Dolomiti e Emozioni – Klassische Kletter- und Eisenwege an den Drei Zinnen, im Rosengarten und in der Pala

| 18. Dezember 2016 | Keine Kommentare

Dolomiti e Emozioni – Klassische Kletter- und Eisenwege an den Drei Zinnen, im Rosengarten und in der Pala

von Peter May, Koblenz

Mit meinen inzwischen mehr als fünfzig Lenzen wollte ich es noch mal wissen und einige Tourenträume verwirklichen, bevor Gesundheit, Fitness und Selbstvertrauen es nicht mehr zulassen. Die Dolomiten in den italienischen Alpen, für nicht Wenige das schönste Gebirge der Welt, waren das Ziel meiner Sehnsucht: teils wegen der eleganten und atemberaubend steilen Felstürme, die dort erklettert werden können, teils um berühmte Berggruppen in natura zu sehen, teils um alte Versprechen einzulösen. Anfang August 2016 mache ich mich mit meinem langjährigen Tourenpartner Detlev Reimann auf den langen Weg in Richtung Süden, um aus den Träumen Realität werden zu lassen.

Unseren ersten Stützpunkt beziehen wir auf einem Campingplatz am Misurina-See am Fuß der weltbekannten Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten. Als wir vor zwei Jahren die Zinnen umwandert hatten (vgl. Tourenbericht „Jenseits von Gröden“, Bergpostille 1/2015), war in uns der Wunsch entstanden, einmal ganz oben auf dieser spektakulären Berggruppe zu stehen. Der einfachste Weg, den Gipfel der Grossen Zinne (2.999 m) zu erreichen, ist der Normalweg, der auf der geneigten Südseite über Rinnen, Stufen und Kamine empor zieht. Die Anforderungen lauten laut Führer: 450 Meter Höhendifferenz, 7 Stunden Auf- und Abstieg, Schwierigkeit 3+. Der vermeintlich geringe Schwierigkeitsgrad sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Normalweg eine recht anspruchsvolle alpine Klettertour ist. Die Herausforderungen heißen hier Wegfindung, schlechte Absicherung und über weite Strecken seilfrei zu begehendes Absturzgelände im 1. und 2. Grad, stellenweise auch darüber. Der Wettergott meint es gut mit uns und wir stehen um viertel vor sieben mit den ersten Sonnenstrahlen am Einstieg unserer Route. Ein paar Kletterer sind schon vor uns eingestiegen und noch mehr werden uns im Laufe des Tages folgen. Der Normalweg auf diesen Paradeberg ist begehrt und häufig begangen, auch wenn es sich um ein durchaus ernst zu nehmendes Unterfangen handelt. Die ersten Seillängen bis zum unteren dritten Grad gehen wir seilfrei und so kommen wir schnell voran. Andere Seilschaften weisen uns den Weg und geben uns wertvolle Tipps für der Routenverlauf. In der Wandmitte wartet die Schlüsselstelle auf uns, ein glatter Kamin. Wir binden uns ins Seil und können den engen Schlund an Normalhaken und Friends gut gesichert hoch klettern. Bald folgt das obere Ringband, das weit nach links gequert wird, dann führen uns weitere Rinnen und Rampen direkt zum Gipfelkreuz. Um viertel nach neun stehen wir schon auf dem Gipfel der Cima Grande, eine Stunde vor der üblicherweise benötigten Zeit. Und was für ein Gipfel, was für ein Ausblick!

Es ist ein selten schöner Tag mit klarer Fernsicht und wolkenlosem Himmel, sonnig, warm, fast windstill. Wir saugen das Wahnsinns-Panorama in uns auf: zum Greifen nah die beiden anderen Zinnen und der Monte Cristallo, im Norden der Alpenhauptkamm mit den schneebedeckten Häuptern von Ortler, Wildspitze, Großvenediger und Großglockner. Tief unter uns liegen der dunkle Misurina-See und das dunstige Tal von Auronzo. Es ist ein großes Glück, genau jetzt hier oben zu sein. Nach vielen Fotos und einer ausgiebigen Pause machen wir uns an den Abstieg. Er ist nicht weniger mühsam und heikel als der Aufstieg, im Gegenteil. Den „bösen Block“, eine abdrängende Querung im dritten Grad, können wir mit großer Vorsicht sturzfrei abklettern. Von oben betrachtet erscheint uns das abzusteigende Gelände noch unübersichtlicher. Vieles, was wir soeben seilfrei hochgeklettert sind, seilen wir jetzt ab.

