Abenteuer light – Klettern im Sandstein der Nordvogesen

| 4. November 2014 | Keine Kommentare

Im Herbst 2014 führte uns (Tomi, Magda, Rainer, Kerstin, Katrin und der Berichterstatter) ein Kletterwochenende in den roten Sandstein der Nordvogesen. Wer es noch nicht wissen sollte: die Kletterrouten im Fels auf der französischen Seite des Wasgau sind genau so lang und genau so schön wie in der Südpfalz, aber mit Bohrhaken durchweg besser abgesichert. Ein Argument, das auch uns überzeugt hat und die weite Anreise rechtfertigt. Gleichwohl bleibt auch in den Vogesen, trotz aller Absicherung, immer noch ein wenig Abenteuer übrig – sei es durch die Ausgesetztheit der Routen, sei es durch die ungewohnte Reibungskletterei im Sandstein oder sei es durch die eigene physische und psychische Verfassung.

Ende September stellt sich endlich der ersehnte Altweibersommer mit viel Sonnenschein und warmen Temperaturen ein. Eine kleine Entschädigung für den verregneten Sommer und manche ins Wasser gefallene Tour der Klettergruppe. Wir treffen uns alle am Windstein, einem der größten und traditionsreichsten Klettergebiete im nördlichen Elsass. An der malerischen Felsen- und Burgruine findet sich neben den unübersehbaren Spuren aus der Ritterzeit eine große Auswahl von mittelschweren und schweren Kletterrouten. Wir, die im Basalt „zuhause“ sind, müssen uns erst wieder mit dem Sandstein und seinen speziellen Eigenschaften anfreunden. In den steileren Routen wird vor allem Kraftausdauer gefordert, in den eher geneigten und plattigen Routen in erster Linie sauberes Stehen und ein freier Kopf. In allen Routen und Gebieten gilt es, den Fels vorsichtig und mit Umsicht zu beklettern. Nicht alles ist fest und Steinschlag ist immer ein Thema, wie wir selbst erfahren müssen. Am Windstein gelingen uns eine Reihe schöner Routen, allen voran die weithin bekannten Klassiker „Viol à main armée“ (6b) und „Les voleurs“ (6a+). Letztere wird in den Führern als eine der schönsten Kantenklettereien der Nordvogesen gelobt. Eine eindrucksvolle, luftige Linie ist sie allemal. Hervorzuheben ist auch die Route „La bauge“ (6a), die steil und großgriffig an alten Toröffnungen und Balkenlöchern entlang in die Höhe zieht oder auch die abwechslungsreiche „Capitaine Crochet“ (6a). Nach einem halben Dutzend Touren sind unsere Arme und Köpfe leer. Als wir einpacken, taucht die warme Abendsonne die hohe Südwand des Windsteins in goldenes Licht. Ein stimmungsvoller Abschluss für einen perfekten Klettertag.

Für die Nacht haben wir uns auf dem Campingplatz „La Bremendell“ bei Sturzelbronn einquartiert. Pluspunkte des Platzes sind ordentliche Sanitäranlagen, ein gutes Restaurant mit umfangreichem Speisen- und Getränkeangebot sowie ein sehr fairer Übernachtungspreis. Nach dem Frühstück in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen machen wir uns auf zu den Felsen. Magda und Tomi wollen sich heute den Rocher Philippe anschauen. Dort können sie – als einzige Seilschaft am Fels – in aller Ruhe die schönen und langen Routen unter die Sohlen nehmen, wie z. B. die markante Kantenlinie „Quitte ou double“ (6b). Wir anderen fahren zum Wachtfels bei Obersteinbach. Die hohe Südwand bietet die seltene Möglichkeit zu Mehrseillängentouren, die wir gerne nutzen. Ich klettere mit Katrin die „Excef du zef“ bzw. „Pine raide sur dalle“, deren mittlere Seillänge mit einer heiklen Reibungsplatte im unteren sechsten Franzosengrad eine gefestigte Vorstiegsmoral verlangt. Moralisch anspruchsvoll sind auch die plattigen Einstiege der „Bora bora“ (5c+) und „Bon pied, mon oeil“ (6a). Die Routen sind nicht unlohnend, aber auch etwas, sagen wir mal, „speziell“. Wer sich auf sandige Reibungstritte und wulstige Auflegergriffe einlässt, kann hier durchaus seinen Spaß haben. Höhepunkte des Klettertages sind sicherlich die wunderschöne „Wadi rum“ (6a+), die mit großen Henkeln in steiler Wand besticht sowie die eindrucksvolle Riss- und Wandkletterei „La fissure“ (6b+), die mitten durch die pralle Hauptwand zieht und von Rainer souverän gemeistert wird. Neben all den schönen Klettertouren sei noch eine kritische Bemerkung erlaubt. Etwas unangenehm (um nicht zu sagen: saugefährlich) sind bei unserem Besuch des offenbar recht beliebten Wachtfelsens die vielen und zum Teil erschreckend unbedarften Kletterer. Das Anstehen-müssen für die begehrtesten Routen ist noch das kleinere Übel. Ärgerlicher sind diagonal verlaufende Topropes ohne Zwischensicherungen, die zu weiten Pendlern, sogar über andere Seilschaften hinweg, führen und richtig gefährlich wird es, als unvorsichtige Kletterer wiederholt Steinschlag auslösen, während unten am Wandfuß Kinder – wie ihre Eltern ohne jeglichen Kopfschutz – auf der Picknickdecke spielen. Na ja, wie sagt der Kölsche: „Et hätt noch ens jot jejange“, aber mir hat es für einen Moment die Laune verdorben. Auch die kleinen Misserfolge des Wochenendes sollen nicht verschwiegen werden: abgebrochene Vorstiegsversuche und diverse blutige Schrammen an den Händen sind auf der Soll-Seite zu verbuchen. Auch das ist Klettern. Tomi und Magda sind inzwischen wieder zu uns gestoßen, so dass wir den Tag beim wohlverdienten Abschlussbier auf der Sonnenterrasse des „Restaurant au Wachtfels“ gemeinsam ausklingen lassen können.

Abgesehen von den erwähnten unschönen Situationen, die beim Klettern freilich überall und immer wieder vorkommen, hatten wir alles in allem ein harmonisches Wochenende mit schönen Klettererfolgen und tollen Touren bei goldener Herbstsonne in einer wunderschönen Landschaft. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen.

Text: Peter May

 

 

 

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Kategorie: Klettergruppe

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