Alpine Mehrseillängen im Lechquellgebirge

| 22. Oktober 2017 | Keine Kommentare

 

Einen Einstieg in alpine Mehrseillängen, die ihren Namen auch verdient haben, sollte uns ein Aufenthalt auf der Ravensburger Hütte, mitten im Lechquellgebirge, bieten. Wir fuhren also zu dritt mit dem Zug etwas beschwerlich und wortwörtlich gemäß dem Slogan „Genießen Sie das Leben in vollen Zügen!“ in Richtung Lech am Arlberg, wo wir uns an den nicht minder beschwerlichen Aufstieg zur Hütte machten.
Obwohl doch schon nach der Kurve der Stausee kommt (nicht wahr, Andi?!), benötigten wir einige Stunden und waren umso erleichterter als nach einigen Murmeltieren auch der mehrmals angekündigte Spullersee vor uns auftauchte, und damit auch die Hütte in greifbarer Nähe war. Dort fielen wir nach einem ausgiebigen Abendessen müde in unser kleines 6-Mann-Matrazenlager.

Der nächste Tag brachte uns zum Einklettern jede Menge ausgewaschene Wasserrinnen, die zu erklimmen es einer besondere Kunst erfordert, die der gemeine Basaltkletterer zunächst nicht beherrschte.
Einige Seillängen später hatten wir uns an die etwas eigenwillige Kletterei gewöhnt und konnten nach einer kurzen Stärkung noch in den „Clean Climbing Lehrpfad“ einsteigen, der sich damit rühmt, besonders einsteigerfreundliche Übungsmöglichkeiten für das Legen von Klemmkeilen und Friends zu bieten. Das geht an nicht offensichtlichen Stellen bis hin zu farbigen Markierungen der Placements, auch wenn die Markierungen zum Teil selbst gut zu übersehen waren. Nach drei Seillängen brachen  wir ab, um noch rechtzeitig zum Abendessen an der Hütte zu sein und uns im Anschluss den Abend mit Spielen der Firma Ravensburger vertreiben zu können.

Tag Zwei sollte uns ein etwas alpineres Programm bieten, denn wir peilten den Gipfel der Plattnitzerjochspitze über den Ostgrat mit seinen fünf Türmen an. Das Wetter schien uns hold zu sein, und nach einem etwas umständlicheren Zustieg durch Latschen und Felsen, den uns eine Mutterkuh samt Kälbchen auf unserem Ursprungsweg bescherte, standen wir endlich vor der Wand, die auf Fotos nach nicht viel mehr als einem großen Boulder auszusehen schien. Die zwölf Seillängen über den Grat boten uns dann jedoch allerlei Abwechslung von kniffligen Kletterstellen über ausgesetzte Grate bis zu breiten, gehbaren Strecken. Nachdem wir genüsslich am Gipfel ausgestiegen waren, galt es noch einen Grasgrat zu überqueren, der uns stetig ins Tal führen sollte. Dort übten wir uns im Spurenlesen, denn von unserem Weg war urplötzlich nichts mehr zu sehen, so dass wir den ausgetretenen Kuhpfaden folgten, die uns oft genug in die Irre leiteten. Im Tal angekommen und wieder zur Hütte aufgestiegen erwartet uns erneut ein ausgezeichnetes Abendessen.

Um unseren müden Gliedern am nächsten Tag etwas Erholung zu gönnen begaben wir uns auf eine Wanderung in Richtung Kleiner Wildgrubenspitze, die wir allerdings nicht komplett erklommen. Immerhin genossen wir den wunderschönen Ausblick ins nächste Tal und auf die kleine dort residieren Biwakschachtel, und das nutzten das Panorama um einige Magazin-taugliche pseudo-Yoga-Bergbilder zu schießen. Schließlich kann ja nicht jeder mitten im Gebirge auf einem Stein stehend eine Standwaage 😉
Wieder an der Hütte beschäftigten wir uns mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Monsterpups sowie einigen weiteren sinnbefreiten Gesellschaftsspielen.

Die Erholung des Tages reichte dann gerade so aus, um uns am darauffolgenden Tag der rauhen Seite des Alpinkletterns zu widmen. Die Westwand der Roggalspitze über eine Kombination aus Kerstin Grundke Gedächtnisweg sowie der Route Westwand sollte es sein. Nach den knackigen, aber eher sportlich-angehauchten ersten Seillängen bis zum Grasband des Berges erblickten wir, direkt im Einstieg unserer weiteren Route, zwei sehr große Steinböcke, die es sich gerade dort gemütlich machten. Zunächst stellten wir uns auf eine etwas längere Pause ein und aßen erst einmal etwas, bis sich die mächtigen Tiere flink in höhere Gefielde verzogen und wir unseren Weg über das steile Grasband sowie entlang des Felsens fortsetzen konnten. Dies dauerte aufgrund einer kurzen Blockade etwas länger als zunächst gedacht, wir konnten jedoch nach einiger Überzeugungsarbeit unbehelligt in die Westwand einsteigen. Dort genossen wir eine Auswahl aus leichtem alpinen Gelände, spannenden, boulderlastigen Seillängen und interessanten Verschneidungen. Kurz vor der Schlüsselseillänge durch einen kurzen Überhang zog um uns herum in raschem Tempo ein Unwetter auf. Da Abseilen in diesem Moment keine vertretbare Option mehr war, zogen wir die letzten zwei Seillängen etwas angespannter durch und konnten auch leider den Gipfel nicht mehr genießen, denn zum Einen war das Wetter beinahe über uns, zum Anderen versperrten Wolken die Sicht auf das Tal. So machten wir uns schnell daran den „Normalweg“, einen drahtseilgesicherten Steig (kein Klettersteig), abzusteigen und dabei den Regen, den kurzen Hagelschauer sowie den stetig aufziehenden Nebel und die abgetakelten Drahtseile möglichst zu ignorieren. Im Tal wurden wir von noch mehr Nebel und einigen neugierigen Gämsen erwartet sowie den Hüttenleuten erwartet, denn wir kamen erst drei Stunden nachdem es Abendessen gegeben hätte und nach insgesamt 13.5 h Tour wieder in der Hütte an. Den obligatorischen Zirbenschnaps ließen wir uns dann aber nicht nehmen.

Der letzte Tag erwartete uns dann wieder mit Sonnenschein, den wir den Vormittag über noch an der Hütte genossen um dann frohen Mutes wieder komplett ins Tal abzusteigen. Wäre das Wetter nicht so wunderbar gewesen, wäre uns dabei vermutlich auch nicht in den Sinn gekommen noch ein spontanes Bad im Gebirgsbach samt Wasserfall zu nehmen, bevor es kurz darauf im Schlafabteil des Nachtzuges wieder nach Koblenz ging, wo wir mit Kaffee und Brötchen geweckt wurden.

Nach diesen Tagen konnten wir vor allem auf viel Abenteuer für alpin nicht besonders erfahrene Kletterer zurücksehen, aber auch auf viele Erfolge und vor allem sehr viel Spaß. Die Ravensburger Hütte und deren Team war uns ein wundervoller Gastgeber und die Felsen im Lechquellgebirge laden auch weiterhin zu schönen Touren ein. Vielleicht zieht es uns ja noch einmal an den Spullersee und, mal sehen, möglicherweise können wir bis dahin das Klettern an ausgewaschenen Wasserrillen noch einmal irgendwo anders üben.

Text: Annika Wießgügel

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Kategorie: Allgemein, Berichte, Juma

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