Wir müssen über uns selbst staunen, was wir da vorhin ohne Sicherung hinauf gekraxelt sind. Das Gelände bleibt anspruchsvoll, es gibt viel Geröll, auch Steinschlag, und wir müssen uns immer wieder dazu zwingen, voll konzentriert zu bleiben. Die Kräfte lassen langsam nach, so dass wir die letzten zweihundert Höhenmeter weitgehend abseilen. Gut, dass wir ein 60-Meter-Seil dabei haben, es reicht gerade bis zu den nächsten Abseilständen. Mit dem Abklettern und Abseilen kommen wir einigermaßen zurecht, merken aber auch deutlich, dass uns die Routine und die nervliche Robustheit für solche alpinen Abenteuer fehlt. Meine letzte alpine Klettertour liegt schon drei Jahre zurück! Nach knapp drei Stunden Abstieg stehen wir wieder auf sicherem Grund. Geschlaucht, aber glücklich. Das war ein gelungener Auftakt für unsere Bergwoche, so kann es weiter gehen!

Wir verbringen eine weitere Nacht auf dem Campingplatz „Alla Baita“ am Misurina-See, dann packen wir das Zelt ins Auto und fahren los, um eine andere berühmte Berggruppe in den Dolomiten zu besuchen: den Rosengarten, König Laurins Reich. Dort oben stehen im „Gartl“ die eleganten Vajolet-Türme – eine Gruppe aus drei hohen, schlanken Felsnadeln, die nach ihren Erstersteigern benannt sind: Delago-Turm, Stabeler-Turm und Winkler-Turm. Die filigranen Türme sind sehr ästhetische Felsgebilde, die den Betrachter mit ihrer unglaublichen Form und Steilheit sofort in ihren Bann ziehen. Genau an der messerscharfen Kante des Delago-Turms zieht eine klassische Kletterroute im fünften UIAA-Grad hoch – vier extrem ausgesetzte Seillängen, steil und luftig, schrecklich und schön zugleich. Schon lange habe ich davon geträumt, hier mal hoch zu steigen. Die Ansage steht – allein das Wetter ist schlechter gemeldet und könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen. Die Fahrt über die kurvenreichen Passstraßen gestaltet sich für Detlev, der das Auto lenkt, mühsam, für mich eher unterhaltsam, denn wir passieren Wände und Gipfel, die Erinnerungen an frühere Klettertouren wecken: die Fiames-Kante über Cortina d´Ampezzo, der kleine Tofana-Pfeiler, die Hexenstein-Südkante, die Via del Buco am Falzarego-Pass, die Via Miriam an den Cinque Torri. Jetzt also der Rosengarten. An der Frommer-Alm stellen wir das Auto ab und fahren mit der Seilbahn hoch zur Rosengarten- oder Kölner Hütte. Der Himmel hat sich zugezogen und wir hoffen, noch im Trockenen die Gartl-Hütte auf 2.621 m Höhe zu erreichen. Hierfür müssen wir den Santnerpass-Klettersteig überwinden. Der Steig ist an sich schon ein lohnendes Tourenziel. Er führt in mäßigen Schwierigkeiten in gut zwei Stunden über eine natürlich vorgegebene Linie quer durch die Westflanke der Rosengartenspitze. Da wir von den Zinnen her alpines Gelände gewohnt sind, lassen wir die Klettersteigsets im Rucksack und können den Klettersteig zügig hinter uns bringen. Wir haben Glück, denn kaum sind wir in der Gartl-Hütte angekommen, fängt es an zu regnen. Wir beziehen ein eigenes Zimmer und vertrödeln den Nachmittag mit schlafen und fotografieren. Obwohl es später