigartige Natur auf uns wirken. Elisabeth nimmt bei etwa 8°C Wassertemperatur entspannt ein Vollbad. (Bild 14) Uns Warmduscher fröstelt es schon beim Zuschauen. In den eBook´s wird die angefangene Lektüre weitergelesen. Die Hütte befindet in Sichtweite etwa 250Hm tiefer in einem schönen Kessel und wird von den 3.000ern Prijakt, Hochschober und Rotspitze eingerahmt.

Harry Lucca empfängt uns mit `Griaß Eich´. Schon beim Eintreten in die Hütte fällt uns die außergewöhnliche Sauberkeit auf. Alle Zimmer sind liebevoll eingerichtet. Das Lager unter dem Dach ist nur für uns, bietet viel Platz, alles schaut wie neu aus. Harry erzählt uns, dass er viel in Tibet unterwegs war und dass er hier als Hüttenwirt seine beiden Leidenschaften, das Bergsteigen und das Kochen miteinander verbinden kann. Die gemütliche Gaststube gibt uns am Abend das Gefühl in einem kleinen Feinschmeckerparadies inmitten der 3.000er zu sitzen. Und der selber gemachte rotbraune Zirbenschnaps ist der absolute Renner.

Wir erinnern uns am letzten gemeinsamen Hüttenabend mit voller Zufriedenheit und auch mit etwas Wehmut an die vergangenen Tage, die mit viel Spaß und Freude verbunden waren. Glücklich nehmen wir Abschied von einer traumhaften, einsamen Bergwelt, die so eine landschaftliche Ursprünglichkeit zu bieten hat, wie man sie nur noch in den entlegenen Ecken des Himalaja oder der Anden erwarten würde.

Es regnet die ganze Nacht relativ kräftig und es soll auch am Tage so weiter gehen. Am Morgen schafft es die Filteranlage nicht, aus dem verschmutzten Bergwasser, Wasser in Trinkqualität herzustellen. Für den Kaffee ist gerade noch genügend Wasservorrat im Tank. Auf Grund der Wetterprognose lassen wir uns beim Frühstück endlich wieder einmal richtig Zeit.

Der Himmel zieht unerwartet auf, die ersten Sonnenstrahlen lassen sich sehen. Punkt 9:30Uhr stehen wir vor der Hütte. Harry macht noch schnell ein Abschiedsfoto von uns. (Bild 15) Auf dieser Hütte passt einfach alles.

Eine Zeit lang führt uns ein angenehmer Weg parallel zum Leibnitzbach talwärts. (Bild 16) In dem beschaulichen naturbelassenen Tal stürzt das Wasser der Nacht respekteinflößend mit viel Getöse von den Felswänden herab und vereint sich zu einer wildromantischen Klamm.

Und außerdem:

  • Am Start eine hübsche Pension und ein gutes Frühstück. (Bild 17)
  • Rundweg am Almsee unweit der Winklerner Hütte. (Bild 18)
  • Auf dem Gipfel des Straßkopf, Hausberg der Winklerner Hütte. (Bild 19)

 

Text und Bildauswahl: Volker Glöß

 

 

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Kategorie: Aktuell, Allgemein, Bergsteigergruppe

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