aufklart, erscheint uns das Wetter zu unsicher, um jetzt noch in eine Klettertour einzusteigen. In der Nacht kommt der angekündigte Wettersturz mit voller Wucht. Gegen Morgen geht der Dauerregen in Schnee über, das Thermometer zeigt nur noch zwei Grad über Null. Hüttenwirt Stefan rät uns dringend von einer Besteigung der Delago-Kante ab, es sei den, wir wollen aus der Wand gefegt werden. Stattdessen könnten wir den windgeschützten Normalweg auf den Stabeler-Turm machen oder die deutlich kürzere Südwestkante des Torre Piaz, der den Vajolet-Türmen vorgelagert ist. Wir entscheiden uns für die letztere Alternative, da sie vergleichsweise kurz ist und die Wegführung offenkundig erscheint. Die Tour ist nur mit 4+ bewertet, was soll da schon groß passieren? Bei strahlender Sonne, aber eisigem Wind gehen wir mit Seil und Haken ausgerüstet die wenigen Meter von der Hütte zum Einstieg. Ich steige ein. Zwei Fleece- und eine Windjacke machen mich nicht gerade beweglicher. Die von der Hütte aus gesehen offensichtliche Kante löst sich vor Ort in eine unübersichtliche Wand auf. Geht es rechts herum oder doch weiter links, direkt an der Kante? Der Fels ist stellenweise ziemlich brüchig, zur Absicherung gibt es ab und zu einen alten, verwitterten Felshaken. Das Gelände ist auf einmal sehr exponiert, links der Kante geht es zwei-, dreihundert Meter senkrecht in die Tiefe. Ich spüre, wie die Angst langsam in mir hoch kriecht. Um die Nerven zu beruhigen, lege ich viele Sicherungen und Schlingen, wodurch ich mir einen mörderischen Seilzug einbrocke. Ich zaudere. Dann gehen mir auch noch die Karabinerhaken aus. So ein Mist! Einen Augenblick überlege ich ernsthaft, wieder abzuklettern. Das erscheint mir dann aber noch riskanter, als einfach weiter zu gehen. Stürzen ist in diesem Gelände absolut verboten! Ich kann mich überwinden und sehe nach ein paar weiteren Zügen über mir einen soliden Standplatz. Detlev hat inzwischen 45 Meter Seil ausgegeben, dann bin ich endlich am Stand. Mein Partner kommt halb erfroren nach und überlässt mir gerne auch noch die Führung der zweiten und letzten Seillänge, die dann aber zum Glück vergleichsweise kurz und einfach ist. Vom Gipfel aus bestaunen wir die direkt gegenüber von uns in den Himmel schießende Delago-Kante. Wie unglaublich steil und ausgesetzt sie ist! Auf einmal sind wir gar nicht mehr so unglücklich, dass wir sie haben sausen lassen müssen. Voll konzentriert und jeden Handgriff doppelt kontrollierend seilen wir uns auf der Rückseite des Torre Piaz ins Unbekannte ab. Wir haben Glück, das Seilende reicht bis auf den schrofigen Vorbau hinunter. Puh, geschafft! Auf der Hütte genehmigen wir uns das verdiente Abschlussbier. Gegen Abend zeigt sich dann der Rosengarten im Licht der tief stehenden Sonne in seiner vollen Pracht. Die Strahlen der tief stehenden Sonne zaubern durch die Wolkenbänke hindurch faszinierende Licht- und Schattenspiele in die Türme und Wände. Ich schieße unzählige Fotos von den bizarren Vajolet-Türmen, schöne Erinnerungen an einen aufregenden Klettertag. König Laurin hat uns nicht enttäuscht.

Die zweite Nacht auf der Hütte ist entspannt und erholsam, der Morgen danach noch immer kalt und windig, es hat gefroren. Aber die Sonne strahlt und wir machen uns nach dem Frühstück guter Dinge an den Abstieg. Für den Rückweg zum Auto wählen wir den Wanderweg über die Vajolet-Hütte und das Tschagerjoch. So können wir die wärmende Morgensonne genießen und die imposante Ostwand der Rosengartenspitze bewundern. Eine Seilschaft ist schon in der Wand, durch die einige großzügige klassische Kletterrouten führen. Für uns ist die Ostwand kein Thema – zu lang, zu anstrengend, zu schwer. Der Weg führt ohne große Höhenunterschiede südwärts durch das obere Vajolet-Tal und ist landschaftlich ein Traum. So machen die Berge Spaß! Dank des Sessellifts, der von der Rosengartenhütte ins Tal geht, sind wir schnell wieder am Auto.

Als dritte und letzte Station unserer Reise haben wir uns die Gruppe der Pala weit im Süden der Dolomiten vorgenommen. Die Pala ist nicht nur ein bekanntes Gebiet für Felsklettertouren, sondern auch landschaftlich sehr reizvoll und durch Wanderwege, Hütten und Klettersteige gut erschlossen. In gut zwei Stunden fahren wir über den Rolle-Pass mit dem imposanten Cimon della Pala (3.129 m), dem „Matterhorn der Dolomiten“ zum südlichen Ende der Pala-Gruppe. Auf dem sehr gepflegten Campingplatz Castelpietra im unteren Valle de Canali schlagen wir unser Zelt auf; ein komfortabler Stützpunkt mit Duschen, Minibar und netten dauercampenden Nachbarn. Um intensiv in die Berge einzutauchen, haben wir uns vom Klettersteig-Papst Eugen Hüsler zu einer langen Wander- und Klettersteigtour inspirieren lassen, die den südwestlichen Teil der Pala komplett umrundet und einmalige Landschaftserlebnisse verspricht. In aller Frühe piepst am nächsten Morgen der Wecker: fünf Uhr. Es ist noch dunkel und wir zwingen uns wortkarg Tee, Kaffe und ein wenig Essen hinein. Mit dem Auto geht es dann hoch in den Wald bis zum Ende der Fahrstraße an der Alm Prati Fosne auf 1.326 Metern. Das Wetter ist heiter bis wolkig und kühl gemeldet, Gewitter soll es keine geben. Wir können unser Vorhaben also entspannt und ohne Zeitdruck angehen. Die erste Stunde marschieren wir durch den nebelfeuchten Bergwald bergan, dann erreichen wir schrofige Bergwiesen und die ersten Drahtseile des Klettersteigs „Sentiero Dino Buzzati“ (K 2-3). Der Steig ist nicht allzu schwer und wir gehen, wie die beiden anderen Klettersteige an diesem Tag ebenfalls, ohne zusätzliche Sicherung (aber mit Helm!). Der Weg führt uns zwischen bizarren Felstürmen hindurch, die im wabernden Wolkennebel noch surrealer erscheinen. Dann stehen wir über der geschlossenen Wolkendecke, die das Tal unter uns wie ein See mit weißen Wogen ausfüllt. Darüber blinzelt eine milchig-trübe Sonne, ein schönes Bild. Auf den grasigen Hängen leuchten uns zahllose bunte Blüten entgegen, auch viel Edelweiß ist dabei. Dann tauchen hinter einem Kamm unvermittelt die beiden „Stars“ der südlichen Pala vor uns auf – die Cima della Madonna (2.752 m) und ihr „großer Bruder“ Sass Maor (2.814 m), beides sehr markante und formschöne Felstürme.

An der Nordwestkante der Madonna zieht die berühmte Schleierkante hoch (Spigolo del Velo, 5+, 12 SL), eine große, klassische Kletterroute. Früher hatte ich schon mal an eine Begehung gedacht, jetzt gebe ich mich aber mit ihrem bloßen Anblick zufrieden. Am Gipfel des Cimerlo (2.503 m) ist der Buzzati-Klettersteig zu Ende. Nach einigem Bergab und erneutem Gegenanstieg erreichen wir direkt unter der Westwand der Cima della Madonna die Velo-Hütte (Rigfugio Velo della Madonna, 2.358 m). Es ist noch früh und wir kehren nur kurz ein, um uns bei einer guten Tasse Tee aufzuwärmen. Dann geht es weiter nordwärts auf der Via Ferrata del Velo (K 2-3), bis wir die Scharte Il Porton erreichen. Den Porton-Klettersteig, der als brüchige, steinschlägige Rinne beschrieben wird, lassen wir rechts liegen und wenden uns der Cima di Ball und dem Klettersteig „Sentiero Nico Gusella“ (K 2) zu. An der Forcella Stephen stehen wir mit 2.680 m auf dem höchsten Punkt unserer Runde. Anschließend wird es leicht gruselig beim Abstieg durch eine steile Schlucht aus losem Geröll. Wir müssen gut aufpassen, dass wir nichts los treten und uns nicht selbst mit den Steinen erschlagen. Alles geht gut. In weitem Bogen führt nun der Klettersteig nach Osten zum Passo di Ball (2.443 m), wo die Sicherungen und die klettertechnischen Schwierigkeiten zu Ende sind.

Es ist inzwischen über Mittag, als wir das Rifugio Pradidali (2.278 m) erreichen. Eine Pause und ein kühles Getränk sind jetzt angesagt. Der Himmel zeigt sich noch immer bewölkt, was die Sicht auf die umliegenden Gipfel ein wenig beeinträchtigt, dafür aber auch unser Schwitzen in Grenzen hält. Jetzt steht uns noch der lange und mühsame Abstieg über tausend Höhenmeter hinab ins Val Pradidali und zum Auto bevor. Nachdem die steilen Serpentinen bis zum Pedemonte geschafft sind, können wir es auf dem jetzt nur noch leicht abschüssigen Wander- und Fahrweg gemütlich ausrollen lassen. Ziemlich genau 10 Stunden nach unserem Aufbruch sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen. Es mögen heute gut und gerne zweitausend Höhenmeter im Aufstieg und ebenso viele im Abstieg gewesen sein. Natürlich sind wir dementsprechend erschöpft, aber gleichzeitig auch froh über die gelungene Tour, die wir in unserer Camping-Bar gebührend begießen.

Die Rückreise nach Hause am folgenden Samstag verdient keiner besonderen Erwähnung, außer dass das Wetter wieder traumhaft schön und die Autobahnfahrt wie immer lang und nervig war. Insgesamt ziehe ich ein durchweg positives Fazit unserer Wander- und Kletterwoche in den Dolomiten: (meist) gutes Wetter, keine Unfälle, viel gesehen, spektakuläre Punkte besucht, tolle Touren gemacht – großes Bergkino eben. Oder: Dolomiti e Emozioni.

Stichworte:

Kategorie: Klettergruppe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.